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Die besten Bücher des Herbstes

Auch dieses Jahr ist die Flut der Neuerscheinungen überwältigend. stern-Redakteure haben nach Perlen gefischt - und sind fündig geworden.

Mein Favorit:

Wasser zu Wein

Warum können es die Amis einfach besser? Wahrscheinlich eine Frage der Statistik: Die amerikanische Kulturindustrie hat einen so irrwitzigen Ausstoß, dass all der Trash mit hoher Wahrscheinlichkeit immer wieder auch Geniales hochspült. Und genau davon handelt der neue Roman von Rick Moody. "Wassersucher" setzt einen bunten Reigen aus dem Show- und Mediengeschäft in Szene. Alle Figuren wollen es sprudeln lassen. Entweder das Geld oder die Liebe. Moody zeichnet die Entertainment-Hölle als ein Fegefeuer der Eitelkeiten, dem niemand heil entkommt. Bei genauer Betrachtung ist dieses Meisterwerk eine klassische Erlösungsgeschichte: Virtuos variiert Moody die Muster von TV-Serien, um sie in die Trost spendende Sphäre der Kunst zu überführen. Die Alchemie gelingt: Das Wasser der Unterhaltungsindustrie wandelt sich in den vollmundigen Wein der Literatur.

Rick Moody: "Wassersucher", Ü.: I. Herzke, Piper, 600 S., 23,90 Euro

Stinkbomben im Olymp

Normalerweise betreibt man als Germanist Denkmalpflege und zupft den Olympiern ihren Lorbeerkranz zurecht. Das muss Herrn Professor Drews irgendwann so gelangweilt haben, dass er beschloss, ein paar Stinkbomben im Olymp hochgehen zu lassen. Er sammelte vernichtende Urteile von Schriftstellern über Schriftsteller. Wer glaubt, Büro und Flurfunk seien die schlimmsten Brutstätten von Kollegenschelte, wird hier eines Besseren belehrt. Nirgendwo wütet die Missgunst ärger als in der Dichterklause. In diesem amüsanten Buch winden sich die Dichter keine Kränze, sondern bekriegen sich in perfektem Versmaß: "Der Böll war als Typ wirklich Klasse. / Da stimmten Gesinnung und Kasse. / Er wär' überhaupt erste Sahne, / wären da nicht die Romane." (Robert Gernhardt)

Jörg Drews (Hg.): "Dichter beschimpfen Dichter", Zweitausendeins, 270 S., 9,90 Euro

Geschnitten oder am Stück?

Wurst? Pfui bäh! Ganz falsch. Kein Tofu-Bratling kann das Geschmackserlebnis einer luftgetrockneten südfranzösischen Bergsalami schenken. Wenn's um die Wurst geht, ist alles eine Frage von Zutaten und akkurater Verarbeitung. Genau wie bei der Literatur. Und in diesem schönen Buch über das Schmuddelkind der Kochkunst harmoniert alles ganz wunderbar. Der Sterne-Koch Vincent Klink liefert die Sachkenntnis, der Satiriker Wiglaf Droste zeigt, dass ein wilder Pöbler auch mal ein sanfter Pökler sein kann, und der Illustrator Nikolaus Heidelbach porträtiert die rassige Chorizo mit ebenso liebevoller Hingabe wie die sanft geschwungene Blutwurst. Ein Plädoyer für deftige Lebensart. Leider in Leinen gebunden und nicht in Naturdarm.

Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach, Vincent Klink: "Wurst", Dumont, 158 S., 24,90 Euro

Nachrichten aus dem Aktenschredder

Ein Akademiker. Arbeitslos. Bilanz der letzten Monate: ein paar hundert abgeschickte Bewerbungen und nicht eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Dann wird er von der Bundesgeschäftsstelle einer Partei zum Vorstellungsgespräch bestellt. Aber nur, weil die Sekretärin seine Unterlagen frisiert hat. Sie wollte auch mal Entscheidungsträgerin sein. Der Mann bekommt den Job, doch die Erwartungen an ihn beruhen auf Betrug. Wie überlebt ein Kuckucksei im kalten Nest der verwalteten Welt? "Das schwarze Ei" setzt einen klassischen Comedy-Plot mit unerhört zeitgenössischer Sprache um. Selten liest man so resolut moderne Sätze, die passgenau wiedergeben, was die Dienstleistungs- und Bürogesellschaft mit unserem Denken macht: Sprache und Ideen sind hier wie durch den Reißwolf gedreht. Das erfordert konzentriertes Lesen, lohnt sich aber: Nach der Lektüre riecht's schön frisch nach Reinigungsmittel in den endlosen Fluren der grauen Zellen, und durchs Oberstübchen weht eine leise Ahnung, wie wirklich moderne Literatur aussehen kann.

