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23. November 2008, 10:35 Uhr

Event-Horror

Anglizismen sind gang und gebe, vor allem in der Werber-Sprache sind sie besonders beliebt. Neben "Action" oder "Thriller" grassiert derzeit vor allem die "Event-Kultur". Von Jan Weiler

© Kat Menschik

Zu den unerträglichsten Begriffen deutscher Sprache gehört das Wort "Event". Nun werden Sie als top eloquent best timer and smart shopping target group member bestimmt entrüstet rufen: "Was heißt hier bitte schön deutsche Sprache? Das ist doch kein Deutsch", aber "Event" steht als Lehnwort sowohl im Deutschen Universalwörterbuch als auch im Rechtschreibduden.

Das wäre schon schlimm genug, und dieser Text könnte hier mit dem übellaunigen Statement enden, dass es nicht für alles ein englisches Wort braucht, schon gar nicht für Event. Oder Statement. Aber leider fängt mit dem Ritterschlag für das kümmerlich doofe Wort "Event" das ganze Unheil erst an, denn leider begegnet man ihm nicht nur im Wörterbuch, wo man so einen Begriff ja einfach als in der Dunkelheit zwischen zwei Buchdeckeln vor sich hin vegetierenden Quatsch ignorieren könnte, sondern überall. Unser ganzes Leben ist inzwischen ein einziges Event. Schreckliche Fernsehfilme mit Veronica Ferres heißen zum Beispiel nicht mehr schreckliche Fernsehfilme, sondern Event-Movies.

Ein Event-Movie geht so: Veronica Ferres spielt eine Mutter, die durch die rauchenden Trümmer von Dresden, durch Ost-Berlin, durch Westafrika irrt und ihr Kind, ihren Mann, ihre Wohnung sucht. Dabei trifft sie auf Heino Ferch, Heiner Lauterbach, Michael Mendl, der einen ausgebombten Industriellen, Adligen, General spielt, und das alles nicht hat kommen sehen, nicht verhindern konnte, im Grunde ein guter Kerl ist. Ihre keimende Zuneigung wird von bösen Russen, Behörden, sinistren Knechten des globalen Kapitals torpediert, aber am Ende wird alles gut, und neben dem Kind, dem Mann und der verlorenen Wohnung taucht außerdem ein Erblasser, die Wende, Christiane Hörbiger auf und verleiht dem Schluss des Films zusätzlichen Event-Charakter. Drei- oder viermal im Jahr werden diese Ereignisse heftigst betrailert (früher: beworben), und seltsamerweise finden sich immer ein paar Millionen Deutsche, die das sehen wollen, obwohl man ja auch mal ein gutes Buch lesen oder sich das Holzbein polieren lassen könnte.

Ebenso medioker, aber nicht jedem Fernsehzuschauer zugänglich sind Veranstaltungen, die von Event-Agenturen zu einem Ereignis gemacht werden. Gerade las ich den Newsletter einer Event-Firma namens Trendhouse, welche mich unter anderem darauf hinwies, dass es im Münchner Käfer-Stammhaus nun einen Raum gebe, in welchem bis zu 45 Gäste in "absoluter Wohlfühl-Atmosphäre" Platz fänden. Was damit wohl gemeint sein mag? Ist Wohlfühl-Atmosphäre so eine Art Steigerung der normalen irdischen Atmosphäre? Haben die bei Käfer eine spezielle Käfer-Atmosphäre mit der Luft beigemengtem Lachgas? Die Event-Manager von Trendhouse gehen darauf leider nicht weiter ein, fügen aber hinzu: "Für die beliebten 'Kaminabende' gibt es sogar einen Kamin." Donnerwetter. Andererseits: Einen Kaminabend ohne Kamin fänd ich schon ein echt spektakuläres Ereignis.

