Die besten Bücher des Herbstes

16. Oktober 2006, 15:01 Uhr

Auch dieses Jahr ist die Flut der Neuerscheinungen überwältigend. stern-Redakteure haben nach Perlen gefischt - und sind fündig geworden.

Stephan Maus, 38, hat nichts gegen eine bunte Mischung und ist neugierig auf Romane, die etwas wagen©

Mein Favorit: Wasser zu WeinWarum können es die Amis einfach besser? Wahrscheinlich eine Frage der Statistik: Die amerikanische Kulturindustrie hat einen so irrwitzigen Ausstoß, dass all der Trash mit hoher Wahrscheinlichkeit immer wieder auch Geniales hochspült. Und genau davon handelt der neue Roman von Rick Moody. "Wassersucher" setzt einen bunten Reigen aus dem Show- und Mediengeschäft in Szene. Alle Figuren wollen es sprudeln lassen. Entweder das Geld oder die Liebe. Moody zeichnet die Entertainment-Hölle als ein Fegefeuer der Eitelkeiten, dem niemand heil entkommt. Bei genauer Betrachtung ist dieses Meisterwerk eine klassische Erlösungsgeschichte: Virtuos variiert Moody die Muster von TV-Serien, um sie in die Trost spendende Sphäre der Kunst zu überführen. Die Alchemie gelingt: Das Wasser der Unterhaltungsindustrie wandelt sich in den vollmundigen Wein der Literatur.

Rick Moody: "Wassersucher", Ü.: I. Herzke, Piper, 600 S., 23,90 Euro

Stinkbomben im Olymp

Normalerweise betreibt man als Germanist Denkmalpflege und zupft den Olympiern ihren Lorbeerkranz zurecht. Das muss Herrn Professor Drews irgendwann so gelangweilt haben, dass er beschloss, ein paar Stinkbomben im Olymp hochgehen zu lassen. Er sammelte vernichtende Urteile von Schriftstellern über Schriftsteller. Wer glaubt, Büro und Flurfunk seien die schlimmsten Brutstätten von Kollegenschelte, wird hier eines Besseren belehrt. Nirgendwo wütet die Missgunst ärger als in der Dichterklause. In diesem amüsanten Buch winden sich die Dichter keine Kränze, sondern bekriegen sich in perfektem Versmaß: "Der Böll war als Typ wirklich Klasse. / Da stimmten Gesinnung und Kasse. / Er wär' überhaupt erste Sahne, / wären da nicht die Romane." (Robert Gernhardt)

Jörg Drews (Hg.): "Dichter beschimpfen Dichter", Zweitausendeins, 270 S., 9,90 Euro

Geschnitten oder am Stück?

Wurst? Pfui bäh! Ganz falsch. Kein Tofu-Bratling kann das Geschmackserlebnis einer luftgetrockneten südfranzösischen Bergsalami schenken. Wenn's um die Wurst geht, ist alles eine Frage von Zutaten und akkurater Verarbeitung. Genau wie bei der Literatur. Und in diesem schönen Buch über das Schmuddelkind der Kochkunst harmoniert alles ganz wunderbar. Der Sterne-Koch Vincent Klink liefert die Sachkenntnis, der Satiriker Wiglaf Droste zeigt, dass ein wilder Pöbler auch mal ein sanfter Pökler sein kann, und der Illustrator Nikolaus Heidelbach porträtiert die rassige Chorizo mit ebenso liebevoller Hingabe wie die sanft geschwungene Blutwurst. Ein Plädoyer für deftige Lebensart. Leider in Leinen gebunden und nicht in Naturdarm.

Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach, Vincent Klink: "Wurst", Dumont, 158 S., 24,90 Euro

Nachrichten aus dem Aktenschredder

Ein Akademiker. Arbeitslos. Bilanz der letzten Monate: ein paar hundert abgeschickte Bewerbungen und nicht eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Dann wird er von der Bundesgeschäftsstelle einer Partei zum Vorstellungsgespräch bestellt. Aber nur, weil die Sekretärin seine Unterlagen frisiert hat. Sie wollte auch mal Entscheidungsträgerin sein. Der Mann bekommt den Job, doch die Erwartungen an ihn beruhen auf Betrug. Wie überlebt ein Kuckucksei im kalten Nest der verwalteten Welt? "Das schwarze Ei" setzt einen klassischen Comedy-Plot mit unerhört zeitgenössischer Sprache um. Selten liest man so resolut moderne Sätze, die passgenau wiedergeben, was die Dienstleistungs- und Bürogesellschaft mit unserem Denken macht: Sprache und Ideen sind hier wie durch den Reißwolf gedreht. Das erfordert konzentriertes Lesen, lohnt sich aber: Nach der Lektüre riecht's schön frisch nach Reinigungsmittel in den endlosen Fluren der grauen Zellen, und durchs Oberstübchen weht eine leise Ahnung, wie wirklich moderne Literatur aussehen kann.

Heiko Michael Hartmann: "Das schwarze Ei", Hanser, 240 S., 19,90 Euro

Schattenbändiger

Mit holzschnittartigen Zeichnungen erzählt David B. in seinem autobiografischen Comic von der epileptischen Krankheit seines Bruders. In diesem meisterlich komponierten Werk zerfällt die Welt von drei Geschwistern in kontrastreiches Schwarz-Weiß wie in scharfkantige Splitter. Wenige haben bisher die Schatten so eindrucksvoll gezähmt wie David B.

David B.: "Die heilige Krankheit. Geister", Ü.: K. Wilksen, Edition Moderne, 176 S., 22 Euro

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 41/2006

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