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13. April 2010, 14:47 Uhr

Online-Portal setzt sich gegen renommierte Zeitungen durch

Historischer Moment in der Mediengeschichte: Erstmals wurde der "Oscar" des Journalismus an ein Online-Portal vergeben - für eine Enthüllungsgeschichte über ein Krankenhaus in New Orleans. Auch weitere Preise gingen an publizistische Underdogs.

Pulitzer-Preis, Jury, Gewinner, Oscars, Medien, Kultur, Komponist, Schriftsteller

Die Mitglieder des "Bristol Herald Couriers" feiern in der Redaktion den Gewinn des Pulitzerpreises© Bill McKee/Epa

Das Internet-Zeitalter ist nun auch bei den Pulitzerpreisen angekommen. Mit dem gemeinnützigen Nachrichtenportal "ProPublica" wurde am Montag zum ersten Mal ein Online-Medium mit dem begehrten US-Journalistenpreis ausgezeichnet. Der Preis für den besten Enthüllungsjournalismus ging an die "ProPublica"-Autorin Shari Fink für die gemeinsame Reportage mit der "New York Times" über ein Krankenhaus in New Orleans nach dem Hurrikan "Katrina". Die im Juni 2008 gegründete Online-Publikation "ProPublica" betreibt nach eigenen Angaben "investigativen Journalismus zu gesellschaftlich relevanten Themen". Zusätzlich zum Pulitzerpreis für Enthüllungsjournalismus erhielt die renommierte Zeitung "New York Times" noch Preise in der Kategorie Inlandberichterstattung über die Gefahr vom Handy am Steuer sowie in der Kategorie Hintergrundinformationen für eine Artikelserie über Nahrungsmittelsicherheit.

Die Überraschungsgewinner der diesjährigen Preisverleihung sind das Regionalblättchen "Bristol Herald Courier" mit nur sieben Journalisten und der kaum beachtete Debüt-Roman "Tinkers" von Paul Harding. Die Juroren würdigten den Roman als eine "kraftvolle Feier auf das Leben". In der Redaktion des "Bristol Herald Courier" feierte man den höchsten Preis für herausragenden "Dienst an der Öffentlichkeit" mit nur zwei Flaschen Sekt. Die Zeitung erscheint im Südwesten des US-Bundesstaates Virginia und hat rund 30.000 Leser. Die Reporter hatten aufgedeckt, dass Energieunternehmen in der Region Grundstückseigentümern das Geld für Bohrungen nach Gas auf ihrem Land vorenthielten.

Pulitzer-Preis, Jury, Gewinner, Oscars, Medien, Kultur, Komponist, Schriftsteller

Zwei Journalistinnen der "Washington Post" gewannen den begehrten amerikanischen Medienpreis: Kathleen Parker (li.) für Kommentar und Sarah Kaufman (re.) für Kritik© DPA Bildfunk

Sieger ist die "Washington Post"

Die "Washington Post" wurde dieses Jahr mit vier Preisen ausgezeichnet. Eine Artikelserie über den Irak des "Post"-Auslandskorrespondenten Anthony Shadid und ein erschütternder Feuilleton-Bericht (Kategorie Magazin) über den Tod von Kindern, die von ihren Eltern im Auto vergessen wurde, überzeugten die Pulitzerjury. Gewürdigt wurden auch die Kommentare und Kulturkritiken der Zeitung. Die "Washington Post" erhielt mit vier Preisen einen mehr als ihre Rivalin "New York Times" und geht somit als Sieger der "Oscars" im Journalismus hervor.

Ein Literaturpreis geht an Liaquat Ahamed für sein Buch "Lords of Finance" ("Herren des Geldes"). Es verdeutlicht, wie vier Bankiers die Weltwirtschaftskrise von 1929 auslösen konnten. Als beste Biografie kam das Buch "Der erste Tycoon" zu Ehren. Darin beschreibt T.J. Stiles das monumentale Leben das amerikanischen Industriellen Cornelius Vanderbilt, der sich als "Eisenbahn-König" einen Namen schuf. "The Dead Hand" war nach Meinung der Jury das beste Sachbuch. Darin erklärt David E. Hoffman die Mechanismen des Kalten Krieges. Der Lyrikpreis ging an "Versed" von Rae Armantrout, "ein Buch, bestechend durch seinen Witz und seine sprachliche Innovation".

Das Rock-Musical "Next to Normal" vom Komponisten Tom Kitt und dem Texter Brian Yorkey gewann in der Drama-Sparte. Das Musical, "das mit dem Thema Geisteskrankheit in einer Vorstadtfamilie die Grenzen des Musicals neu definiert" begeisterte die Pulitzer-Entscheidungsträger. Der Country-Sänger und Songwriter Hank Williams wurde posthum mit einem Sonderpreis geehrt.

