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"Wir waren schön, so schön!"

Er ist der letzte 68er, der noch immer das Ideal von damals zu leben versucht: Rainer Langhans. Sein Brief verbindet zwei Generationen von Rebellen: die von gestern und die von heute.

Hallo, ich sage mal, wie ich unsere Welt sehe, so wie sie jetzt ist. Denn ihr lebt das aus, was wir damals nur ein kurzes, so langes Jahr leben konnten. 1967: Es war das unglaubliche Gefühl, dass alles richtig und gut ist. Wir wussten ja gar nicht, wie uns geschah! Wo waren wir? Eigentlich war die Welt doch ganz anders als die, die wir um uns herum sahen.

Unsere Eltern hatten einen einzigartigen Massenmord begangen. Wir lebten auf einem Leichenberg. Wie konnte man da leben, lieben?

Viele von uns fanden in linken Schriften etwas wieder von den Gefühlen, die wir hatten, vor allem wir Jungen. Und wir dachten, man müsste das System ändern, den "Kapitalismus" abschaffen, durch eine Revolution. Einigen genügte das nicht. Das "System" ist doch zunächst in einem selbst! Und bringt dann die ganze falsche Welt hervor. Diese mörderische Welt, in der es den meisten nicht gutgeht. Wie entsteht sie?

Wir glaubten, sie entstünde in der Kleinfamilie, wo einer der Große ist und Kind und Frau die angstvoll Kleinen. Keine Liebe, klar. Liebe: Das geht nur unter Gleichen und Glücklichen. Sich gegenseitig dazu zu verhelfen, das war "Kommune" für uns. "Leidenschaftlich an sich selbst Interessierte": So nannten wir uns selbst.

Wir waren Gott, ja ...

Dazu analysierten wir uns in einer Art Marathon-Encounter. Jeder auf den heißen Stuhl. Der Horror! Aber dann Erleichterung: Wir waren schön, so schön! Tanzten ein Jahr, dieses göttliche Jahr ... Manche sagten Sex dazu, andere Musik, Drogen, Hippies. Oder Kulturrevolution. Demonstrationen. Polizeispiele. Gemeinsame Begeisterungen. Alles war möglich! Wir waren Gott, ja ...

Doch das blieb nicht so - wisst ihr ja. Warum? Wir waren entsetzt, dass die Älteren so viel Angst vor uns bekamen, wo wir doch nur leben wollten - und wir machten viele Fehler. Der schlimmste Fehler war, dass wir uns reinziehen ließen in den Angstkrieg unserer Eltern gegen uns. Krieg geht nie! Verteidigen ja. Aber nicht mehr. Dieser Strang von 68 verlor den Kampf. Große Trauer, bis heute. Der andere aber, der der inneren Revolution, gewann ihn - in euch.

Ja, wir haben gewonnen!

Gut, die materielle Welt konnten wir nicht ändern. Das könnt ihr auch nicht. Aber eine neue Welt schaffen, in der mehr möglich ist, das konnten wir für kurze Zeit - und nach langen 40 Jahren nun auch ihr.

Denn: Die Kommune ist heute im Internet zu Hause, dort, wohin ihr längst ausgewandert seid. Da gibt es viel zu tun, weit über MySpace und "World of Warcraft" hinaus. Kein Geld, kostenlose Fülle, alles wissen, jeden lieben - Avatare, die wir sind ... Und wir, die wir nun die Älteren sind? Wir werden in absehbarer Zeit unsere Körper verlassen. Gut altern heißt sich darauf vorbereiten. Aber wie? Wir werden das Alter neu erfinden müssen, wie wir schon einmal die Jugend neu erfunden haben. Und das können, das müssen wir!

Mit euch. Uns dematerialisieren üben im Netz, in dieser besseren Welt lieben lernen.

Wollen wir uns dort begegnen?

Euer Rainer Langhans

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