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18. Januar 2009, 08:00 Uhr

Haarige Zeiten

Immer mehr Dinge, die einem wohl vertraut sind, werden abgeschafft. Nun also auch noch die Glühbirne. Doch diese künftig fehlende Lichtquelle ist mit dem Mangelwesen in der ehemaligen DDR nicht direkt vergleichbar. Von Jan Weiler

Jahresrückblick, TV, Fernsehen, Fernseher

© Kat Menschik

Das Licht am Ende des Tunnels wurde gerade von Angela Merkel persönlich ausgeschaltet, und zwar erstens, weil es der Regierung zu teuer ist, und zweitens, weil es mit herkömmlichen Glühbirnen leuchtet, und die werden jetzt alle nach und nach ersetzt. Das finde ich traurig, und es passt mir nicht in den Kram, schon in ästhetischer Hinsicht. Die Glühlampe vermittelt eine Wärme, die von neumodischen Ökolampen nur unzulänglich imitiert wird. Und weil mir das stank, sagte ich beim Abendessen: "Alles, was Spaß macht, wird nach und nach abgeschafft. Schnell Auto fahren, rauchen, sogar Schokoladenzigaretten sollen verboten werden. Und nun auch noch die Glühbirne. Ich komme mir langsam vor wie in der DDR." Das war nicht nur ein unüberlegter Satz, sondern auch ein dummer, und er führte dazu, dass meine Tochter fragte: "Papa, was ist eigentlich genau die DDR?"

Ich dachte sofort an die zauberhafte Definition des Satirikers Hans Zippert, der einmal geschrieben hat, die Gründerväter der beiden deutschen Staaten hätten mit BRD "bereits repariertes Deutschland" gemeint und mit DDR "das dürftig Reparierte". Diese absolut zutreffende Antwort verkniff ich mir aber und erläuterte ihr in groben Zügen die deutsche Teilung und Wiedervereinigung. Da war sie noch gar nicht auf der Welt. Sie kennt nur ein Deutschland, und für sie existiert kein Unterschied zwischen Rheinland-Pfalz und Mecklenburg- Vorpommern. Sie sagte "Aha" und widmete sich der Aufklärungsseite der "Bravo". Die dort abgebildeten Jugendlichen haben übrigens selbst mit 17 Jahren noch keine Schambehaarung. Oder sie haben keine mehr. Jedenfalls hält unsere Tochter Haare im Intimbereich für eine Entstellung mit Krankheitswert.

Früher gab's noch Schamhaar

Als ich in ihrem Alter war, wimmelte es von Schamhaaren, die DDR gab es noch, und ich wusste praktisch nichts darüber. Meine eher unsicheren Informationen über den zweiten deutschen Staat stammten von meinem Opa aus Berlin, welcher ins Telefon raunte, dass er dort von Russen umzingelt sei. Man konnte nicht ohne Weiteres hinfahren in diese DDR, und auf der Wetterkarte nach der "Tagesschau" erschien sie als ein schwarzes grenzenloses Loch. Natürlich hatten wir Verwandte dort und schickten artig unsere Klamotten hin. Zwölf Jahre später sahen wir diese roten Fiorucci-Jeans noch einmal, als sich durch ein Wunder die Mauer öffnete und Millionen von DDR-Bürgern über die Grenzen strömten, um sich neu einzukleiden. Unsere Westpakete enthielten aber nicht nur Hosen, sondern auch: Playmobil-Spielzeug, Kaffee, Strümpfe. Dafür erhielten wir im Gegenzug jedes Jahr einen Dresdner Stollen, der im Wesentlichen aus Zitronat und Puderzucker zu bestehen schien. Zumindest in puncto Zitronat war die DDR scheinbar üppigst versorgt, was nun aber auch wieder blöd ist, wenn man anstatt Zitronat lieber ein paar warme Handschuhe hätte.

Die Westpakete wurden, das weiß man heute, von der Stelle 12 der Staatssicherheit "dem Regellauf entzogen", wie es intern hieß, und auf Brauchbares geflöht. Nicht selten kamen dabei schöne Weihnachtsgeschenke für die Kinder der Stasi- Beamten heraus. Auch wurde Subversives wie "Bravo"-Heftchen mit schambehaarten Jugendlichen aus den Paketen entfernt. Und Musikkassetten. Gar nicht unbedingt der Musik wegen. Meine mühevoll mit musikalischen Schätzen von David Bowie, The Cure, Tears for Fears und The Clash bespielte BASF-C90-Kassette ist wohl nie angekommen, weil die Stasi diese kleinen Tonbänder dringend benötigte, um darauf Telefongespräche ihrer Mitbürger aufzuzeichnen. Die Mangelwirtschaft zwang die armen Stasi-Leute dazu, denn Tonbänder waren selbst für sie nur schwer zu bekommen. Wer weiß, was auf meiner Kassette wohl aufgenommen wurde?

1988 belief sich der Wert der Geschenksendungen von West nach Ost auf 4,3 Prozent des Einzelhandelsumsatzes der DDR. Die Regierung duldete diesen Austausch, der ihr nicht zur Ehre gereichte, weil auf diese Weise die schlimmsten Engpässe überwunden werden konnten. Inzwischen haben wir für ganz Deutschland eine Kanzlerin, die in der DDR aufgewachsen ist. Sie hat kein Problem damit, wenn es keine Glühbirnen mehr gibt. Muss man sich eben anders behelfen. Und auch für das Licht am Ende des Tunnels hat sie sicher eine Lösung. Es brennt zukünftig werktags von 16-18 Uhr, an Sonntagen von 12-19 Uhr. Ganz konventionell übrigens, denn Ökolampen sind momentan zu teuer.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 03/2009

Von Jan Weiler
 
 
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