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Der Mann, der die Menschen liebte

Roger Willemsen war leidenschaftlicher Autor, notorischer Fragensteller und einer der unterhaltsamsten Intellektuellen Deutschlands. Vor allem aber wollte er verstehen, wie die Menschen ticken. Er wurde 60 Jahre alt.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Roger Willemsen

Ein Leben voller Bücher, Musik und Menschen - Roger Willemsen ist tot

Mitte der 1990er-Jahre hieß die Bibliothekarin des Germanistischen Seminars der Universität Bonn Frau Lange. Und wenn Frau Lange besonders gut gelaunt war, stieg die Dame mit dem blonden Bob auf einen Stuhl und holte einen Karteikasten herunter, der einsam auf dem Schrank stand. Darin sammelte sie die Karteikarten ihrer "berühmten" Studenten. Auf eine Karte war sie besonders stolz: die von Roger Willemsen.

Es ist kaum ein halbes Jahr her, da musste der Autor und Moderator zu seinem 60. Geburtstag erfahren, dass er an Krebs erkrankt war. An diesem Montag wurde nun überraschend bekannt, dass Willemsen der Krankheit am Sonntag erlegen ist. Dass offensichtlich wirklich niemand mit seinem frühen Tod gerechnet hat, zeigte sich daran, dass keine der großen Zeitungen schnell einen Nachruf aus der Schublade zaubern konnte. Leicht zu fassen ist der Mann mit der hektischen Stimme sowieso nicht.

Ein Leben für die Neugier 

Der in Bonn geborene Willemsen wurde unter Kunstexperten groß: Sein Vater war Restaurator, seine Mutter Expertin für ostasiatische Kunst. Willemsen studierte wie gesagt in Bonn, aber auch in Wien und Florenz. Er promovierte über den österreichischen Autoren Robert Musil und arbeitete lange über das Thema Suizid in der Literatur. Der Student Willemsen soll als Nachtwächter und als Reiseleiter gearbeitet haben, später versuchte er sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter, als Journalist und auch als Übersetzer. Dabei gibt es eine Konstante: das Schreiben. Bücher, das kann man sagen, waren die große Liebe von Roger Willemsen. Rund 30 hat er selbst geschrieben - zuletzt den Bestseller "Das hohe Haus" 2014. Dazu kommen Hörbücher und sogar Musik-CDs. Willemsen liebte den Jazz. Aber die größte Liebe von allen, das waren wohl die Menschen.


Und so landete er im Fernsehen: 1991 gab er seinen Einstand beim Bezahlsender Premiere mit der wortwörtlichen Talkshow "0137": Mehr als 600 Menschen und Geschichten ist er auf den Grund gegangen. Egal, ob es große Namen oder Namenlose waren - ob Audrey Hepburn vor ihm saß, Palästinenserpräsident Jassir Arafat oder ein Kannibale. Willemsen war irgendetwas zwischen Georg Stefan Troller und Domian.

Fernsehen, Radio, Theater

Seine Neugier auf das, was Menschen zu Menschen macht, brachte ihm Preise - unter anderem 1993 den Grimme-Preis - und Fans. 1994 wechselte Willemsen zum ZDF und moderierte die nächsten vier Jahre "Willemsens Woche" - für viele die perfekte Mischung zwischen Anspruch und Unterhaltung. 1996 folgte die Reihe "Willemsens Zeitgenossen", 1999 "Willemsens Musikszene" - John Malkovich und Vivienne Westwwod ließen sich von ihm auseinandernehmen, Chick Corea und Pierre Boulez. Doch trotz diverser Auftritte als Talker, Moderator als Rate-Gast in "Ich trage einen großen Namen" oder auch als Gastgeber des renommierten "Literaturclub", sagte Willemsen nach seinem Abschied vom Fernsehen, dass er es "keine Sekunde bereue".

Anfang der 2000er machte er sich auf ins Radio: Für den WDR moderierte er das Literaturmagazin "SpielArt", im NDR war er mit der Sendung "Roger Willemsen legt auf – Klassik trifft Jazz" zu hören. Und weil das offenbar immer noch nicht reichte, verschlug es ihn schließlich ans Theater. Er ging mit seinem Erzählprogramm "Und Du so?" auf Tour, und erzählte 2007 zusammen mit dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt "Die Weltgeschichte der Lüge".

Roger Willemsen bis zuletzt "halbstark"

Pausen gehörten nicht so recht ins Leben von Roger Willemsen. Vielleicht antwortete er deshalb bei einem Interview vor zwei Jahren auf die Frage "Was ist Glück für Sie?" mit "Verschwinden. Leere Tage." Leer war Willemsen aber noch lange nicht. Ob er zu seinem 60. Geburtstag Bilanz gezogen habe, hieß es in einem NDR-Gespräch: "Die Wahrheit ist, dass man sich immer noch halbstark fühlt. Auf der anderen Seite gibt es eine Form von Gelassenheit, Selbstgewissheit im Umgang mit dem, was man gemacht hat, die einem manchmal das Quecksilber-Temperament nimmt. Was nicht heißt, dass man sich nicht erregen könnte."

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