Heiko Michael Hartmann: "Das schwarze Ei", Hanser, 240 S., 19,90 Euro

Schattenbändiger

Mit holzschnittartigen Zeichnungen erzählt David B. in seinem autobiografischen Comic von der epileptischen Krankheit seines Bruders. In diesem meisterlich komponierten Werk zerfällt die Welt von drei Geschwistern in kontrastreiches Schwarz-Weiß wie in scharfkantige Splitter. Wenige haben bisher die Schatten so eindrucksvoll gezähmt wie David B.

David B.: "Die heilige Krankheit. Geister", Ü.: K. Wilksen, Edition Moderne, 176 S., 22 Euro

Mein Favorit:

Schwimmen im Strom der Geschichte

Genosse Tito wird von der Wand geholt. Genosse Lehrer will "Nicht-mehr-Genosse-Lehrer" genannt werden. Es gibt Namen, die auf einmal falsch sind, weil sie arabisch klingen, es gibt falsche Lieder und falsches Essen. Jugoslawien zerfällt - und mit ihm Aleksandars wundersam-schöne Kinderwelt in Visegrad an der Drina, ein Fluss, der manchmal sprechen kann. Sasa Stanisic, 28, wurde in Bosnien geboren. Als er 14 war, flohen seine Eltern mit ihm nach Deutschland. Sein Roman erzählt von einer Kindheit, in die der Krieg eindringt wie ein unflätiger Gast, den man nicht wieder loswird. Der das Schöne, Zarte, Fantastische zertritt wie Blumen auf der Wiese. Das Thema ist ernst, der Roman ist es nicht. Stanisics Geschichte ist voll von skurrilen Menschen und sprühenden Einfällen - der ahnungslos-verwunderte Blick eines Heranwachsenden auf die absurden Drehungen der Welt, mit einer Sprache, die benutzt wird wie ein lustiges neues Spielzeug.

Sasa Stanisic: "Wie der Soldat das Grammofon repariert", Luchterhand, 320 S., 19,95 Euro

Fragezeichen im Kopf

Als Richard Powers vor einigen Jahren durch die Einöde Nebraskas fuhr, stockte ihm der Atem: Tausende Kraniche ließen sich auf ihrem Weg ins Winterquartier an einem See nieder. Mark Schluter, der Held in Powers' neuem Roman, fährt dieselbe Strecke, auch er sieht die Vögel. Fährt sein Auto in den Graben und überlebt nur schwerstverletzt. Seine Schwester reist in ihr Heimatdorf, um den Bruder aus dem Koma zu begleiten. Das gelingt, aber nun erkennt der Bruder seine Schwester nicht mehr - Karin ist Teil einer gigantischen Verschwörung gegen ihn, da ist Mark ganz sicher. Karin dagegen zweifelt bald an ihrer Version der Wirklichkeit. So weit die Kernhandlung. Dass der massiv schlaue Powers daraus einen brillanten Roman über Wahrnehmung und Erinnerung bastelt, ist nach seinem Bestseller "Klang der Zeit" selbstverständlich, dass der Leser am Ende den Windungen seines eigenen Hirns mit Skepsis nachgeht, nur folgerichtig. Und sehr verstörend.

