Kurkow verzaubert mit neuer Mischa-Fabel

9. September 2003, 18:03 Uhr

Mit einem Tagträumer als Helden und einem Königspinguin als Nebenfigur hat sich Kurkow eine Fangemeinde erobert, die sich nun über gute Nachrichten freuen kann: Pinguin Mischa watschelt wieder.

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Es war einmal ein Schriftsteller, der konnte Geschichten schreiben so leicht und traurig wie das Leben selbst. Andrej Kurkow, in Kiew und London lebender Ukrainer, ist ein Meister klug komponierter Romane mit viel hintergründiger Komik. Mit einem Tagträumer als Helden und einem Königspinguin als Nebenfigur hat sich Kurkow mit "Picknick auf dem Eis" eine Fangemeinde erobert, die sich nun über gute Nachrichten freuen kann: Pinguin Mischa watschelt wieder.

"Pinguine frieren nicht" heißt der neue Roman Kurkows, der erneut keinerlei Schock- und Knalleffekte benötigt, um 537 Seiten Hochspannung zu kreieren. Viktor, den Nekrologe schreibenden Redakteur der Kiewer "Hauptnachrichten", hat die Flucht vor der Mafia zu einer Polarstation in der Antarktis geführt. Doch der Autor hieße nicht Andrej Kurkow, wenn er seinem traurigen Protagonisten eine längere Pause vom Trubel und Irrwitz des Lebens gönnen würde. Mit Kreditkarte und Brief eines sterbenden Bankiers in der Tasche kehrt Viktor nach Kiew zurück. Doch in seinem Bett schläft jetzt ein anderer "Onkel", und den Platz Mischas hat eine dümmliche Katze eingenommen.

So macht sich Viktor auf die Suche nach seinem melancholischen Pinguin, die ihn in die Dienste eines zwielichtigen Politikers, die Arme einer Moskauer Bankiersgattin und schließlich gar ins kriegerische Tschetschenien führt. Dort, direkt an der Erdölleitung "Freundschaft" findet Viktor seinen Mischa - und einen recht makabren Job. "Irgendwo in der Nähe fand der Krieg statt, manchmal hörten sie Explosionen und Maschinengewehrfeuer. Selten dröhnten Militärflugzeuge und Hubschrauber über sie weg. Der Krieg machte keine Pause. Und genauso pausenlos verbrannten er und Sewa nachts Leichen."

Ohne den Anspruch, realistisch zu sein, macht Kukow die Absurdität des Krieges und politischer Machtkämpfe fassbar. Das Grausen kommt auf leisen Sohlen, lakonisch, ohne Schnörkel - und deshalb umso eindringlicher. Eine fesselnde Geschichte erzählt das Buch, unglaublich schön und kreativ, ohne jemals ins Triviale abzugleiten. Große Gedanken über Lebenssinn, Liebe und Seelenfrieden, mit leichter Hand in die Odyssee eines einsamen Menschen verpackt. Kurkow muss nicht böse oder radikal sein, um mitten ins Herz zu treffen. Mehr davon, bitte.

Andrej Kurkow: Pinguine frieren nicht.
Diogenes Verlag, Zürich, 537 Seiten, 22,90 Euro

Annett Klimpel

 
 
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