Das Boulevard-Blatt "National Enquirer" galt als einer der Favoriten für die diesjährige Preisvergabe, ging jedoch leer aus. Die Zeitung hatte die außereheliche Affäre des ehemaligen Präsidentschaftsbewerbers John Edwards aufgedeckt, und somit dessen politische Karriere praktisch beendet.

"Oscars" des Journalismus

Die Pulitzerpreise sind die höchsten Medienpreise der USA und zählen zu den wichtigsten Auszeichnungen für Journalisten, Schriftsteller, Dichter und Komponisten. Sie werden in 21 Kategorien vergeben und sind mit jeweils 10.000 Dollar (knapp 7400 Euro) dotiert. Die Preise werden seit 1917 vergeben.

DPA / AFP
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
Hinnak (14.04.2010, 14:35 Uhr)
Zitat: "Es geht nur noch darum profitabel zu sein und das macht ebend den Unterschied zwischen Etablierten und "Underdogs."

Verlage sind Unternehmen, Journalisten sind Arbeitnehmer - natürlich müssen Medien profitabel sein! Wie soll das denn sonst gehen? Leider ist es bei Online-Medien so, dass sie nicht von ihren Lesern, sondern zu 100% von Anzeigen finanziert werden. Anzeigenpreise orientieren sich an der Reichweite. Reichweite erzielt man nicht mit beinharter Relevanz. Man erreicht die Masse mit einer gehörigen Mischung aus Unterhaltung, Boulevard und am Ende Relevanz. Und natürlich mit einer perfekten Google-News-Optimierung.
Ein relevantes Politik-Ressort wird sozusagen querfinanziert durch die Anzeigen, die z.B. im Sport, der Reise und der Autorubrik erwirtschaftet werden.

Unglücklicherweise gehen investigative oder gut aufbereitete Geschichten zwischen dem Massenprogramm leicht unter.
cba38 (14.04.2010, 11:56 Uhr)
Underdog?
Habe gerade einen TV Bericht über "ProPublica" gesehen. Sie werden von einem Milliardär finanziert, der guten investigativen Journalismus, der Korruption und Misstände ehrlich aufdecken will, fördern möchte.
Woran die Redaktion gerade arbeitet, weiß selbst er nicht, da haben die Journalisten völlig freie Hand.

Storys werden kostenlos an andere Zeitungen weitergegeben!

Tja da kann man natürlich über journalistische Underdogs reden. Höre ich da Neid? Dann muß man ebend selber besser werden und nicht über jeden Furz, den ein B-Promi lässt, ausufernd berichten. Aber für solche PR Storys kann man sich ja auch gut bezahlen lassen?

Es geht nur noch darum profitabel zu sein und das macht ebend den Unterschied zwischen Etablierten und "Underdogs".
nmds (14.04.2010, 08:37 Uhr)
Hofberichterstattung
...ja, das mit den Printmedien und ihren Online-Ablegern ist schon eine traurige Entwicklung. Austauschbar, die dauernden Hurra-Meldungen (wie Eilmeldung: Arbeitslosenzahl unerwartet niedrig, Wirtschaft doch gut), eine grottenschlechte Sprache, und ständig wird eine Sau nach der anderen durchs Dorf getrieben. Apropos, wie war das gleich noch mit der Schweinegrippe?
Reinschauen lohnt bei zeit-fragen.ch, heise.de/tp, radio-utopie.de, mmnews.de. Hat jemand weitere Empfehlungen?
RDUKE7777777 (13.04.2010, 17:35 Uhr)
@Viper
Aber Blogs verbreiten doch nur lüüüügen, und die Printpresse, ja die liefert doch fundierte Hintergrundinformationen und ist gaaanz unabhängig.

Zumindest beteuert sie das immer, die Printpresse.

Auf jeden Fall ist es ein gutes Zeichen, dass der Pulitzer-Preis an einen Blog bzw. eine Nachrichtenseite vergeben wurde, das beweisst, dass es bei dem Preis nicht um das künstliche beatmen der sterbenden Printpresse ging, sondern um kritischen Journalismus. Hoffentlich nehmen das die ein oder Anderen "Journalisten" zum Anlass nochmal darüber nachzudenken, warum sie diesen Beruf gewählt haben...
Viper2024 (13.04.2010, 17:04 Uhr)
Verrückt aber wahr
auf Blogs, privaten Webseiten und Webseiten von kleinen Zeitungen erfährt man viel wahres über Themen wo sich die Massenmedien nicht (mehr) herantrauen. Und dies ist einer der Hauptgründe der Medienkrise, die Gleichschaltung der Medien vom investigativen Journalismus zur heutigen Hofberichterstattung.
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