Richard Powers: "Das Echo der Erinnerung", Ü.: M. Allié, G. Kempf-Allié, S. Fischer, 532 S., 19,90 Euro

Bei Wladi auf dem Sofa

Man könnte sagen: Elena Tregubova ist ein journalistisches Girlie mit Hang zur Koketterie. Man könnte aber auch sagen: Während Männer in der Branche gern bedeutungsschwanger mit den Hosenträgern knallen, arbeitet Tregubova mit den Waffen einer Frau - und stellt sich ein bisschen dumm. So hat sie's bis an die Seite von Wladimir Putin ins Innerste des Kreml geschafft, von wo aus sie fünf Jahre lang für eine russische Zeitung berichtete. Dass sie anschließend eine amüsante und dichterisch recht freie Psychostudie über die Neurosen der Männer im Zentrum der Macht geschrieben hat, sorgte in Russland für einen Skandal, der sie ihren Job kostete. Spannend zu lesen ist es auf jeden Fall, auch wenn man sich bisher nicht für Putin interessiert hat.

Elena Tregubova: "Die Mutanten des Kreml. Mein Leben in Putins Reich", Ü.: O. Radetzkaja, F. Zwerg, Tropen, 384 S., 19,80 Euro

Die Unerträglichkeit einer Insel

Nikko lebt noch - das macht sie fremd und unheimlich. Niemand sonst aus ihrem Jahrgang hat "das große Unglück" überlebt, damals, als die Fabrik die gesamte Insel verseuchte und mit ihrem Gift alles dahinraffte, die Babys, die Fische und die Vögel. Seit der Katastrophe ist das kleine Stück Land im arktischen Meer von der Umwelt abgeschnitten, und Nikko selbst ist es auch: Niemand will mit ihr sprechen, niemand sagt ihr, was genau damals passiert ist. Véronique Ovaldés Roman gehört sicher nicht zu den großen Büchern des Herbstes, dazu ist es viel zu still und eigensinnig. Wenn man bösartig sein möchte, kann man sogar eine Menge schlimmer Metaphern herauslesen - was den Roman aber zu etwas Besonderem macht, ist seine Sprache: klar, einfach, stark und mitreißend.

Véronique Ovaldé: "Alles glitzert", Ü.: C. Kalscheuer, Kunstmann, 192 S., 16,90 Euro

Rock am Rand

Gut, man kann jetzt meckern, dass Joey Goebels zweiter Roman "Vincent" viel besser ist als dieser Erstling, der nun hinterhergeschoben wird. Trotzdem: Die Geschichte um fünf merkwürdige Gestalten, die als Punk-Band die Welt erdulden, ist einfach, aber gut konstruiert. Und dazwischen lauern wieder diese kleinen schlauen Sätze, die so dahingerotzt klingen und doch so großartig und komisch sind.

Joey Goebel: "Freaks", Ü.: H.M. Herzog, Diogenes, 192 S., 15 Euro

Mein Favorit:

Ruhelos

"Lass die Dunkelheit nicht durch dich hindurchgehen, es ist viel besser, selbst durch die Dunkelheit zu gehen", sagt der Vater seinem Sohn, dem Erzähler Asger Eriksson. Dunkelheit ist da also, im Leben dieser norwegisch-dänischen Familie, Alkohol, Gewalt, Lügen und eine Menge Geheimnisse. Das größte: die Gefangenschaft des Großvaters Askild in Buchenwald. Er überlebt das Konzentrationslager, wird aber nie darüber sprechen. Er wird heiraten, eine Stelle in einer Werft finden, saufen, rausgeschmissen werden, eine neue Stelle finden, weiter saufen, wieder rausgeschmissen werden - und so werden die Erikssons quer durch Norwegen ziehen, schließlich in Dänemark landen und doch nie zur Ruhe kommen. Askilds Söhne und Enkel werden in die Welt hinausziehen, aber am Ende kehren sie wieder zurück, denn der Liebe, die diese Familie zusammenhält, kann sich niemand entziehen. Auch der Leser nicht. Morten Ramsland ist 1971 geboren, sein Roman war der Bestseller des vergangenen Jahres in Dänemark. Er hat ein Buch geschrieben, das in seinem Humor an die "Blechtrommel", in seiner Herzenswärme an die "Asche meiner Mutter" erinnert, geschrieben in einer Sprache, die schnell, lakonisch und präzise ist. Das ist nicht noch ein Familienroman, das ist der Familienroman schlechthin, ein Buch, das von mir aus immer weiter hätte gehen können.

