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7. Dezember 2008, 10:56 Uhr

Ballettrattengift

Tanzen, Tanztheater und Ballett erschließen sich nicht jedermann. Manche Tänze sind gar nicht als solche zu erkennen und bei anderen stört irgendwie die Musik. Aber vielleicht hat das Ganze auch etwas Gutes? Von Jan Weiler

Ballett, Fechten, Pina Bausch, Choreografie

© Kat Menschik

Momentan findet das Internationale Tanzfestival 2008 in Nordrhein-Westfalen statt. Es trägt den Untertitel "3 Wochen mit Pina Bausch". Sie ist die bedeutendste Choreografin der Gegenwart und kommt aus Solingen, genau wie Veronica Ferres. Das ist die bedeutendste Schauspielerin der Gegenwart. Entschuldigung. Das war jetzt Spaß. Auf jeden Fall ist Pina Bausch richtig toll, ein Weltstar, stilbildend. Ihre Choreografien bewegen tief. Wenn man Tanzen mag. Ich tanze selbst auch gerne, ich bin ein ausgezeichneter Tänzer. Das Einzige, was mich dabei immer stört, ist die Musik. Noch einmal Entschuldigung. Ein Kalauer. Das hat mit dem Tanzen zu tun. Mir erschließt sich das Tanztheater leider nicht. Das ist für mich wie moderne Lyrik und Voltigieren: Irgendwie bringe ich dafür nicht den nötigen Ernst auf. Fatal, fatal, sogar ein wenig peinlich. Manchmal erkenne ich Tänze als solche gar nicht erst.

Wenigstens bin ich nicht der einzige Unbeschlagene. Vor Kurzem sorgte zum Beispiel ein Urlauberehepaar aus Karlsruhe für Aufregung bei der Allgäuer Polizei, weil es telefonisch eine Massenschlägerei meldete. Zwischen Sonthofen und Oberstdorf schlügen sich mehrere Personen heftig, berichtete es der Polizei. Und ein Mann läge schon am Boden. Die Polizei rückte mit drei Streifenwagen an und traf am Tatort auf Mitglieder des Trachtenvereins Altstädten, die eine Tanzprobe ins Freie verlegt hatten. So etwas könnte mir auch passieren. Wahrscheinlich bin ich einfach borniert. Immerhin kann ich für mich in Anspruch nehmen, dass ich es wenigstens versucht habe mit dem klassischen Tanztheater. Also eigentlich nicht ich, sondern Carla, meine Tochter. Sie war jahrelang im Ballett. Und auf diese Weise war ich auch irgendwie im Ballett, denn irgendjemand musste ja zu den jährlichen Darbietungen der Ballettschule gehen.

Ein Stück für alle Altersgruppen

Das war, ich bitte ein drittes Mal um Entschuldigung, eine Qual. Man erwarb eine Karte und erschien pünktlich. Um sämtliche Schüler aller Altersgruppen auf die Bühne zu bringen, dachte sich die Lehrerin eine Spielhandlung aus, die angeblich jedes Jahr neu war, sich in Wahrheit aber ständig wiederholte: Ein armes verwaistes Geschwisterpaar läuft durch eine Blumenwiese (eine Gelegenheit, die Kleinsten als Blumen auftreten zu lassen) und begegnet dort einer Fee (Solo!), die ihnen mitteilt, dass sie alle gefangenen Vöglein (Gruppe der Siebenjährigen) befreien könnten, wenn sie in den Finsterwald gingen und dort den Wunderstein aus den Händen der großen bösen Spinne (Solo!) stählen.

Also zieht das Geschwisterpaar los und übersteht allerhand Gefahren (Angriff der Bienen, verzauberte Bäume, Frösche auf Seerosen), bis schließlich der Stein aus dem Netz der Spinne und sämtliche Vögel befreit sind. Großes Finale, Applaus, Applaus. Anschließend Kuchen, wobei auch die DVD der Aufführung bestellt werden konnte ("nur 30 Euro, bitte, Papa!"). Die Liebe eines Vaters lässt sich daran messen, wie oft er freiwillig zu dieser Tanzpein geht. Besonders erinnerlich ist mir in diesem Zusammenhang der regelmäßige Auftritt eines von Jahr zu Jahr dicker werdenden Mädchens, das stets schwer abhob (ächz), um dann krachend auf dem Bühnenboden zu landen (wumm), was ihre Eltern total süß fanden.

Irgendwann verlor Carla das Interesse für Ballett und verlegte sich aufs Fechten, was mir gut gefällt, weil es da weder Seerosen, noch Blümchen, noch böse Spinnen gibt.

Die Sache mit dem ersten Freund

Ballett hätte für unsere Tochter aber auch etwas Gutes, denn zum Ballett gehen nur gepflegte junge Damen und Herren mit tadellosen Umgangsformen. Wie gerne hätte ich es erlebt, dass sie uns eines Tages einen reschen Buben vorstellt, einen mit rosa Polohemd und Zopfpulli, dessen Vater eine Zementfabrik besitzt, im Gemeinderat sitzt und auch gerne mal mit den Bauanträgen hilft, wenn es mit den Kindern gut klappt.

Da Carla jedoch mit dem Ballett gebrochen hat, müssen wir uns nun darauf einstellen, dass sie uns eines Tages einen Kerl in einem langen schwarzen Mantel anschleppt, so einen Blässling mit schwarzen Fingernägeln. Sie wird sagen: "Das ist der Martin. Aber er nennt sich lieber Fürst der Dunkelheit, und er kann euch leider nicht die Hand geben, weil er befürchtet, dass ihr ihm die Energie aus dem Körper zieht. So, wir gehen dann mal in mein Zimmer."

"He", werde ich rufen. "Was macht denn der Martin so?" Wahrscheinlich wird sie mich richtig doof dastehen lassen und antworten: "Der ist Choreograf. Bei Pina Bausch."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 49/2008

Von Jan Weiler
 
 
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