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"Freiheit für die rebellierende Möse"

Ihr Protest in einer Kirche gegen Kremlchef Putin hat die russische Frauen-Punkband Pussy Riot weltberühmt gemacht. Ihre Erlebnisse im Straflager arbeitet die Frontfrau Nadja Tolokonnikowa nun in einem Buch auf.

Die Pussy-Riot-Musikerinnen Maria Aljochina (l.) und Nadeschda Tolokonnikowa im Mai vergangenen Jahres in Berlin

Die Pussy-Riot-Musikerinnen Maria Aljochina (l.) und Nadeschda Tolokonnikowa im Mai vergangenen Jahres in Berlin

Seit gut zwei Jahren ist die Aktionskünstlerin Nadja Tolokonnikowa von der Moskauer Punkband Pussy Riot wieder in Freiheit - und kämpft weiter gegen das System von Kremlchef . In einem neuen Videoclip ist die Frontfrau etwa zu sehen, wie sie gegen ein mafiöses Netz des russischen Generalstaatsanwalts Juri Tschaika Front macht. Vor allem aber versteht sich die 26-Jährige heute als Menschenrechtsaktivistin, die sich für den inhaftierten russischen Aktionskünstler Pjotr Pawlenski und andere Gefangene - nicht nur die politischen - einsetzt. Ihre eigenen schmerzhaften Erfahrungen im Straflager schildert sie nun in einem Buch.

"Anleitung für eine Revolution" (Hanser Berlin) heißt der am Montag veröffentlichte tagebuchartige Bericht, der nicht nur die Geschichte der Frauen-Punkband Pussy Riot erzählt, die 2012 weltweit Schlagzeilen machte. Ein Moskauer Gericht verurteilte die überzeugte Feministin Tolokonnikowa und ihre Mitstreiterin Maria Aljochina damals zu zwei Jahren Straflager - nach einem schrillen Punkprotest in einer Kirche. Pussy Riot hatte mit der Aktion die unheilige Allianz zwischen Staat und Kirche, zwischen Putin und dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill angeprangert.

Folter und Ausbeutung in Russlands Justizsystem

Groß war das Entsetzen nicht nur in Moskauer Künstlerkreisen über das vergleichsweise scharfe Urteil, auch die internationale Politik kritisierte das Vorgehen als Willkürjustiz. Nüchtern und in eindringlichen Bildern erzählt Tolokonnikowa, die junge Mutter, nun von Folter und Ausbeutung in Russlands Justizsystem, das sie immer wieder auch an den Terror von Sowjetdiktator Josef Stalin (1879-1953) gegen sein Volk denken lässt.

Sie selbst erlebte als Näherin von Polizeiuniformen im Lager Arbeitstage von 7.30 Uhr bis 0.30 Uhr - bei nur einem freien Tag im Monat. Systematischer Schlafmangel, schlechtes Essen, kalte und schmutzige Zellen sollen die Gefangenen möglichst rasch brechen.

"Hunderte HIV-Kranke arbeiteten 16 Stunden am Tag und richteten die Reste ihres Immunsystems damit zugrunde. Zum Sterben brachte man sie ins Lagerkrankenhaus - damit sie mit ihren Leichen nicht die Koloniestatistik verdarben", notiert Tolokonnikowa.

Sex und Zärtlichkeit im rauhen Lageralltag

In den Aufzeichnungen schildert sie emotional, wie Frauen sich durch Sex und Zärtlichkeiten in dem rauen Alltag gegenseitig Menschlichkeit bewahren. "Verlieben tun sich die Mädchen um mich herum am liebsten in die, die sie an Männer erinnern. Was ich persönlich als Verrat am gesamten weiblichen Geschlecht erlebe", schildert Tolokonnikowa. Und sie selbst? "Das Geschlecht ist für mich nicht ausschlaggebend. Wer mir gefällt, ist automatisch meine Orientierung. Nicht umgekehrt."

"Anleitung für eine Revolution" bringt mit Ausnahme einiger weniger programmatischer Punkte für die Punk-Aktionen wenig davon, was der Titel verspricht. Sauber dokumentiert sind aber zum Beispiel die Liedtexte von Pussy Riot und die Hintergründe zu den einzelnen Videoclips, das Leben im Untergrund und auf der Flucht. Die Zusammenschau zeigt vor allem auch für kulturgeschichtlich Interessierte, dass Pussy Riot inzwischen für ein wichtiges Kapitel politischer Aktionskunst steht. "Pussy Riot ist wie Sex. Ohne Phantasie betrachtet, wirken beide wie gehirnamputierte Bewegungen. Alle Macht der Phantasie!" Tolokonnikowa appelliert mit ihrem Buch vor allem auch an Frauen, niemals aufzugeben. "Freiheit für die rebellierende Möse!" 

tis/Ulf Mauder/DPA

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