Morten Ramsland: "Hundsköpfe", Ü.: U. Sonnenberg, Schöffling, 477 S., 24,90 Euro

Jagd nach einem Wilderer

Das Fleisch des Schwarzen Seehechts ist hoch begehrt in den internationalen Feinschmecker-Küchen, weil es wie kaum ein anderes Aromen aufnehmen kann. So wurde dieser Fisch zu einem der teuersten der Welt - und nahezu ausgerottet. Hochseetrawler durchpflügen die stürmischen Gewässer entlang des Südlichen Polarkreises, und nur manchmal gelingt es, einen dieser Wilderer auf frischer Tat zu ertappen. Davon erzählt der amerikanische Journalist G. Bruce Knecht in diesem Buch: Ein australisches Patrouillenschiff erwischt einen uruguayischen Hochseefischer und verfolgt ihn quer über die Weltmeere. Zwischendurch erklärt Knecht, wie gewiefte Geschäftsleute aus dem schwarz glänzenden Fisch eine Delikatesse gemacht haben. Kein Sachbuch. Ein Thriller.

G. Bruce Knecht: "Raubzug", Ü.: H. Stadler, Mare, 304 S., 24,90 Euro

Etwas völlig Neues

So etwas habe ich noch nie gelesen: Sechs Geschichten aus etwa tausend Jahren, die völlig unterschiedlich sind - und doch zusammengehören. Sechs Geschichten, die sogar in verschiedenen Formen und Stilen geschrieben sind. Es werden geboten: das Tagebuch eines englischen Kolonialreisenden aus der Zeit der großen Segelschiffe; die Briefe eines verarmten, sexuell verwirrten Komponisten aus der belgischen Provinz, Anfang der 1930er Jahre; der Thriller einer jungen Journalistin, die im Kalifornien der 1970er Jahre einer bevorstehenden atomaren Katastrophe auf die Spur kommt; die Memoiren eines eigenwilligen Verlegers, der gegen seinen Willen in einem Heim für geistig Verwirrte landet, London, irgendwann heute; das Protokoll eines Verhörs mit einem menschenähnlichen Roboter, der so etwas wie eine Seele verspürt, Korea, demnächst; und schließlich die Erzählung eines jungen Hawaiianers, der vom bevorstehenden Ende der Menschheit berichtet, das ist so in tausend Jahren. Der Brite David Mitchell gilt als die ganz große Hoffnung für den modernen Roman, als einer, der etwas völlig Neues erschaffen kann. Das ist ihm hier wahrlich gelungen. So virtuos und kurzweilig schreiben nur wenige, und auch, wenn der Sinn des Ganzen etwas mau ist (dass nämlich alles mit allem zusammenhängt. Schau an!), macht dieses Buch großen Spaß.

David Mitchell: "Der Wolkenatlas", Ü.: V. Oldenburg, Rowohlt, 672 S., 24,90 Euro

Ganz harter Stoff

Sie mögen es etwas härter? Also bitte: Train ist Caddie in Los Angeles. Ein gutmütiger Junge aus einem fiktiven Schwarzen-Ghetto. An einem sonnigen Tag im März 1953 trägt er die Golftasche eines fiesen Fettwanstes, Gegenspieler ist der Polizist Miller Packard, dessen Caddie ein Schwarzer namens Florida. Am sechsten Grün bricht Florida tot zusammen - und dann geht's auch schon los: Ein reicher Yachtbesitzer wird ermordet, seine Frau vergewaltigt. Packard bekommt die farbigen Täter zu fassen, sie überleben das nicht. Einer von ihnen war der Boss von Train, im Golfclub werden daraufhin alle Schwarzen rausgeworfen ... Das wird schon noch sehr spannend und führt zu einem nicht vorhersehbaren Ende. Der amerikanische Thriller-Autor Pete Dexter versteht die Kunst des Timings und der sprechenden Details. Mit wenigen Pinselstrichen malt er ein düsteres Bild, in dem Gewalt und Diskriminierung nahezu unausweichlich scheinen. Ein mulmiges Leseerlebnis, aber ein Erlebnis!

Pete Dexter: "Train", Ü.: J. Bürger, Liebeskind, 400 S., 22,00 Euro

Mein Favorit:

Was will ich?