Die schlimmsten Events, die ich kenne, finden in schlecht beheizten Zelten auf matschigem Grund statt und fallen unter die Albtraum-Rubrik "Eventgastronomie" (steht ebenfalls im Duden). Ich musste schon mehrfach in diese Zelte, und es war immer traumatisch. Im Namen eines berühmten Kochs gab es dort alle zwei Stunden etwas zu essen, und was es gab, wurde von lustigen Kellnern gebracht, welche die Teller mit Glosche servierten. Diese wurden zeitgleich abgehoben, und unter meiner befand sich ein Gummihuhn, welches vom Oberkellnerclown herumgezeigt wurde. Hahaha. Dann fragte er mich, woher ich käme, und ich sagte fatalerweise "Düsseldorf ", was ihn dazu inspirierte, den Rest des nicht enden wollenden Abends alle zwanzig Minuten mit dem Finger auf mich zu zeigen und Sätze zu sagen wie: "Jacques, dieses Stück Fleisch kann man niemandem zumuten - außer unserem Freund aus (Achtung!) DÜSSELDORF." Hahaha.

In dem Zelt herrschten gefühlte 1000 Grad, ich musste trinken, trinken, trinken und mir arme russische Schlangenmenschen ansehen sowie den grauenhaften Oberkellner, wie er mit einem Einrad auf mich zufuhr, im allerletzten Moment bremste und sagte: "Da hätte ich ihn ja beinahe umgefahren, unseren Gast aus: DÜSSELDORF." Hahaha. Gern hätte ich diese Nervensäge mit einem Baguette erschlagen. Wäre ein guter Moment für die Show gewesen. Ein Event, über das sogar die Zeitungen berichtet hätten. Event-Killing sozusagen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 47/2008

Von Jan Weiler
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
atticus (24.11.2008, 13:15 Uhr)
HAHAHA
genial. Ich finde, man sollte eine Vereinigung mit dem Ziel, V. Ferres aus dem Fernsehen zu verbannen, gründen. Die ist sooo schrecklich.
STR_EDDS (24.11.2008, 12:37 Uhr)
Volltreffer
Heute früh war bei uns ein Treffen mit unserer Agentur. Nach 60 Min. Dauer-Werberquassel las ich diesen Artikel. Eigentlich hätte ich ihn ausdrucken und dem Werbeheini an den A.... tackern sollen.
.
Und, wie? Nicht lustig. Der ist super zu lesen, geistreich, ein Holzbei kommt auch vor...
.
Weiler, nicht mieß machen lassen, von ein paar Stattler & Waldorfs ohne Humor.
Gallagher (24.11.2008, 12:06 Uhr)
100%-ige Zustimmung!!!
Mr. Weiler, 100%-ige Zustimmung!!!
Nive (24.11.2008, 11:26 Uhr)
Ein bischen Werbung
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Schlimmer als Event finde ich Handy
flobec (24.11.2008, 10:57 Uhr)
Herr Weiler mag witzig sein, oder auch nicht, aber..
... mit dem Satz: "schreckliche Fernsehfilme mit Veronica Ferres heißen nicht mehr schreckliche Fernsehfilme, sondern event-movie", hat er zumindest mir den Tag gerettet.
danov (24.11.2008, 10:51 Uhr)
Warum lest ihr die Kolumne?
Nur, um danach zu motzen? Habt Ihr nichts besseres zu tun? Wenn Euch die Kolumne nicht gefällt, dann lest sie einfach nicht.
Ich find´s amüsant und unterhaltsam.
Weiter so, Herr Weiler...
Sublucem (24.11.2008, 10:50 Uhr)
*lachweg*
Genial, einfach nur genial. Danke :)
Don.Krawallo (23.11.2008, 16:27 Uhr)
Mehrfach
Wer sich um die Sprache sorgt, sollte bei sich beginnen - oder erklären, wie er "schon mehrfach" in diesen Zelte (oder sonstwo) war. Wie macht man das, wie ist man "mehrfach" irgendwo?
norberto (23.11.2008, 16:02 Uhr)
voll daneben
Dieser Artikel ist komplett überflüssig und das Zeilenhonorar sollte nicht dem Autor sondern der Welthungerhilfe zu Gute kommen.
Ford.Prefect (23.11.2008, 14:50 Uhr)
Lustig
Dieser Artikel ist lustig, weil er wahr ist.
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