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31. August 2008, 05:27 Uhr

Hochzeit mit Todeskampf

Wir saßen im Garten von Freunden, die wir lange nicht besucht hatten. Nebenan war inzwischen gebaut worden, und zwar scheußlich, wenn ich das mal sagen darf. Im Augenblick wird überall Zeugs hingestellt, über das man sich in spätestens 20 Jahren schieflacht. Von Jan Weiler

© Kat Menschik

Der sogenannte mediterrane Stil erfasst gestaltungswütige Architekten, die jetzt gerne mit funktionslosen Säulen und ausdrucksstarken Fassadenfarben arbeiten und auf diese Weise selbst in Buckow, Brakel und Butzbach das Gefühl erzeugen, ganzjährig in einer spanischen Feriensiedlung zu leben. So eine schwammtupftechnisch aprikosenhafte Bude steht nun also seit Kurzem in direkter Nachbarschaft zu unseren Freunden, die am liebsten ständig eine Sonnenbrille tragen würden, auch nachts. Oder gleich eine Tüte über dem Kopf. Man kann sich gut vorstellen, dass die weitgehend aus Zähnen bestehende CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer genau so wohnt. Pfiffig halt. Die Abrissbirnen schaukeln aus lauter Vorfreude.

Manchmal grillen die neuen Nachbarn mit ihrem vierrädrigen Gasdings, und unlängst haben sie geheiratet. Das war an dem Tag, an dem wir nebenan den Weltuntergang herbeisehnten. Die Leute verbanden ihre Hochzeit mit einem Housewarming, zu dem Freunde und Verwandte aus ganz Deutschland herbeigeeilt kamen, um auf dem frisch gesäten Rasen Bellini zu trinken und von der mutigen Architektur des Eigenheims zu schwärmen.

Ein Böller forderte ein quakendes Opfer

Dann wurden Reden gehalten, wir erfuhren einiges über Tobias und Susanne von nebenan. Dass der Tobias beispielsweise ein ausgezeichneter Risiko-Mathematiker und Trompeter sei, was er höchstpersönlich mit einem Ständchen für die Susanne unterstrich. Er blies ihr "La Montanara", was aufgrund seiner Trunkenheit eine ganz eigene Melancholie entfaltete. Dann wurde ein dicker Ast zersägt, und Tobias schleppte seine Susanne durch ein herzförmig ausgeschnittenes Bettlaken. Anschließend wieder eine Rede, Musik, eine Rede und gegen 23 Uhr ein kurzes Feuerwerk mit von Tobias seit Silvester zurückgehaltenen Sprühböllern und Raketen. Eine schlug auf dem Rückweg vom Himmel in Susannes Goldfischteich ein und forderte ein sentimental im Todeskampf gegen die Partymusik anquakendes Opfer.

Wir ließen unsere Freunde zurück und fuhren nach Hause. In dieser Nacht hatte ich einen Albtraum. Ich stand mit den anderen Gästen von Tobias und Susanne auf der Marbella-Terrasse ihres Eigenheims und trank Bellini, als der Vater des Bräutigams das Wort ergriff: "Liebe Gäste, liebe Susanne, mein lieber Sohn. Ich stehe hier und kann nicht anders, denn einer muss es mal sagen, und das steht mir, dem Vater, zu. Jedenfalls: Ich finde, lieber Tobi, für einen Bettnässer hast du dich erstaunlich gemacht. Nein, kein Applaus jetzt! Wenn jemand es schafft, trotz seiner für alle sichtbaren Unzulänglichkeiten überhaupt eine Frau zu finden, dann ist das alle Ehren wert. Jetzt könnt ihr klatschen. Danke schön. Gut, die Susanne, na ja, die ist jetzt nicht, wie soll ich sagen, für einen normalen Mann geeignet. Aber zu dir passt sie wie die Fliege auf die Frikadelle. Ich finde es gut, dass ihr den Mut hattet, über diese Agentur in Kontakt zu treten. Und dass du beim ersten Treffen so viel getrunken hast, das kann jeder verstehen, aber am Ende hat dir die Susanne gefallen, und das ist die Hauptsache. Und da muss ich jetzt mal sagen: Die Susanne hat sich dich nicht schöngetrunken. Die hat dich von Anfang an gemocht. Das macht uns sehr glücklich, die Mama und mich, denn wir haben immer gedacht, der Tobi sitzt für ewig bei uns unterm Weihnachtsbaum. Aber nun könnt ihr euch einen eigenen Weihnachtsbaum kaufen, und dafür danken wir dir, Susanne. Und eines noch zum Schluss: Wir möchten, wenn es geht, bitte keine Enkelkinder. Noch mal das ganze Elend unseres Sohnes zu durchleben, das wäre wirklich zu viel verlangt für die Mama und mich."

Der Vater hob sein Glas und wollte noch etwas hinzufügen, aber Tobias warf den Gasgrill durch die Terrassentür. Die Vorhänge fingen Feuer, und bald brannte alles lichterloh. Die im Traum sofort angerückte Feuerwehr löschte jedoch nicht, sondern stand nur daneben und trank Prosecco aus der Flasche. Auch wenn ich dies als Pflichtverletzung empfand, sagte ich nichts, stand nur dabei und sah in die glodernde Lut, wie Edmund Stoiber vielleicht gesagt hätte, wenn er dabei gewesen wäre. War er aber nicht.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 35/2008

Von Jan Weiler
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
hevosenkuva (01.09.2008, 12:44 Uhr)
gab schon besseres
Ein alter Spießer spottet über einen neuen, wie lustig. Holzkohlegrill gegen Gasgrill, Rauputz gegen Schwammtechnik, Bier gegen Bellini. Und das noch satirisch überhöht, jedenfalls im gescheiterten Ansatz.
(unverhohlenes Gähnen)
Nichts für ungut...
Xennia (31.08.2008, 17:30 Uhr)
Satire auf den neuen Spießer
Dies ist eine gelungene Satire auf die neuen deutschen Spießer, die lärmende Gartenparties, die die Nachbarschaft ordentlich nerven und mediterrane Einfamilienhäuser im spanischen Stil auf ehemaligen Kuhwiesen zu ihrem Lebensstil bzw. zu ihren Statussymbolen machen.
Maria1000 (31.08.2008, 14:33 Uhr)
Gute Rede des Vaters!
Und diese lächerlichen Prolls,die immer meinen, die Nachbarschaft "schätzt" wenn sie das gesamte Privatleben aus dme Garten akkustisch miterleben muss, gehen mir auch seit Jahren auf den Senkel...dazu dann noch die optische Umweltverschandelung durch diese ganzen Pseudo-Stil-Bauten...
august51 (31.08.2008, 13:27 Uhr)
Was soll das?
Ich verstehe diesen Artikel nicht. Soll das Satire sein? Soll hier jemand durch den Kakao gezogen werden?
Oder ist es die typisch deutsche Miesmacher-Mentalität, die der gute Herr Weiler hier verbeitet?
Ich tippe auf Letzteres.
Den Artikel kann man sich schenken. Eigentlich kann man sich den ganzen Stern schenken. Habe gestern bei Friseur durchgeblättert und war nach 10 Minuten fertig damit.
Käseblatt!
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