Dwight Wilmerding ist 28 Jahre alt und hat ein Problem: chronische, quälende Unentschlossenheit. Führt er mit der schönen Inderin Vaneetha eine Beziehung oder nicht? Was soll er nach seinem gerade erfolgten Rausschmiss beruflich machen? Selbst die simple Frage von Freunden, ob er zu dieser oder jener Abendveranstaltung mitkommen wolle, kann Dwight nur mit Hilfe eines Münzwurfes entscheiden. Doch dann naht eines Tages die Lösung: Ein Mitbewohner seiner Männer-WG bietet ihm zu Versuchszwecken das noch nicht zugelassene Medikament Abulinix an: eine Pille gegen krankhafte Unentschlossenheit. Dwight schluckt das Zeug, und: Es scheint zu wirken. Denn spontan entscheidet er sich, die Einladung seines Jugendschwarmes Natasha nach Ecuador anzunehmen. Eine Reise in die Fremde, vor allem aber ins eigene Ich, nach der nichts mehr sein wird wie vorher. Benjamin Kunkel gilt als die Neuentdeckung der New Yorker Literaturszene. Unterhaltsam, entlarvend und sehr intelligent porträtiert Kunkel in seinem Roman-Erstling typische Großstadttwens, die schlau genug sind, alles zu erreichen, sich aber ständig selbst im Weg stehen, weil sie überall nur Optionen, aber nicht mehr das Wesentliche sehen.

Benjamin Kunkel: "Unentschlossen", Ü.: S. Röder, Bloomsbury-Berlin, 315 S., 19,90 Euro

Verbotene Liebe

Ihr Leute vom Goldmann-Verlag: Warum nennt ihr ein Buch mit dem schlichten Originaltitel "One Mississippi" ausgerechnet "Abgebrannt in Mississippi"? Das klingt nach einem schlechten RTL-2-Film, aber nicht nach einem guten Buch. Ist es aber. Der Amerikaner Mark Childress wurde in Alabama geboren, und der Süden der USA ist sein Thema. Hier erzählt er die Geschichte der Freunde Daniel und Tim. Die beiden sind im Sommer 1973 in Minor, Mississippi, unzertrennlich. Bis sich Daniel in eine Mitschülerin verliebt - die schöne, farbige Arnita. Ein schwere Belastungsprobe für die beiden, denn Tim lehnt die von der Bevölkerung immer noch als skandalös empfundene Beziehung ebenfalls ab. Ein wunderbar erzählter, praller Roman voller skurriler Gestalten. Childress versteht es meisterlich, ernste Themen unterhaltsam zu verpacken, ohne dabei jemals platt zu werden. Ein geborener Erzähler.

Mark Childress: "Abgebrannt in Mississippi", Ü.: R. Schmidt, Goldmann, 480 S., 19,95 Euro

Bewährter Bulle

Es gibt Autoren, auf die man sich immer verlassen kann. Der Amerikaner Michael Connelly ist so einer. Seine Krimis und deren Protagonisten sind wie alte Bekannte, mit denen man sich sofort wieder gut versteht. In diesem Roman kehrt Harry Bosch, der desillusionierte Bulle mit den vielen Narben an Körper und Seele, wieder in den Polizeidienst zurück. Bosch soll alte ungelöste Fälle bearbeiten, deren Spuren mit modernster Kriminaltechnik neu bewertet werden könnten. Schon beim Aufrollen seines ersten Falls, der Ermordung eines 16-jährigen Mädchens, sticht er in ein Wespennest. Denn es gibt Anzeichen, dass Mitarbeiter der Polizei von L.A. in den Fall verwickelt sind. Connelly erzählt gradlinig, spannend und überrascht wieder mal mit einem furiosen Showdown. Ein richtig guter Krimi. Am besten für den nächsten Urlaub im Ausland bunkern, wenn es nicht die Zeit für Experimente ist. Hier können Sie nichts falsch machen.

