Kein Wunder, dass dieser Autor sich mit dem Häuserkaufen auskennt: Der Held seines jüngsten Romans ist Makler. Der Amerikaner Richard Ford spricht im stern-Interview über die US-Immobilienkrise.

Richard Ford, Spezialist für ramponierte Lebensräume und -träume© Oliver Mark/Agentur Focus
So viele waren das gar nicht: acht gekauft, sechs verkauft. Ich glaube, Leute, die über mich schreiben, sind frustriert, nichts Interessantes zu finden. Deswegen klammern sie sich immer an meine Häuser. Ich bin eben kein Fallschirmspringer oder Söldner in meiner Freizeit.
Mir fehlt die Zeit zum Spekulieren. Außerdem habe ich weder den erforderlichen Geschäftssinn noch die Geduld, noch das Interesse. Ich schreibe Romane.
Ich kaufe nie Häuser wegen des Profits. Ich kaufe sie nur, um darin zu wohnen. Dabei habe ich Geld verloren, manchmal ein bisschen verdient. Aber darum ging es nie.
Ich weiß nicht, ob Häuser wirklich faszinierend sind. Ich meine, es ist interessant für mich zu sehen, wie Menschen fühlen und sich verhalten, wenn sie zu einer grundlegenden Angelegenheit ihres Lebens kommen: Obdach finden. Diese Entscheidung ist gleichbedeutend mit der Frage, mit wem man lebt. Das hat mit Wohlbefinden, Zugehörigkeitsgefühl, Bürgerschaft und finanzieller Solvenz zu tun; und damit, was man von seiner Zukunft noch erwartet. Es ist - wie Frank Bascombe in "Unabhängigkeitstag" sagt - eine Entscheidung darüber, wo man vielleicht glücklich oder unglücklich sein wird, wo man leben und vielleicht sterben wird, darüber, was man an Wert hinterlassen wird.
Symbolische Bedeutungen interessieren mich nicht.
Ich bin mir keiner globalen Immobilienkrise bewusst. Außer der, die schon sehr, sehr lange existiert: Zu wenig Menschen haben eine angemessene Behausung. Das ist die reale Krise. Unsere amerikanische Krise, vor allem hervorgerufen durch eine Koalition von bestechlichen Kreditgebern und der US-Regierung, könnte zu einem globalen Unterkunftsproblem beitragen. Aber sie ist relativ unbedeutend angesichts des wirklichen Leidens der Menschen.
Amerikaner mit bescheideneren Mitteln wollten bessere Unterkünfte. Die bösartige Reagan-Regierung versprach den Bürgern, sehr viel Gutes würde zu ihnen "heruntertröpfeln", wenn sie sich mit den Interessen der Reichen identifizieren würden. Das traf nicht ein. Aber das Versprechen eines besseren Lebens dank heruntertröpfelnder Gewinne hat nicht nur fortgedauert, sondern es hat auch zu einem seltsamen Anspruchsdenken in der unteren Mittelschicht und der Mittelschicht geführt. Dieses Anspruchsdenken fördert das Gefühl, dass wir alle in hübschen Häusern leben und fähig sein sollten, sie uns zu leisten. Diese Ansprüche, diese Nachfrage wurden als "Markt" entdeckt, aus dem man Profit schlagen konnte. Und genau danach hält die amerikanische Ökonomie ständig Ausschau: nach Gelegenheiten, einen bis eben unerkannten Markt auszubeuten. Und folgerichtig leiht die Industrie, die diesen Markt bedient, so lange Geld, bis das ganze Gefüge wegen Übersättigung oder Missbrauch kollabiert. Genau das ist in dem Markt für minderwertige Hypotheken passiert - natürlich mit der Beihilfe der amerikanischen Regierung. Einfacher gesagt: Es wurde sehr viel Geld damit verdient, den amerikanischen Traum vom besseren Leben zu zerrütten.
Ich weiß nicht, was Sie mit Pionier-Ding meinen. Geschichtlich betrachtet haben die Pioniere Europa verlassen und sich auf diesem Kontinent niedergelassen, weil sie religiöse Freiheit suchten, später auch persönlichen Gewinn. Eine der stärksten Kräfte in der amerikanischen Geschichte und Literatur ist das Drehmoment, das hervorgerufen wurde durch die Einführung sesshafter europäischer Dorfkultur auf einem riesigen Kontinent, wo sehr bald Bewegung Voraussetzung für Erfolg wurde.
Ich glaube nicht, dass es in Amerika einen obsessiven Häuserwunsch gibt. Aber ich bin sicher, dass 9/11 jedermanns Sinn für die Zerbrechlichkeit des Lebens verstärkt hat. Alles, was das Individuum tun konnte, um größere Stabilität herzustellen, schien wahrscheinlich attraktiv.
Nein. Ich habe ziemlich erfolgreich in den unterschiedlichsten Umgebungen geschrieben: in gemieteten Häusern, in Hotelzimmern, in Überlandbussen, in Flugzeugen, in Seehütten von Freunden. Alles, was ich brauche, ist Ruhe und halbwegs gutes Licht. Dazu noch einen Tisch und einen Stuhl.
Interview: Stephan Maus
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 37/2007
Zur Person Dreckiger Realist
Bloß kein Blabla: Richard Ford
interessiert sich für "bodenständiges
menschliches Verhalten"
Richard Ford wurde am 16. Februar 1944 in
Jackson, Mississippi, geboren. Er lebt mit
Frau und Hunden in Maine und New York.
Seit über 20 Jahren schreibt er in trockenem
Stil an der Lebensgeschichte seines Helden
Frank Bascombe. Im Laufe von drei Romanen
hat sich Bascombe zu einem amerikanischen
Jedermann entwickelt. 1986 begann Ford
den Zyklus mit dem "Sportreporter". In dem
mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten
Roman "Unabhängigkeitstag" (1995) arbeitet
Bascombe zum ersten Mal als Immobilienmakler.
Fords gefeierter jüngster Roman
"Die Lage des Landes" (Berlin Verlag, 24,90
Euro) bringt die Trilogie nun zum Abschluss.