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22. Februar 2009, 08:00 Uhr

Schreib-Maschinen

Leser und Fans bewundern Autoren für all die Texte, die Autoren jede Woche ausschütten: Romane, Kolumnen, Hörspiele. Doch diese sind eigentlich der Verdienst vieler Schreiber, die schlecht bezahlt werden und in ungeheizten Räumen arbeiten müssen. Von Jan Weiler

Jan Weiler, Mein Leben als Mensch, schreiben, Roman

© Kat Menschik

Manchmal fragen mich die Leute, wie ich das ganze Pensum eigentlich schaffe: die Lesungen, Romane, Hörspiele und dazu noch jede Woche diese Kolumne hier. Es sei ja geradezu unmenschlich, finden sie, und daraus spricht eine gewisse Bewunderung, die mir sehr schmeichelt, denn sie lässt mich als fleißig erscheinen. Und die Deutschen mögen nichts lieber als Fleiß, Tugend Nummer eins. Kombiniert man sie mit weißen Zähnen, kann man in diesem Land alles erreichen, das ist das Erfolgsrezept von Dieter Bohlen.

Nachdem ich nun gerade gestern wieder einmal gefragt wurde, wie ich denn bloß diese Vielzahl von Aufgaben bewältige, halte ich es heute für meine Pflicht, mit diesem Fleiß-Missverständnis ein für alle Mal aufzuräumen. Tatsache ist: Ich schreibe gar nichts. Ich lasse schreiben.

Im Süden von München habe ich eine zugige Scheune angemietet, in der je nach Auftragslage zwischen 12 und 25 schlecht bezahlte Lohnschreiberinnen und Lohnschreiber für mich schuften. Sie sitzen jeweils zu zweit an einem Tisch und brüten den lieben langen Tag an Kolumnen, Hörspielen, Romanen, Drehbüchern, Gebrauchsanweisungen, Packungsbeilagen und Grußkarten, die anschließend in meinem Namen an Auftraggeber in ganz Deutschland verschickt werden. Für die Spezialdisziplinen beschäftige ich Fachkräfte, zum Beispiel eine pensionierte Deutschlehrerin, die für mich Leserbriefe an Programmzeitschriften verfasst, und einen Nürnberger Polizisten, der im Nebenerwerb dreimal die Woche versaute Witze für mich erfindet, sowie einen früher investigativ tätigen Journalisten aus Hamburg, der nach einem Spesenbetrug keine Anstellung mehr fand und nun für mich allerhand Blödsinniges im Internet googelt. Heute schickte er eine Notiz, der zufolge ein deutscher Mann täglich 178 Gramm Brot isst (Frauen: 133 Gramm), im Jahr seien das knapp 65 Kilo. Aha. Soso.

Meine eigene Arbeit besteht nur noch darin, dass ich mittags reinkomme und die Ergebnisse kontrolliere. Dann müssen meine Schreiberchen ausdrucken, was sie haben, und sich in einer Reihe anstellen. Ich überfliege ihre Texte und schmiere mit meinem Filzstift darin herum. "Noch mal!", schreibe ich rein, oder "was soll das?" oder "Idee gut, Ausführung dürftig".

Aber ich kann auch loben, das motiviert meine Kräfte. Allerdings sollte man damit haushalten, sonst machen die sich selbstständig und schreiben auf eigene Rechnung. Oder sie werden abgeworben von einem Kollegen. Harald Martenstein ist zum Beispiel Herr über einen Getreidespeicher in Hamburg, wo mehr als ein Dutzend kleiner Martensteine tagein, tagaus bei kargem Lohn tippen, bis die Tastaturen glühen. Axel Hackes Mannschaft sitzt in einer Kaserne in Schwabing, Hans Zippert lässt in einer stillgelegten Fabrik bei Frankfurt im Akkord schuften. Er gilt als besonders harter Hund. Einer seiner ausgemergelten Sklaven, studierter Philosoph und sehr sauber, bewarb sich einmal bei mir und behauptete, Zippert würde nicht einmal heizen im Winter, man habe für ein kleines bisschen Wärme die Füße auf den Drucker stellen müssen. Die Knochenmühle des deutschen Kolumnenwesens sei das gewesen.

Ansonsten kann und möchte ich über die Arbeitsbedingungen in den Manufakturen der Kollegen nichts sagen. Ist mir auch egal. Ich behandele meine Angestellten anständig. Es gibt ein kleines Grundgehalt und Zeilengeld für alles, was veröffentlicht wird. Natürlich dauert das immer seine Zeit, denn gerade neue und junge Autoren müssen zunächst den richtigen Sound finden, und damit vergeht schon mal ein halbes Jährchen, in denen Schmalhans Küchenmeister ist. Ich selbst schreibe nur noch Rechnungen und Kündigungen. Heute habe ich wieder so einen Fehleinkauf vor die Tür gesetzt, einen Blogger aus Berlin, digitale Boheme, dass ich nicht lache. Nur gemeckert hat der, und er wollte im Café arbeiten. Wo kommen wir da hin? Nein, nein, meine Leute sitzen schön in der Scheune beisammen.

Immerhin bin ich wie der Herr Grupp von Trigema einer von jenen Industriellen, die nur und ausschließlich in Deutschland fertigen lassen. Ich hatte auch mal einen Betrieb in Österreich, das kostete weniger Geld, aber die Ergebnisse waren von unverkäuflicher Melancholie und zudem durchsetzt mit alpenländischen Idiomen, die ich hernach mühsam wieder beseitigen musste. Und dafür habe ich echt keine Zeit.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 08/2009

Von Jan Weiler
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
-Melanie- (23.02.2009, 10:20 Uhr)
Also ich fand's genial
Ich finde es mal wieder herrlich schräg und lustig. :)
Greeper (23.02.2009, 00:54 Uhr)
Das war aber schon mal unterhaltsamer...
Hmm, da haben "Ihre Schreiber" aber schon bessere Arbeit abgeliefert. Ausserdem ist Ihnen beim Korrekturlesen wohl ein Tippfehler (in der Überschrift!) entgangen: "Romane, Kolumnen, Höspiele."
Tigerfell (22.02.2009, 11:23 Uhr)
ziemlich daneben
Angesichts der Tatsache, dass 99,99% der Schreiber - abgesehen von der Handvoll erfolgreicher - für ihre Texte wirklich nur Centbeträge bekommen und ausgebeutet werden, bleibt einem das Lachen im Hals stecken.
Ignatz (22.02.2009, 10:15 Uhr)
Schon der erste Satz...
...(zwei Mal "Autoren") zeigt, dass sie neue Schreiber bräuchten...
danov (22.02.2009, 09:31 Uhr)
Sorry, aber
das war nix, Herr Weiler. Den Schreiber der heutigen Kolumne dürfen Sie getrost entlassen.
Liebe Grüsse an Ihren Schwiegervater, und bis nächsten Sonntag...
danov
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