Michael Connelly: "Vergessene Stimmen", Ü.: S. Leeb, Heyne, 477 S., 19,95 Euro

Der bessere Schwede

Spätestens seit dem missglückten "Vor dem Frost" ist klar: Henning Mankell hat sein Pulver verschossen. Tröstlich, dass wenigstens Landsmann Åke Edwardson auf gleichbleibend hohem Niveau schreibt. Im "Zimmer Nr. 10" einer miesen Göteborger Absteige kommen Frauen zu Tode, die freiwillig nie einen Fuß dorthin gesetzt hätten. Kommissar Erik Winter ringt nicht nur mit der Aufklärung dieser Morde, sondern mit Dämonen der Vergangenheit: seinem Versagen als junger Polizist bei einem Fall, der fatale Ähnlichkeit zu den aktuellen aufweist. Edwardsons Charakterstudien und Dialoge sind famos, und "Zimmer Nr. 10" gibt sein Geheimnis am Ende sehr schlüssig preis. Kleiner Wermutstropfen: Der Midlife-Crisis seines Kommissars widmet Edwardson zu viele Zeilen. Kann es sein, dass der schwedische Autor, Jahrgang 1953, selbst mittendrin steckt? Seiner Kunst allerdings tut dies keinen Abbruch.

Åke Edwardson: "Zimmer Nr. 10", Ü.: A. Kutsch, Claassen, 480 S., 19,90 Euro

Mein Favorit:

Gut gemacht, Mädels!

Manchmal ist es lehrreich und anrührend zugleich, einen Blick zurückzuwerfen. Auf die Mädchenjahre unserer Mütter und Großmütter zum Beispiel. Jahrzehntelang wurde der weibliche Nachwuchs nach dem "Prinzip" erzogen, das sich Eva Herman so sehr zurückwünscht. Ein Weib hatte lieb, fügsam und tugendhaft zu sein, eine möglichst gute Partie zu machen, sich in eine sittsame Ehefrau und aufopferungsvolle Mutter zu verwandeln. Aber wer will schon auf ewig brav bleiben? Dieses Buch ist eine wundervolle literarische Schatztruhe, angefüllt mit Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, persönlichen Erinnerungen und privaten Fotos, die den Wandel des Mädchenbildes im Laufe des 20. Jahrhunderts dokumentieren. Eine spannende Reise durch die Prägungsphase des weiblichen Geschlechts, von der Kaiserzeit bis heute. Es öffnen sich Fenster, die den Blick schärfen für die Bemühungen, sich der Zwangsjacke zu entledigen. Und dabei liegt die Tragödie ganz nah bei der Komödie. "Du kannst doch keine Kuh entbinden!", entrüstet sich der Vater und verbietet seiner Tochter, Tierärztin zu werden. Und der Großvater warnt die Enkelin vor ihrer Sehnsucht nach der weiten Welt: "Ich würde nie ein Mädchen heiraten, das schon mal allein in Paris war." Sätze, die das "Herman-Lied" vom Hausmütterchen Eva wohl endgültig auf den Müll befördern.

Antonia Meiners (Hg.): "Kluge Mädchen - oder wie wir wurden, was wir nicht werden sollten", Sandmann Verlag, 176 S., 19,95 Euro

Indische Einsichten

Lässt sich Indien erklären? Den riesigen Subkontinent auch nur ansatzweise zu verstehen ist ein Kraftakt für jeden Europäer. Da kann man von Glück reden, wenn man einen literarischen Reisebegleiter wie Amitav Ghosh zur Seite hat. Der Autor wurde in Kalkutta geboren, hat in Oxford promoviert und lebt in New York. Durch sein großes Talent, Menschen zu porträtieren, schafft er es - einfühlsam und scharfsinnig -, die politischen, sozialen und kulturellen Strukturen seiner Heimat zu spiegeln. Ein Weltenbürger als Fremdenführer, besser geht's nicht.

Amitav Ghosh: "Zeiten des Glücks im Unglück - Indische Augenblicke", Ü: Barbara Heller, Blessing, 352 S., 19,95 Euro

Pop-Muslime: jung, gläubig, cool

Kultige T-Shirts mit Mekka-Aufdruck sind der Hit. Verkauft werden sie mit einem Beipackzettel, der die Träger vor Alkoholgenuss und Discobesuch warnt, während sie das gottgefällige Hemd am Leib tragen. Es hat sich auch bei uns eine neue Generation junger Muslime formiert, die den Botschaften eines pazifistischen TV-Senders in Kairo folgt. Bei ihnen, so hat die Islam-Wissenschaftlerin Julia Gerlach herausgefunden, verbinden sich tiefe Gläubigkeit, Bildungswille und moderne Großstadt-Coolness zu einem neuen Trend: dem Pop-Islam. Ein wichtiges Buch, um besser zu begreifen, was in den Köpfen derer vor sich geht, die sich als "muslimische Avantgarde" verstehen.

