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13. Juli 2008, 03:29 Uhr

20:0 für Mückenloch

Heute die fünf wesentlichen Erkenntnisse der abgelaufenen Fußball-Europameisterschaft. Auf Platz fünf: Die griechischen Helden sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Von Jan Weiler

© Kat Menschik

Trainiert vom Essener Malermeister Otto Rehhagel, boten die griechischen Fußballer eine Vorstellung, die den unvoreingenommenen Beobachter schnell an den Gammelfleischskandal denken ließ, an uralte Buletten und zähen Hammel. In der Imbiss-Gastronomie werden derartige Tierrückstände gern unter Zuhilfenahme von allerhand Gewürzen als "Resteplatte Agamemnon" auf die Tageskarte geschrieben. Bleibt man im Bild, muss man sich Rehhagel nun als mäßig glücklichen Tavernenwirt vorstellen, dessen Resteplatte von den Gästen verschmäht und zurückgegeben wurde.

Platz vier: Čechs Mütze ist das Accessoire des Jahres. Petr Čech trägt seit einiger Zeit eine bemerkenswerte schwarze Kopfbedeckung, eine Art Schutzpanzer für den Schädel, welchen er sich vor eineinhalb Jahren beim Spiel des Chelsea FC gegen den FC Reading gebrochen hat. Vermutlich sind die Knochen längst zusammengewachsen, und es steht nicht zu befürchten, dass Čech auseinanderfällt, sobald ihm ein Ball auf den Kopf plumpst. Er trägt seine Mütze womöglich auch gar nicht, weil er sich vor angreifenden Gegnern fürchtet, sondern wegen seiner eigenen Teamkollegen. Mannschaftskameraden neigen nämlich dazu, dem Torwart pausenlos den Kopf zu tätscheln, entweder zum Trost oder zum Dank. Und das mag der Petr Čech nicht, weil mit jedem gut gemeinten Klaps gleich mehrere Schuljahre von der Festplatte gelöscht werden. Trotz aller Schutzmaßnahmen griff Čech gegen die Türken kapital daneben und schied aus. Die Mütze lag danach im Gras wie der Helm eines geschlagenen Ritters.

Auf Platz drei: Deutschland gewinnt gegen Portugal mit 20 : 0. Jedenfalls nach der Zählweise meines Sohnes Nick. Dieser sieht mit Begeisterung und ohne jeden Sachverstand die Spiele unserer Nationalelf an und jubelt wie ein afghanischer Widerstandskämpfer, sobald ein Tor fällt. Er springt auf, er schreit und pustet in ein sagenhaft nervtötendes Membranofon, welches ich blöd genug war, ihm zu schenken. Dann wird der Treffer in Zeitlupe wiederholt, und er glaubt, es sei ein weiteres Tor gefallen. So geht das noch zweimal, und ruck, zuck steht es 4 : 0 für die Deutschen. Auch Gegentreffer schreibt er unserer Nationalmannschaft zu, welche am Ende in seinen Augen einen 20 : 0-Kantersieg errungen hat. So schön ist Fußball nur, wenn man fünf ist.

Platz zwei: Der moderne Fußballspieler besitzt mindestens einen beschrifteten Arm. Der Trend in der Fußballertätowierung geht weg vom Babyfoto und eindeutig hin zur Textmitteilung. Der Unterarm als hautgewordene SMS war bei vielen Spielern zu bewundern. Unsereins hatte früher auch dann und wann typografierte Unterarme, besonders in Biologieund Matheklausuren. Es ist aber unwahrscheinlich, dass Torsten Frings den Zitronensäurezyklus auf dem Arm hat. Bei ihm stehen wahrscheinlich schlichte Handreichungen zur erfolgreichen Lebensführung drauf, zum Beispiel "Rechts stehen, links gehen" oder "Friseur nicht vergessen!!!"

Platz eins: Die Kaderschmiede des deutschen Fußballs heißt BSC Mückenloch. Den gibt es wirklich. Habe ich im McDonald's-Stickerheftchen gelesen. Wer hat nämlich in Mückenloch seine Karriere begonnen? Hansi Flick. Mückenloch ist ein Stadtteil von Neckargemünd, das bei Heidelberg liegt. Der Ort befindet sich in einer Gegend schöner Bachläufe, und die werden massenhaft von Mücken bewohnt, welche die Kinder beim Fußballtraining seit Jahrzehnten in die Waden piksen. Wer das klaglos übersteht, dem können vierte Schiedsrichter in der Coaching-Zone nichts mehr anhaben. Mückenloch klingt als Ortsname so zauberhaft wie die Verniedlichung von Hans-Dieter zu Hansi. Der Hansi aus Mückenloch. Das ist am Ende von solch einer romantischen Sanftmut, als habe es sich ein Kinderbuchautor ausgedacht. Skandal: Auf der Homepage des BSC Mückenloch wird der größte Sohn des Vereins - der Hansi - mit keiner Silbe erwähnt. Aber als am 12. Juni 1970 das Sportgelände und das Klubhaus eingeweiht wurden, da kam sogar Landrat Steinbrenner. Damals war Hansi Flick fünf Jahre alt. Genau wie mein Nick jetzt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 28/2008

Von Jan Weiler
 
 
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