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20. Juli 2008, 09:00 Uhr

Problemzone Kindergarten

Warum eigentlich immer ich? Interessante Frage, viel interessanter noch als jene, was der Papst morgens nach dem Aufstehen macht, außer beten. Ob ihm dann manchmal der Gedanke kommt, er könne ausnahmsweise etwas Verrücktes anstellen? Von Jan Weiler

© Kat Menschik

Es ist nicht wahrscheinlich, aber möglich, dass der Papst bei der Morgenbesprechung, wenn er mit seinem Privatsekretär Georg Gänswein die Termine durchgeht, hier und da den Wunsch verspürt, in die Hände zu klatschen und zu rufen: "Kinder! Heute lassen wir das mal alles. Ich schlage vor, wir machen in den Vatikanischen Gärten ein Beachvolleyball-Turnier. Wir gegen die Schweizer Garde!" Da wir aber niemals erfahren werden, ob derartige Vergnügungen in der Lebensplanung von Papst Benedikt XVI. eine Rolle spielen, lieber zurück zu der Eingangsfrage: Warum eigentlich immer ich?

Warum werde ausgerechnet ich ständig von Kindergärtnerinnen zusammengefaltet? Die hassen mich. Das war schon immer so, seit unser Sohn in den Kindergarten geht. Zuerst schickten wir ihn in einen Waldkindergarten, weil wir das für modern hielten. Nick fand es eher ziemlich altmodisch und hatte damit recht. Wenn er zum Beispiel aufs Klo wollte, musste er ein Loch graben, in welches er dann kacken sollte. Das gefiel ihm aber nicht, und er machte lieber in die Hose. Folgerichtig wurde ich beim Abholen regelmäßig von der Kindergärtnerin angepampt. Irgendwas in der Vater-Sohn-Beziehung sei offensichtlich gestört, da suche Nick ein Ventil für seine Frustrationen. Ich machte mir ernsthaft darüber Gedanken, bis mir einfiel, dass auch ich ungern in Löcher mache. Ich erinnere mich an frühe Ferienaufenthalte in Frankreich und mit welchem Ekel ich barfuß auf geriffelten französischen Campingklokacheln gehockt habe, um in Löcher zu machen. Warum sollte Nick etwas mögen, das ich nicht ausstehen kann?

Wir meldeten ihn ab, und er kam in einen katholischen Kindergarten. Nach drei Wochen brach er weinend über seinem Mittagessen zusammen und war kaum zu trösten. Was denn los sei, fragte ich ihn, und Nick schluchzte, dass der Jesus bloß wegen seiner vielen Sünden gestorben sei. Wir meldeten Nick ab, und seitdem geht er in den Gemeindekindergarten. Sie haben dort Toiletten, niemand muss Löcher graben, außer zum Vergnügen. Und Sünden werden sofort bestraft oder vergeben, ganz ohne Umweg und Stellvertreter. Meistens muss ich büßen. Im November erschienen wir nicht zum Sankt-Martins-Zug. Nick wollte lieber bei seiner großen Schwester mitlaufen. Tags darauf wurde mir von einer feuchtäugigen Erzieherin ausführlich mitgeteilt, dass alle ganz, ganz traurig gewesen seien, weil der Nick nicht da war.

Das Vatermonster

Einmal schmuggelte ich Nick einen Schokobonbon in die Brotdose. Am Mittag bat mich die Kindergärtnerin, dies künftig zu unterlassen, weil es die anderen Kinder sehr, sehr traurig mache, wenn einer sich nicht an die Regeln halte. Ständig sind sie dort ganz, ganz traurig und sehr, sehr enttäuscht. Von mir, dem Vatermonster. Ich vergesse die Turnsachen, ich packe keine Kartoffel zum Basteln ein und erhalte dafür täglich beim Abholen einen kleinen Heb-Senk-Einlauf. Auch in der Kleiderordnung versage ich. Manchmal ziehe ich Nick falsche Schuhe an oder sogar Gummistiefel, wenn es schnell gehen muss. Kindergärtnerinnen haben ein Gespür dafür, wenn Väter es eilig haben. Und das ist ganz, ganz traurig. Kindergärtnerinnen halten sich für die besseren Väter.

Bei Müttern trauen sie sich nicht, was sie sich bei mir trauen, dem eiligen pflichtvergessenen Barbar, der neulich nicht mitbekam, dass sein Sohn heimlich eine kleine Flasche Cola Zero in seine Tasche geschmuggelt hatte. Man nahm sie ihm ab und zeigte sie mir, als ich ihn abholte: "Bitte geben Sie Ihrem Sohn so etwas nicht mehr mit. Das ist ganz, ganz schädlich." "Aber ich habe sie ihm nicht gegeben. Er hat sie heimlich mitgenommen." Darauf sie mit nässenden Augen: "Bitte!" Sie fügte dann noch hinzu, dass sie meine Probleme auch mal beim Elternabend diskutieren wolle.

Solche Probleme hat der Papst natürlich nicht. Er muss sich Zeit seines Lebens nie mit Kindergärtnerinnen zanken. Ist Vater, Heiliger Vater sogar - und muss trotzdem nie zum Elternabend.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 29/2008

Von Jan Weiler
 
 
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