Das iPad hält er für eine Totgeburt und Raubkopien versteht er als legitime Steuer auf Ruhm. Der britische Internet-Guru Cory Doctorow ist einer der einflussreichsten Blogger der Welt. Er nutzt konsequent die Gesetze des Netzes, um Geld zu verdienen. Von Stephan Maus

Cory Doctorow ist einer der einflussreichsten Blogger der Welt© Paula Mariel Salischiker/pausal.co.uk
Früher war diese Ziegelstein-Festung hier eine Fabrik. Vielleicht sogar eine Uhrenfabrik. Während der Industriellen Revolution war der Londoner Stadtteil Clerkenville bekannt für seine Feinmechaniker. Heute, ein paar Revolutionen später, hat hier der Internet-Guru Cory Doctorow ein kleines Büro voller Krams. Noch immer weht hier Schraubergeist. Doctorows Frau nennt den düsteren Raum seine Höhle. Zum Geburtstag hat sie ihm eine Kuckucksuhr geschenkt.
Als der Kuckuck zum zweiten Mal hervorschnellt, ist Doctorow bei seinem Lieblingsfeind angekommen: "Apples iPad? Eine Totgeburt! Steve Jobs hat sich ins Handy-Business verliebt und will jetzt die besten Handys machen. Aber Handys sind die schlechteste Technologie, die wir haben. Handy-Firmen sind böse und dumm. Handys sind verkrüppelt und nutzlos. Und solange der Tablet-Sektor so bewirtschaftet wird, wie Mobilfunk-Unternehmen es tun, werden Tablets eine hinkende, schlechte Alternative zum wahren Internet sein. Und jetzt will Apple in diesem bösen, nutzlosen, verkrüppelten Business mitmischen. Deswegen kaufe ich ihre Hardware nicht mehr. Das soll nicht heißen, dass man nicht profitabel sein kann, wenn man böse, dumm und nutzlos ist. Es ist einfach nur keine interessante Technologie."
Interessant sind für Doctorow nur offene Technologien. Geräte und Programme, die von jedem eingesehen, verstanden und verändert werden können. Die man wie eine Kuckucksuhr auseinanderschrauben und wieder zusammensetzen kann. Um den Kuckuck vielleicht durch einen Dinosaurier zu ersetzen. Ihn begeistert unübersichtlich wuchernde Technik, nicht die glitzernde Oberfläche eines App-Stores. Seine Jagdgründe sind die Weiten des wilden Netzes. Hier fischt er nach Kuriositäten und stellt sie in dem Blog boingboing.net vor, das er zusammen mit vier Mit-Herausgebern betreibt. Boing Boing ist eine Fundgrube voller Zeugnisse für kreativen Umgang mit neuen Technologien. Und es ist eines der meist verlinkten Blogs der Welt. Pro Monat stöbern 3 Millionen Besucher in diesem "Verzeichnis wundervoller Dinge", wie sich die Seite im Untertitel nennt. Täglich feiert dieses Kuriositätenkabinett die Unzähmbarkeit des Netzes. Boing Boing hat Cory Doctorow auf die Forbes-Liste der zehn einflussreichsten Internet-Persönlichkeiten der Welt katapultiert.
Auch Doctorows neuester Jugendroman "Little Brother" erzählt von der subversiven Kraft des Netzes. Als Terroristen die Oakland Bridge in San Francisco sprengen, geraten der Gamer Marcus und seine Freunde in die Fänge der Heimatschutzbehörde, die bald einen Überwachungsstaat etabliert. Die Bedrohung durch Terror wird zum Alibi für totale Kontrolle. Wieder zurück in der Freiheit, entwickeln sich die Computerspieler zu rebellischen Hackern, die den staatlichen Kontrollsystemen ein Schnippchen schlagen und schließlich die Heimatschutzbehörde stürzen. "Little Brother" stand wochenlang auf der amerikanischen Bestsellerliste und wurde von der New York Times als "Selbstverteidigungshandbuch für das Digitalzeitalter" gelobt . Die Lektion dieses Romans, der junge Leser zu mündigen Technik-Nutzern erziehen möchte: Geschlossene Systeme werden offenen immer unterliegen.
Und nun soll Doctorow also etwas zum iPad sagen. Zu dieser Fernbedienung für den Internet-Shop iTunes, in dem man ausschließlich versiegelte Musik, Bücher und Software kaufen soll. Für Doctorow ist der iTunes-Shop die Perversion des Urheberrechtsgedankens schlechthin. Nicht Piraten sind für ihn die eigentlichen Rechtsverletzer, sondern Unternehmen, die die Nutzung ihrer Produkte durch Kopierschutz einschränken. In Deutschland zum Beispiel vertreiben Verlage die Digital-Ausgaben ihrer Bücher mit Kopierschutz bislang über das Portal Libreka. Für Doctorow ein Unding. Wer für ein Produkt gezahlt hat, soll auch uneingeschränkt darüber verfügen dürfen. Gegen digitales Rechtemanagement predigt Doctorow auch vor Microsoft-Managern, die ihn regelmäßig nach Redmond einladen.
"Stellen Sie sich vor, sie kaufen eine Schale mit Suppe", echauffiert er sich. "Und wenn Sie Ihre Suppe ausgelöffelt haben, lesen Sie auf dem Boden der Schale eine Notiz, die besagt: 'Durch das Auslöffeln dieser Suppe erklären Sie sich damit einverstanden, dass Sie die Suppe zuhause nicht nachkochen dürfen.' Das ist kein vernünftiger Vertrag. Wenn Sie ein Gesetz machen wollen, das besagt, dass Leute Ihre Suppe zuhause nicht replizieren dürfen, müssen Sie damit zum Parlament. Das können Sie nicht einfach auf Ihrer Suppenschale deklarieren. Nutzer- und Urheberrechte sind schließlich sorgfältig ausbalanciert."