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27. Januar 2008, 09:14 Uhr

Mehr Sarkozy wagen!

Ganz Frankreich ist empört über Sarkozys gefährliche Liasion: Carla Bruni, bekannte Femme Fatale, trägt nicht zum seriösen Auftreten eines Staatsoberhauptes bei. Dabei täte so ein "Prickel-Faktor" auch unseren Politikern gut. Von Jan Weiler

© Kat Menschik

Folgende Meldung sah ich kürzlich in der "Tagesschau". Man zeigte dort sechs Mitarbeiter einer französischen Hilfsorganisation, die nach einer Gerichtsverhandlung in einen Bus stiegen. Sie waren im Tschad eines Verbrechens angeklagt und soeben zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden.

Der kurze Film lief also, und ich machte mir Sorgen um die Leute, als der Nachrichtensprecher sagte, der französische Staatspräsident Sarkozy hätte sich bisher nicht zu der Verurteilung der Arche-de-Zoé-Mitarbeiter geäußert. Er befinde sich zurzeit mit seiner Freundin, dem früheren Model Carla Bruni, auf einer Urlaubsreise in Ägypten. Das ist doch so ziemlich das Eleganteste, was ich in den letzten Jahren gehört habe. Und es entfaltete augenblicklich eine bildmächtige Wirkung, denn ich dachte überhaupt nicht mehr an die armen, in afrikanischer Kerkerhaft hadernden Franzosen, sondern an Carla Bruni und den kleinen Sarkozy, wie sie auf einer Yacht sitzen und vor Verliebtheit laut juchzend Rotweinflecken salzen.

Welch eine Strategie! Ich wette, Sarkozys Landsleuten geht es genauso wie mir. Brennende Vorstädte, korkiger Wein, Streiks? Alles nicht so glühende Themen wie Sarkozys Liebesleben. Unsere gute "Tagesschau" hat dies erkannt und in ihren Bericht diesen kleinen Nebensatz eingeflochten.

Ich bin ein bisschen neidisch auf die Franzosen und ihren Präsidenten. Unser Land wäre viel besser drauf, wenn unser politisches Personal nur ein wenig glamouröser wäre, bloß ein kleines bisschen so wie der französische Präsident. Ist das denn zu viel verlangt? Ständig sehen wir griesgrämigen Politwürsten wie Roland Koch oder Kurt Beck im Fernsehen beim Schwitzen zu. Ein bisschen Sarkozy-Pfeffer könnte deren Talkshow-Auftritte deutlich aufwerten.

Man sollte Koch und Beck dringend auffordern, sich während der Sendung von hübschen jungen Damen, die bei ihnen auf dem Schoß sitzen, mit Konfekt füttern zu lassen. Das wäre sehr unterhaltsam, besonders wenn sie auch dann Pralinen ins Maul geschoben bekämen, wenn sie gerade das Wort hätten. Auch wer die Weihnachtsansprache unseres eigenen Präsidenten verfolgt hat, wünscht sich nichts sehnlicher als eine Prise Jetset.

Das Staatsoberhaupt saß an einem abgeschabten Schreibtisch mit zu hoher Arbeitsplatte, hinter sich eine staubige Gardine und ein ungeputztes Fenster. Was er mitzuteilen hatte, geriet über die trübselige Inszenierung stark in den Hintergrund.

Politpersonal mit Sarkozy-Glamour

Wie überaus prickelnd wäre es, wenn stattdessen Reinhold Beckmann zu sehen wäre, aufgeregt rufend: "Wir schalten nun um zur Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten, live aus der Schneebar von Ischgl." Und dann käme der Präsident und trüge ein Stirnband mit angenähter Perücke. Der Text könnte ja ruhig derselbe bleiben. Stellen wir uns bloß mal vor, wie sich unser Land verändern würde, wenn unser Politpersonal plötzlich Sarkozy-Glamour besäße. Das wäre wunderbar, unserer Laune würden wild schlagende Flügelchen wachsen.

Malen Sie sich doch zur Probe mal folgenden Nachrichtentext aus: "Bundeskanzlerin Merkel fehlte beim Krisengespräch, sie befindet sich zurzeit mit ihrem neuen Freund, dem Model Marcus Schenkenberg, auf einer Nilkreuzfahrt." Denken Sie jetzt noch an eine Krise? An einen runden Tisch mit Manfred Schell?

Noch eine Probe: "Frank-Walter Steinmeier konnte im Untersuchungsausschuss nicht aussagen, denn er befindet sich gerade mit seiner neuen Freundin, dem früheren Model Cindy Crawford, im Tauchurlaub auf den Malediven." Wollen Sie diesem glücklichen Mann wirklich abverlangen, einmal die Wahrheit zu sagen? Oder: "Wolfgang Schäuble blieb der Kabinettssitzung fern, er befindet sich mit Stephen Hawking im Weltraum." So. Die Probleme unseres Landes wären nicht gelöst, zugegeben. Aber das werden sie in Frankreich auch nicht, und darauf kommt es auch nicht an. Es geht nur um das Gefühl, im besten Land der Welt zu leben. Und das Gefühl haben sie gerade in Frankreich. Jede Wette.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 04/2008

Von Jan Weiler
 
 
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