Sie ist Autorin, Hundetrainerin und Kind eines prominenten Politikers. Jetzt hat sie das autobiografische Buch "Tochter und viel mehr" geschrieben. Ein Gespräch mit Mirjam Müntefering über Mensch und Tier, ihre Homosexualität und ihren Vater Franz.

Mirjam Müntefering mit einem ihrer Cockerspaniels© Thomas Rabsch
Ich empfinde mich nicht so, als würde ich in einer Randgruppe leben.
In der Regel sind die Leute interessiert. Interessierter als an der Schriftstellerei. Da hat man gleich so einen Intellektuellenstempel. Dabei bin ich gar keine Intellektuelle. Bei Hundetrainerin denken noch viele an den klassischen Hundeplatz, wo eher der Hund ausgebildet wird. Ich bin eher eine Trainerin für Menschen mit Hunden.
Sie sind unmittelbar und niemals falsch.
Bei Wölfen gibt es ein Alphatier, dann gibt es die Alttiere, die juvenilen Tiere und die Welpen. Das ganze Rudel kümmert sich darum, die Welpen aufzuziehen und den Nachwuchs zu versorgen. Bei Hunden ist das übrigens nicht so. Deswegen glaube ich, dass alle Parteien eher Hunderudel sind. Da kümmert sich jeder nur um sich selbst.
Ich halte nichts davon, dass ein Einziger die Galionsfigur ist. Man braucht viele Alphatiere, die am Wohlergehen aller interessiert sind.
Auf jeden Fall ein Arbeitshund. Da kommen zum Beispiel die Hütehunde infrage. Vielleicht ein Border Collie oder ein Australian Shepherd. Oder ein Herdenschutzhund.
Die Hütehunde sind damit beschäftigt, die Schafherde zu umkreisen und zusammenzuhalten und dahin zu treiben, wo der Schäfer sie hin haben will. Die Herdenschutzhunde sind dazu da, die Tiere vor Wölfen oder wildernden Hunden zu beschützen. Es gibt Rassen, die sind so ein Mittelding. So was wäre mein Vater. Eins passt allerdings nicht: Diese Hunde sind häufig ziemlich nervös. Das ist mein Vater nicht.
Die mussten das hinnehmen. Mein Vater fand das natürlich toll, dass ich so eine war, die Fußball spielt und alles macht, was mutige und neugierige Kinder so machen. Meine Mutter musste sich von allen anhören, dass sie als Kind ja genauso gewesen sei.
Nein, ich bin total froh, eine Frau zu sein.
Ja. In meiner Jungsclique erfreute ich mich großer Anerkennung. Die fanden das toll, dass ich so gut Fußball spielen konnte, obwohl ich ein Mädchen war. Und mit den Mädchen konnte ich über Gefühle sprechen, Geheimnisse haben.
Hier passt: liebevolle Konsequenz.
Ich habe nie erlebt, dass jemand gesagt hätte: "Du bist aber um acht Uhr zu Hause." Ich wurde gefragt: "Wann wirst du zu Hause sein?" Diese Zeit wurde von uns Kindern dann auch eingehalten. Wir wurden zur Eigenverantwortung erzogen.
Das war schon toll. Man muss sich nur mal vorstellen, wie viel Auswahl man im Sauerland so hat. Dann auf dem Frauenschwof in Düsseldorf: zack, 2000 Lesben auf einem Haufen! Wow! Man entwickelt ein bestimmtes Zusammengehörigkeitsgefühl, ein Modebewusstsein. Das war eine nachgeholte Sturm-und-Drang-Zeit.
Ist das verklemmt? Muss ich mal gucken gehen.
Moment! One-Night-Stands gibt's bei Lesben selten. Nee, da umkreist man sich monatelang auf den Schwofs, bis man sich zum ersten Mal anspricht.
Da war ich noch so nah an der Pubertät, wo es mir schwerfiel zu reden. Sollte man jetzt nicht mehr meinen, aber so war's.
Klar. Aber viel gibt's da auch nicht zu reden. Man kann fragen: "Bezieht sich das nur auf diese Frau? Oder auf alle Frauen?" Auf manche Sachen weiß man auch keine Antwort, wie: "Meinst du, du kannst dich auch noch mal in einen Jungen verlieben?" Keine Ahnung!
Meine Eltern kannten meine erste Freundin ja schon. Die ging dann bei uns ein und aus und wurde zu allen Festen eingeladen. Meine jetzige Lebensgefährtin ist für meine Mutter wie eine zweite Tochter.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 22/2008
Zur Person Mirjam Müntefering wurde 1969 geboren. Sie ist Tochter aus erster Ehe des SPD-Politikers Franz Müntefering. 1998 veröffentlichte sie ihren ersten Roman "Ada sucht Eva". Sie hat sich früh zu ihrer Homosexualität bekannt und wurde dabei von ihrem Vater unterstützt - er riet ihr zu offensivem Umgang mit dem Thema. Müntefering lebt im Ruhrgebiet, wo sie eine Hundeschule betreibt und Bücher schreibt. Soeben erschien ihr autobiografisches Buch "Tochter und viel mehr" (Piper, 7,95 Euro).