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26. August 2007, 08:35 Uhr

Durchwahl ins Nirwana

Es war mir vergönnt: Ich habe bei der Telekom mit einer Göttin telefoniert. Mit der Schutzheiligen des Breitbandkabels, mit der Leitungs-Schiwa. Die Geschichte fing enttäuschend an, wie so viele Geschichten über die Telekom enttäuschend anfangen oder enden. Von Jan Weiler

© Kate Menschik

Ich wählte die Nummer der Bestellhotline, um einen Anschluss zu buchen, an dem ich eine DSL-Flatrate zu mieten gedachte, aber es gelang mir nicht, die erste Dame dazu zu bringen, diese Bestellung entgegenzunehmen, denn sie war mit einer winzigen Mühe verbunden: der Installation einer zweiten Leitung in der Wohnung. Sie verband mich weiter mit einem Kollegen, der mir eine ISDN-Anlage verkaufen wollte. Ich will aber keine. Er verband mich beleidigt weiter mit jemandem, der mir versicherte, mich zu verstehen, und mich rasch mit einem Mann verband, der sich als "Störungsstelle" meldete. Der sagte: "Das ist ein komplexes Thema."

"Warum? Ich will doch nur einen zweiten Anschluss in der Bude haben." "Aber das ist nicht in drei Minuten erledigt", antwortete er. "Na und? Muss es doch auch nicht", sagte ich. "Doch." Er schilderte mir das Effizienzgebot des Telekom- Callcenters. Ein Gespräch mit einem Anrufer dürfe niemals länger als drei Minuten dauern. Wer länger als 180 Sekunden mit einem Kunden telefoniere, gelte als ineffizient und gefährde seine Stellung. Daher würden viele der Kollegen Anspruch stellende oder von der Verzweiflung bereits mürbe Anrufer so lange weiterverbinden, bis sie zu Staub zerfielen. Hauptsache sei, täglich so viele Kundenwünsche wie nur irgend möglich entgegenzunehmen, an Lösungen sei kein Mensch interessiert.

Die Leitung ist töter als tot

In drei Minuten müsse er mich los sein, ob ich das verstünde. "Ja", log ich und fühlte mich wie ein Grippevirus. "Und nun verbinde ich Sie weiter." "Gibt es denn niemanden bei der Telekom, der mich und meine Bestellung ernst nimmt?" "Doch, da verbinde ich Sie ja jetzt hin. Das ist eine Nummer, die man nicht von außen erreichen kann. Dort nimmt man sich Zeit, dort hört man zu." "Warum ich? Warum tun Sie gerade mir diesen Gefallen?" "Ich mag Sie. Und ich habe gekündigt. Jetzt ist mir alles egal." Es knackte, und dann sagte eine junge Frau ihren Namen und fragte, wie sie mir helfen könne. Wir telefonierten 20 Minuten miteinander. Sie war nett. Sie versprach Hilfe. Sie notierte sich alles. Sie bestellte einen Techniker. Wir schieden als Freunde. Ob es so etwas auch bei anderen Unternehmen gibt? Geheimlogen der Dienstleistungsgesellschaft, in denen nichts waltet als schiere Freundlichkeit und kostenlose Hilfsbereitschaft und Superprodukte mit Superservice? Dann bekäme man bei McDonald’s plötzlich nach jahrzehntelangem klaglosem McRib-Runterwürgen den goldenen Schlüssel zu einem Untergeschoss gereicht, in dem zu Burgerpreisen Sternespeisen gereicht würden.

Dann würde der Miele-Kundendienst nicht nur Lochfraß beseitigen, sondern auch noch mit den Kindern die Schulaufgaben machen und die Fenster putzen. Wahrscheinlich existiert solcherlei längst für einen kleinen Zirkel von Konsumenten. Lounges in Flughäfen, die nicht mit Bonusmeilen, sondern nur durch gutes Benehmen ihre Tapetentüren öffnen. Wartezimmer, in denen Ärzte sitzen, die zu den Patienten in die Behandlungsräume geschickt werden. Ämter, in denen man mit den Nummern, die man zieht, an hoch dotierten Gewinnspielen teilnimmt. Zapfsäulen, die rückwärts zählen. Und die Telekom ist Vorreiter, wenn auch mit einem Service, der so verflixt geheim ist, dass sie ihn nicht bewerben kann. Und genau deshalb glaube ich, dass ich einem Scherz aufgesessen bin. Vielleicht war das Ganze bloß ein Spaß unter Callcenter-Kollegen. Alle haben um die Göttin herum gestanden und gefeixt und lauwarmen Prosecco getrunken. Gleich nach dem Gespräch hat sie meine ganzen Kundendaten kichernd gelöscht. Wie ich darauf komme? Der versprochene Techniker hat sich nie gemeldet. Die Leitung ist töter als tot. Alles ist wie immer. Ich bin wieder auf einer Stufe mit Ihnen allen. Schade.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 34/2007

Von Jan Weiler
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
TheWayne (27.08.2007, 07:57 Uhr)
Effizienz um jeden Preis!
Es zählt nicht, wievielen Kunden weiter geholfen wurde, sondern nur mit wievielen Kunden "gesprochen" wurde.
Für eine freundliche Begrüßung und das Schildern seines Wunsches bleibt gerade noch Zeit, dann wird man weiter verbunden und man erklärt wieder alles von Anfang an.
Ich hatte einmal das Vergnügen mit der Telekom-Hotline. Nach knapp 30 Minuten brauchte ich zum erklären meines Problemes keine 2 Minuten, sondern nur noch 15-20 Sekunden. Nach etwa 50 Minuten machte mich die Warteschleifenmusik langsam agressiv. Nach 2 Stunden kam ich bei der richtigen Stelle raus - Der Mitarbeiterin, bei der ich zuerst gelandet war. Da hatte ich genug forderte sie "freundlich aber bestimmt" auf mich mit ihrem Vorgesetzten zu verbinden.
Wenn ich nicht aufgelegt hätte, würde ich wahrscheinlich heute noch in der Warteschleife hängen!
Es gibt da nur 3 Möglichkeiten:
1. Man geht den Mitarbeitern des nächsten "T-Punktes" auf die Nerven bis denen der Telefonhörer am Ohr festgewachsen ist oder man rausgeworfen wird.
2. Man kennt jemanden der bei der Telekom arbeitet und einem hilft an die Stellen zu kommen, die einem helfen können.
3. Man geht zur Konkurrenz. Die Versprechen einem zwar mitunter Sachen, die sie nicht halten können, aber dafür hört man mal ne andere Warteschleifenmusik ;)
Babysitter (27.08.2007, 00:55 Uhr)
das kenn ich doch...
Einfach herrlich!! Das kommt mir alles sehr bekannt vor, und die Erfahrungen mit Telekom haben schon viele Leute gemacht, man erinnert sich an Buchbinder Wanninger, nur heutzutage spricht man dann mit ...drücken Sie die 1 oder ... drücken Sie die 3. Und irgendwann wird es einem zu viel!!!
senf-dazu-geben (26.08.2007, 20:54 Uhr)
Telekom und Dienstleistung? *Kicher*
Dazu fällt mir der Artikel vom 18.07. zur neuen Billigmarke "Congster" ein, den ich damals damit kommentiert habe, dass ich den Teufel tun würde, bei der Telekom eine Dienstleistung einzukaufen. Bei dem Service... viel Glück bei Ihrem Vorhaben, Sie werden es brauchen.
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