Julia Gerlach: "Zwischen Pop und Dschihad", CH. Links Verlag, 256 S., 16,90 Euro

Saumäßig gut

Es gibt Schweinepriester und Pistensäue, Saupreußen und Schweinehunde. Miss Piggy nicht zu vergessen und Babe, das Schweinchen der Herzen. Mensch und Schwein, so scheint es, teilen mehr miteinander, als uns lieb ist. Im Guten wie im Bösen. Man denke nur an die rosige Hautfarbe, die Beschaffenheit des Fleisches oder die Gefräßigkeit. Noch mehr saumäßig spannende Informationen finden sich in dieser reich bebilderten Kulturgeschichte unseres schweinischen Alter Egos. Ein tierisches Vergnügen.

Stiftung Schloss Neuhardenberg (Hg.): "Arme Schweine - Eine Kulturgeschichte", Nicolai Verlag, 140 S., 19,90 Euro

Rein ins Abenteuer

Zu Fuß über das Packeis der Arktis, auf dem Kamelrücken durch Zentralasien, unter Segeln nach Tahiti, mit dem Zeppelin zum Dach der Welt. In diesem Buch dürfen die Leser mit den berühmtesten Entdeckern wie James Cook, Charles Darwin oder David Livingstone auf Expedition gehen - ohne abgefrorene Zehen, Schlangenbisse oder Atemnot fürchten zu müssen. Gute Reise!

National Geographic: "Legendäre Expeditionen - 50 Originalberichte", 264 S., 120 Fotos und Illustrationen, 39,95 Euro

Wahnsinns-WG

Gemeinschaftsküche, ein Fernseher, rationierter Strom, nur ein paar Stunden Heißwasser und draußen vor der Tür Männer in Pluderhosen, die mit Kalaschnikows im Anschlag Wache schieben. Was passiert, wenn Frauen aus fünf verschiedenen Ländern im kurdischen Nordirak auf engstem Raum zusammenleben? Susanne Fischer entführt in diese "Villa am Rande des Wahnsinns", wo sie gemeinsam mit ihren WG-Schwestern versucht, junge Iraker zu unabhängigen Journalisten auszubilden. Ein ganz anderer, hochinteressanter Report über einen Alltag jenseits des Bombenterrors.

Susanne Fischer: "Meine Frauen-WG im Irak", Malik, 256 S., 17,90 Euro

Schlemmen mit Alexandre Dumas

Die Rezepte reichen von A wie Aal-Pâté bis Z wie Zwiebelpüree mit Schleie. Aber diese monumentale Sammlung internationaler Köstlichkeiten ist viel mehr als ein Kochbuch. Sie ist ein saftiges Stück kulinarische Literatur aus der Feder von Alexandre Dumas, der sein enzyklopädisches Werk mit reichlich Witz und Esprit gespickt hat. Dem Autor des Mantel-und-Degen-Klassikers "Die drei Musketiere" eilte der Ruf voraus, selbst ein leidenschaftlicher Koch und Genussmensch zu sein. Der neu aufgelegte, in Leinen gebundene Prachtband ist das perfekte Geschenk für alle Gourmets, die gern lesen. Oder alle Leser, die gern essen.

Alexandre Dumas: "Das große Wörterbuch der Kochkunst", Mandelbaum Verlag, 480 S., 78 Euro

Turbulentes Familienleben

Sie schrieben nicht nur Theater- und Filmgeschichte, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts: die Hörbigers, die berühmteste Schauspieler-Dynastie des deutschen Sprachraums. Der Autor hat sich mit großer Sachkenntnis, Sensibilität und wohltuender Distanz der turbulenten Biografie dieses Künstler-Clans angenommen.

Georg Markus: "Die Hörbigers - Biografie einer Familie", Amalthea, 349 S., 24,90 Euro

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