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24. Februar 2009, 18:07 Uhr

Die dunkle Seite einer Oscar-Siegerin

In ihrem Buch "Nackt" beschreibt die Oscarpreisträgerin Diablo Cody ihr langjähriges Doppelleben: Tagsüber eine brave Sekretärin in einer Werbeagentur, nachts eine laszive Stripperin, die mit "Pimmelpirouetten" einen Batzen Geld verdient. Von Tanja Beuthien

Für das Drehbuch zu "Juno" erhielt sie 2008 einen Oscar, in ihrem Buch "Nackt" beschreibt sie ihr Doppelleben: Diablo Cody© Mario Anzuoni/Reuters

Das Leben in Minnesota ist kalt und trübe. Die Tage reihen sich ereignislos aneinander, die Bewohner tragen Thermalunterwäsche und zum Abendessen servieren sie eine klebrige Pampe namens "Hotdish". Kein Wunder, dass ein junges aufgewecktes Ding von 24 Jahren auf die Idee kommt, Stripperin zu werden. Sich den letzten Kick zu holen vor der "trüben Hälfte der Zwanziger", noch einmal "hemmungslos über die Stränge zu schlagen", bevor "das Feuer" zwischen ihren Beinen verglüht. Diablo Cody will es noch einmal wissen, Mummy und Daddy in Chicago und die katholische Mädchenschule in Ehren.

Ein "Amateurabend" im einschlägigen Schuppen "Skyway Lounge" ist nur der Anfang. Ausgestattet mit Stringtanga, Federboa und einem Paar zwölf Zentimeter hohen "kitzlerrosa Akrylharz-Plateaustilettos" tanzt sie an - und bleibt ein Jahr lang "bei der Stange". Vom Skylounge wechselt sie ins plüschige Schieks und ins schäbige Deja Vu. Sie lernt den Unterschied zwischen Lapdances und lukrativeren Beddances, sie nennt sich "Bonbon" und "Cherish" und in guten Nächten kommt sie tatsächlich mit tausenden Dollars heim zu ihrem Johnny, der noch im Halbschlaf selig raunzt: "Mein Mädchen bricht alle Regeln."

Das verruchte Leben der Diablo Cody, dargelegt in ihrem Enthüllungsroman "Nackt", wäre allerdings nur halb so interessant, wenn sie nicht vor einem Jahr einen Oscar gewonnen hätte für ihr freches Drehbuch von "Juno", einem Film über einen schwangeren, schlagfertigen Teenager. Im getigerten Hängerchen nahm sie die Statue entgegen, das tätowierte Bikinimädchen auf ihrem Oberarm immer mit dabei. Als Sekretärin in einer Werbeagentur konnte man sie sich da nicht mehr so richtig gut vorstellen. Und man glaubt ihr sofort, wenn sie sagt: "Für mich ist es der blanke Horror, morgens aufzuwachen und für einen streng reglementierten und unzufriedenstellenden Job aufzustehen."

An einem dieser quälend konventionellen Tage muss es gewesen sein, als ihr hinter ihrem Schreibtisch der Gedanke kam, sie wäre eigentlich lieber nackt. Von da an befreit sie sich durch nächtliche Extravaganzen vom drögen Vormittagsalltag. Ihr Doppelleben droht nur einmal aufzufliegen, als zwei "Computerjungs" aus ihrer Firma im Schieks auftauchen und von ihr mit mehreren Lapdances ruhig gestellt werden. Die beiden grüßen sie in der Arbeit nie mehr.

"Ich hatte als Stripperin meinen Spaß, konnte den lieben langen Tag schreiben, habe dann ein paar Stunden getanzt und bin wieder nach Hause gegangen", sagt Cody über ihre wilde Zeit. Sie fühlt sich wie eine "Freiheitskämpferin", sie genießt das Gefühl der Macht und emanzipiert sich von allen schalen Moralvorstellungen. Um das Erfahrungsfeld der Sinne bis zum Letzten auszureizen, kündigt sie ihren Bürojob und arbeitet hinter Glas in einer Peepshow. Sie schafft die Kohle ran für ihren Lover und die kleine Stieftochter, sie sorgt für Markenklamotten und Frühstücksspeck: "Ich war gewissermaßen zur Mutterbrust dieser zusammengewürfelten Familie geworden."

