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22. März 2009, 01:54 Uhr

Antonio wird hübsch

Antonio Marcipane bekommt einen Gutschein für eine Gesichtsbehandlung bei einer Kosmetikerin geschenkt. Nachdem ihm versichert werden musste, dass das nicht bedeutet, dass er hässlich ist, plant er seinen Termin. Und zwar gründlich. Von Jan Weiler

Jan Weiler, Mein Leben als Mensch, Kosmetik

© Kat Menschik

Das war Saras Idee, ich schwöre es. Ich hatte damit nichts zu tun, Ehrenwort. Niemals würde ich auf die Idee kommen, meinen Schwiegervater zu einer Kosmetikerin zu schleppen. Ich würde ja nicht einmal selber hingehen, denn ich mag das Gefühl des Ausgeliefertseins nicht so gerne. Sara fragte mich, warum ich dann regelmäßig ins Fußballstadion latsche, aber da werden einem wenigstens keine Pickel ausgedrückt. Man bekommt höchstens welche, Fußball ist nicht gut für die Haut, aber das ist noch lange kein Grund, sich von redseligen älteren Damen Kamillentücher auf die Nase legen zu lassen. Ich habe ausschließlich schlechte Erinnerungen daran.

Mit 16 musste ich nämlich regelmäßig zu einer Kosmetikerin, die mich zunächst mit Wasserdampf bestäubte, um mir dann ohne Narkose das Gesicht zu operieren. Wenn ich mich abends im Spiegel ansah, sah ich aus wie Popeye nach einem Besuch im Bienenkorb. Besser wurde die Akne davon nicht, nur röter. Ich wünschte mir, nur noch mit einem kompletten Kopfverband aus dem Haus zu gehen wie "Der Unsichtbare". Nach einigen Tagen heilten die Folgen der Behandlung wieder ab, und sobald ich wieder einigermaßen normal - also blass und vollgepickelt - aussah, musste ich erneut hin, und das ganze Drama ging von vorne los. Eitriger Vogel Jugend.

Alteuropäisches Rollenverständnis

Ich trug meine Einwände vor und wies zusätzlich darauf hin, dass Antonio Marcipane ein etwas alteuropäisches Rollenverständnis pflegt und Probleme mit weiblicher Autorität hat. Einmal hat er zu einer Politesse gesagt, sie möge doch bitte ihren Mann holen, damit der ihm erklärt, warum er hier nicht parken darf. Aber es war sinnlos, Sara fand, eine intensive Behandlung des väterlichen Antlitzes durch eine gewisse Frau Dörper sei ein ideales Geschenk für Antonio. Und Saras Mutter war derselben Meinung. Sara behauptete, sie wolle den metrosexuellen Kern ihres Papis ausloten. Also überreichte ich zitternd den Gutschein. "Was is' da drin, meine liebe Jung?", fragte er. "Gelde?" Normalerweise finde ich seine Fixierung auf Bares empörend, aber heute hatte ich Verständnis. "Nein, ein Gutschein."

"Ahh, eine Gutscheine fur Gelde?", witzelte er und riss den Umschlag auf, in welchem sich eine rosa Karte befand, was ihn nicht misstrauisch machte, weil Rosa auf Italiener eine andere Wirkung hat als auf Deutsche. Er las sich den Inhalt der Karte durch und sah in die Runde.

"Bini brutto?", fragte er mit trauriger Stimme. Brutto ist in diesem Fall nicht das Gegenteil von netto, sondern das italienische Wort für "hässlich".

Daraufhin beruhigten ihn alle, lobten ihn für seine schöne Gestalt und machten ihm Komplimente für seinen jugendlichen Teint, sein volles Haar und seinen ausgezeichneten Klamottengeschmack.

"Wenni so ein bell'uomo bin, warumsolli dann zu die Gesickterverwandlung?" "Damit du uns noch lange so gut erhalten bleibst", sagte Sara und schwärmte von den sanften Frauenhänden, die seine Schläfen massieren würden, von den wohlriechenden Crèmes und dem angenehmen Gefühl hinterher. Man fühle sich wie neugeboren, versprach sie.

Davon liess er sich letztlich überzeugen und kündigte an, den Gutschein so bald wie möglich einzulösen. Sara telefonierte, um einen Termin zu machen, und den Rest des Abends verbrachte Antonio mit diversen Durchsagen seine nun bald bei der Damenwelt ins Unermessliche steigenden Kurse betreffend. Er werde womöglich zum attraktivsten Rentner Deutschlands aufsteigen, was ihm ja bei der einheimischen Konkurrenz auch nicht besonders schwerfiele, "hähähä".

Am nächsten Morgen erwischte ich ihn im Badezimmer mit einer Feuchtigkeitsmaske im Gesicht, welche er seiner Frau entwendet hatte. "Was soll das denn werden?", fragte ich. "Mussi mi vorbereiten fur der Dingetermineda."

Ich ahnte schon, dass es dem Wohle aller Beteiligten dienen würde, wenn ihn jemand zu der Kosmetikerin begleitete. Und ich ahnte, dass ich dieser jemand sein würde.

Fortsetzung nächste Woche ...

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 12/2009

Von Jan Weiler
 
 
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