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28. Dezember 2008, 06:07 Uhr

Mareike auf Eso-Trip

Jan Weiler wird in dieser Woche nach allen Regeln der Esoterik bekocht - so richtig schmackhaft ist das leider nicht. Von Jan Weiler

Eso, tantra, lotus, meditation, esoterik

© Kat Menschik

Mareike heißt jetzt Loo-Na-A und kocht nach Blutgruppen. Sie ist eine alte Freundin meiner Frau, wackelt mit dem Kopf und klimpert mit ihren Armreifen hin und her, was mir das Gemüt binnen weniger Minuten verharzt. Sara und ich haben ihretwegen schon öfter gestritten. Dann nannte Sara mich intolerant, humorlos und keine Spur offen. Im Gegensatz zu Mareike, die hat schon alles ausprobiert: Kabbala, Schaman- und unzählige weitere -ismen, Mondgesang, Mönchsgesang, Rosenkreuzertum, Heilbeten, -fasten, -tanzen, dazu nahezu jedes gestalterische Hobby vom Blumenpressen bis zum Vaginalorgelspiel. Fragen Sie mich bitte nicht, was das ist. Jedenfalls lud sie uns zu einem Blutgruppenmenü ein.

"In den Kosmos"

Einige Tage vor unserer Verabredung rief sie an und fragte nach meiner Blutgruppe. Die wusste ich natürlich nicht und sagte: "Meine Blutgruppe ist 75C, und mein Sternzeichen ist Ente süßsauer." Sie reagierte nicht darauf, sagte "Du hast eine tolle Energie" und legte auf. Sara verpflichtete mich dazu, Loo-Na-A nicht zu hänseln. Das sei eine gute Lektion in Toleranz.

Vorigen Samstag klingelten wir pünktlich, und Loo-Na-A öffnete in irgendwas, was wie eine Kreuzung aus einem Beduinenzelt und einem Ikea-Teppich aussah. Hinter ihr Gatte Klaus, ein freundlicher, stiller Mann, von Beruf Proktologe. Menschen wie er haben es buchstäblich den ganzen Tag mit Arschlöchern zu tun. Wenn er abends, nachdem er drei Dutzend Hämorrhoiden verödet hat, nach Hause kommt, muss er sich stundenlang den Mondphasenquark seiner Frau anhören. Ich bewundere ihn in jeder Beziehung. Loo-Na-A stellte meinen mitgebrachten Rotwein auf ein Blatt Papier, auf welchem Kreise aufgemalt waren. "Was soll das denn?", fragte Sara ängstlich. Es handele sich um ein Mandala, mit welchem man böse Energie aus den Lebensmitteln vertreiben könne, antwortete Loo-Na-A nachsichtig. Durch die Warenscanner im Geschäft gelangten negative Strahlen in die Sachen, welche jedoch auf diese Weise wieder entzogen würden. "Und wo ziehen die dann hin?", fragte ich. "In den Kosmos", sagte Loo-Na-A. Klaus zuckte die Schultern und lächelte.

Jedes Mal, wenn sie an diesem Abend einen Schluck Wein trank, benahm sich Loo-Na-A wie Ewan McGregor in dem Film "Trainspotting", nachdem er sich Heroin in den Arm gespritzt hat: Sie schloss die Augen und ließ sich in ihrem raschelnden Zelt nach hinten fallen. Dann beteiligte sie sich wieder am Gespräch, indem sie Sara auf ihre angeblich stärker gewordene Nasolabialfalte ansprach und sich Sorgen um deren Ohrläppchen machte: "Schätzchen, mit dir stimmt was nicht", sagte sie kummervoll und unterzog Sara einem ausgedehnten Verhör. Klaus lächelte. Ich trank.

Zwölfblättriger Lotus und Käsefüße

Schließlich gab Loo-Na-A den Befund bekannt: Sara sei emotional blockiert, das habe mit dem Altern zu tun, und mit ihrem Wurzelchakra sei etwas nicht in Ordnung. "Meinem Wurzelchakra geht’s ausgezeichnet", sagte Sara. "Das weißt du gar nicht", behauptete Loo-Na-A. "Aber du weißt das natürlich", sagte Sara leicht genervt.

Loo-Na-A servierte einen unaussprechlichen Pudding, der nach Torf schmeckte und dessen Rezept sie aus einem indischen Kochbuch habe, wie sie erläuterte. Leider habe sie die Schriftzeichen darin nicht lesen können und sich ganz von ihrem Gefühl leiten lassen, toll, was? Dann erzählte sie was vom zwölfblättrigen Lotus und dass Sara sich auch in sexueller Hinsicht endlich befreien müsse, davon würden auch die Falten an den Augen weggehen und die auf den Händen. Das hänge alles miteinander zusammen. Sie mutmaßte, dass meine Frau sicher Käsefüße habe, oder? Keine Käsefüße? Dann komme das aber bald.

Sara bedankte sich herzlich und drängte zum Aufbruch, die Kinder, der Babysitter, tja, leider. Auf dem Weg zum Auto sagte sie: "Die hat’s nötig. Trägt Zelte, kocht Torf, redet nur Quatsch. Aber ich habe Probleme mit meinem Wurzelchakra." Ich wies sie darauf hin, dass ich sie gerade humorlos, intolerant und gar nicht offen fände. Sara sah mich mit einem Blick an, mit dem man Tresore öffnen kann. Ich habe dann lieber nichts mehr gesagt. Mit Frauen, deren Wurzelchakra nicht funktioniert, ist nicht zu spaßen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 52/2008

Von Jan Weiler
 
 
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