Ein veritables "Burnoutsyndrom" macht dem hüllenlosen Häschengehoppel schließlich den Gar aus. "Ich hatte inzwischen einen Job als freie Schreiberin bei einem alternativen Stadtmagazin aufgetan und möglicherweise konnte ich ja meinen Lebensunterhalt mit Wortakrobatik statt mit Pimmelpirouetten verdienen." Vom großen Geld finanziert sie ihrem Johnny ein Häuschen im Grünen. "Ich betrachtete diese kleine weiße Hypothekenhütte in der Pampa und sagte mir: Das ist das Eigenheim, das ich mit Spermafontänen erbaut habe."Der Ausflug in die Unterwelt aber habe sie gerettet, sagt sie heute: "Ich hatte mich mein Leben lang dagegen gewehrt, an Normalität, Anstand und Butterbroten zu ersticken, denen man die Rinden amputiert hatte." Und: "Ich wollte mich freiwillig in Angst und Schrecken versetzten. Mission erfüllt".

So liest sich "Nackt" zwar nicht gerade wie ein Emanzipationsroman, eher wie ein spätpubertärer Ausbruchsversuch: Ehrlich, schnoddrig und auf anrührende Art trotzig. Der Gustav Kiepenheuer Verlag (Aufbau) jedenfalls hat sich hinreichend Gedanken zur Vermarktung des Buches gemacht, das jetzt auf deutsch erschienen ist (Originaltitel: "Candy Girl"): Das Cover ist knallig, der Titel besteht aus einem einzigen Wort und der Inhalt ist schlüpfrig genug, um es wieder einmal mit den "Feuchtgebieten" aufzunehmen. Und dass aus Diablo Cody doch noch ein großes Mädchen geworden ist, konnte man am Oscar-Abend vor einem Jahr auf allen Bildschirmen verfolgen.

Das Buch

Das Buch "Nackt: Ein Enthüllungsroman" von Diablo Cody. 273 Seiten, erschienen im Gustav Kiepenheuer Verlag (Aufbau), Preis: 16,95 Euro. ISBN-10: 3378006900

Von Tanja Beuthien
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
sininen (25.02.2009, 10:05 Uhr)
@gmathol
Quartier Lateng ist nicht in Paris sondern im schäbigen Köln. Und auch heute noch ein ersatzklo für alle Suff-Inkontinenten der Gegend. Auch ich habe in meinem Leben selten etwas widerlicheres gesehen.
Sorry, liebe Redaktion, dieser Beitrag ist off-topic, aber man muss ja mal die Kirche bzw die Stadt-viertel in der richtigen Stadt lassen :-)
gmathol (25.02.2009, 08:42 Uhr)
Quartier Latin...
...heute eher ein Ort der besten Restaurants in Paris. Schmuddelig? Iwo. Vielleicht vor 35 Jahren, da gab es sie noch die Hinterhof-Pensionen, heute kann sich das nur noch die Einkommenselite leisten.
Vor 5 Jahren gab es dort sogar ein McDonalds.
Die Frau hat mit der Macht recht, es waere gut wenn mancher Idiot der meint in den Krieg ziehen zu muessen sich lieber diesem allerdings schoenen Diktat unterwerfen wuerde.
JanvanHelsing (24.02.2009, 21:34 Uhr)
Ekelig ???
wissen Sie überhaupt was ekelig ist?
Das Buch jedenfalls nicht, ich habe zu
Studizeiten mitten im Quartier Lateng gewohnt, Montagmorgens da war es ekelig.
--
Da hatten Besoffene den Hauseingang voll uriniert und Ihren Imbiss übern Gehsteig verteilt, nach dem sie ihn sich nochmals durch den Kopf gehen liessen.
Wenn ein tag so beginnt , das ist ekelig.
Im übrigen Sie brauchen das Buch ja nicht lesen...
brouwser (24.02.2009, 20:41 Uhr)
sehr ekelig !
das soll sie lieber alles für sich behalten, ist ja wohl nur ekelig.
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