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Er ist wieder da

Sie kennen sich seit Jahren: Mit Benjamin von Stuckrad-Barre verbindet stern.de-Chefredakteur Philipp Jessen eine lange Historie. Entsprechend persönlich fällt die Kritik zum neuen Roman "Panikherz" aus.

Von Philipp Jessen

Benjamin von Stuckrad-Barre

Benjamin von Stuckrad-Barre

"Es musste dringend was passieren - und da knallte die Musik von Udo Lindenberg in meine Kindheit." Mit diesem Satz beginnt das zweite Kapitel von "Panikherz", dem neuen Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre. Wie sich das anfühlt, wenn was in die Kindheit reinknallt, das kenne ich gut. Das war bei mir allerdings nicht Lindenberg, mit dem konnte ich nie etwas anfangen, wie mit Musik im Allgemeinen. Ich guckte lieber Fernsehen. Sondern eben Stuckrad-Barre. 1998 erschien "Soloalbum". Und ich weiß noch genau, wie ich das Buch in die Hände bekam. Ich war krank und lag im Bett meiner Eltern. Was in der Rückbetrachtung seltsam ist, weil ich damals 21 Jahre alt war. Aber im Eltern-Schlafzimmer stand der größere Fernseher. Mein Vater zeigte mir seine Zuneigung durch Bücher, die er mir mitbrachte. Die aber stets in der Klarsichtfolie eingeschweißt blieben. Er legt "Soloalbum" auf das Bett. Sagte "Lies doch das mal", und verschwand.

Das Buchcover sah schrecklich aus. Braunorange, quergestreift. Und auf der Rückseite das Autorenfoto, da stand ein komischer Typ im Anzug. Vor einem Heizkörper, wenn ich mich recht entsinne. Trotz der ästhetischen Irritation las ich rein. Und hörte nicht auf bis zur letzten Seite in derselben Nacht. Ab da war ich Fan. Ich las jeden Textschnipsel über ihn, ging zu Lesungen, stellte mich an, bekam Widmungen. Wünschte mir zu Weihnachten einen Anzug von HUGO, bekam einen von Hugo Boss und war sauer. Ich überdachte zum ersten Mal seit der siebten Klasse meine Berufsplanung. Ist Schreiben und Journalismus vielleicht auch was? Doch nicht BWL?

Als "Gala"-Volontär verfasste ich für die Gerüchteseite einen kurzen Text über ihn. Irgendwas mit Anke Engelke. Wahrheitsgehalt 35 Prozent. Er rief in der Redaktion an. Beschwerte sich. Ich traute mich nicht, das Gespräch entgegenzunehmen. Später landete das Gerücht als Faksimile in seinem Buch "Blackbox". Ich fand das toll.

Mit Benjamin von Stuckrad-Barre bei HUGO

Das erste Mal geredet haben wir auf einer grausamen Veranstaltung im HUGO Laden am Hamburger Rathausmarkt. Stuckrad stellte irgendeine CD vor, sollte seine "Lieblingshits" auflegen. Er sah schlimm aus. Aufgedunsen. Viel zu enges Take-That-Shirt. Flacker-Blick. Da ging gar nichts. Im Publikum nur Journalisten, ausnahmslos mit verschränkten Armen. Sie wollten einen von ihnen, der zu hoch geflogen war, stürzen sehen. Und sie bekamen, was sie wollten. Big time. Benjamin riss das DJ Pult um, beschimpfte das Publikum (zu Recht) und zog sich dann konsequenterweise noch aus. Ging zu einem Regal und nahm sich wahllos Klamotten. Bewegte sich Richtung Tür. Ich hielt ihn auf. Ich sagte: "Mach dir nichts draus. Das hier ist doch nur Hamburg." Er nickte und ging raus. Immer geradeaus. Die Elektrosicherungen in den Hugo-Klamotten lösten Alarm aus. Es piepte. Alle Leute waren plötzlich still. Bis auf die Filialleiterin, die lief fluchend hinter ihm her.

Unsere Kreise kamen sich irgendwie näher. Wir waren auf denselben Veranstaltungen, sogar auf den gleichen Hochzeiten. Wir sprachen. Tauschten Nummern aus. Dann war er weg. Da war plötzlich nur noch das Geraune von Menschen, die ihn "Ben" oder "Stucki" nennen. Er schreibt wieder. Doch nicht. Das Drogenbuch soll kommen. Der macht nur noch seinen Springer-Quatsch. Der kommt nicht wieder.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz

"Panikherz" von Benjamin von Stuckrad-Barre ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 22,99 Euro.

Jetzt ist er wieder da. Mit einem Buch im Gepäck. Am liebsten würde ich mich in das Bett meiner Eltern legen und es in einer Nacht durchlesen. Aber das ist aus diversen Gründen nicht möglich. Auf der Rückseite hat Ferdinand von Schirach über Panikherz geschrieben: "Ich habe lange nichts gelesen, was mich so berührt hat." Und genau so ist es. Es knallt wie früher. "Ich habe euch dieses Buch geschuldet", schrieb er mir gestern in einer SMS. "Ich hatte nie das Gefühl, das du mir was schuldest", lautete meine Antwort. "Im Gegenteil." "Dochdoch", kam zurück.
Die Wahrhaftigkeit, die Ehrlichkeit, der unerbittliche Blick auf sich und andere, die Jetztzeit und ihre Protagonisten, die eigenen Schwächen und Stärken, sein Text gibt mir das Gefühl von damals zurück. Dass sich da jemand wieder gefangen hat und sich so offenbart mit offenem Visier hinstellt und sagt: "Bitte schön, hier bin ich. So bin ich“ - das bewegt mich zutiefst. Aber was bringt Selbstoffenbarung, wenn es ohne Talent daherkommt? Das ist dann Reality TV und nicht Literatur. Aber Talent, das hat Stuckrad eben nun mal zuhauf. Er kann schreiben. Punkt. Das konnte ihm das Kokain nicht nehmen. Sein wichtigstes Arbeitsgerät, sein Gehirn, ist noch voll im Betrieb. "Panikherz" ist sein bestes Buch. Ich glaube das wollte er. Nochmal richtig reinknallen. Alles aufschreiben, was er kann und weiß. Reinknallen eben. Das hat geklappt.

Ja, und vielleicht hat er uns das Buch wirklich geschuldet - aber vielmehr doch sich selbst. Welcome back.

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