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Der Mann, der den Fußball zerschnippelte

Mit seinen Hörspiel-Collagen aus Zitaten von Fußballern, Kommentatoren und Zuschauern wurde er berühmt, dabei ist Ror Wolf weit mehr als nur ein "Fußball-Poet". Heute wird der Schriftsteller 80 Jahre alt.

  Der Mann, der die Poesie in den Fußball brachte: Ror Wolf (hier 2008 in seiner Mainzer Wohnung) feiert am Freitag 80. Geburtstag.

Der Mann, der die Poesie in den Fußball brachte: Ror Wolf (hier 2008 in seiner Mainzer Wohnung) feiert am Freitag 80. Geburtstag.

Das Leben des Schriftstellers Ror Wolf gleicht einer großen Collage, und das dürfte ihm sehr recht sein. 34 Mal ist er umgezogen, bis er sich in Mainz niederließ. In diversen Hörspielen, Romanen, Gedichten und Bild-Collagen seziert er die Wirklichkeit. Viele kennen ihn als "Fußball-Poeten", der als einer der ersten Intellektuellen diese Sportart thematisierte. Damit hat er längst abgeschlossen, aber sein Schaffensdrang ist ungebrochen. Am Freitag (29. Juni) wird er 80 Jahre alt.

Wolf wohnte unter anderem in New York, London und Frankfurt, seit mehr als 20 Jahren lebt er nun in einer Wohnung mit Blick über das beschauliche Mainz. Er sitzt in seinem Ledersessel, er hat vor kurzem eine schwere Operation überstanden. Aber seine Augen sind wach, seine Gestik ist rege, seine Stimme klar. Nur manchmal unterbricht er, um das einzig richtige Wort zu suchen, den passenden Begriff. "Das ist die große Vergesslichkeit", sagt er dann.

Die Wand schmücken altertümlich anmutende Fotos, die er bei seinen Reisen auf Trödelmärkten erstanden hat, die aber, wie er sagt, keine Bedeutung haben. "Es ist eine Rauminstallation, wenn Sie so wollen." In ferne Länder reisen kann er nicht mehr, aber er schreibt und collagiert noch immer. "Da hat man das Gefühl, weiterzuleben."

Einmal regnet es, einmal schneit's, einmal scheint die Sonne

Wolf wurde in Thüringen geboren. 1953 verließ er die DDR, ein Jahr später begann er in Frankfurt ein Studium der Literaturwissenschaft, Soziologie und Philosophie. 1964 brachte er sein erstes Buch heraus, den Roman "Fortsetzung des Berichts" in Anlehnung an eines seiner Vorbilder, Franz Kafka.

Berühmt machten ihn seine Hörspiele und Texte aus den Fußballstadien. Jahrelang begleitete er die Spiele von Eintracht Frankfurt, zerschnippelte Zitate von Fußballern, Kommentatoren und Zuschauern und bastelte daraus diverse Hörspiel-Collagen. Da sagen die Kommentatoren dann Sätze wie diesen: "Einmal regnet es, einmal schneit's, einmal scheint die Sonne."

Die Werke zum Fußball wurden häufig verkauft, während andere Bücher und Gedichte meist ein Nischendasein fristeten. Auf eine große Auflage habe er es ohnehin nie angelegt, sagt Wolf. "Ich schreibe das, was ich will, und ich schreibe es so, wie ich will." Wobei es ihm natürlich recht sei, wenn viele Leute seine Bücher lesen. "Aber ich schreibe keine Schnulzen, um fünf Millionen Leser in Tränen zu versetzen."

Und was will er uns damit sagen?

In seinen Werken beschäftigt Wolf sich auf skurrile Art mit der Wirklichkeit. Personen kommen und gehen, es passiert etwas oder auch nicht, das weiß man nie so genau, er zerreißt typische Sinnzusammenhänge und spielt mit den Erwartungen der Leser. "Die Realität ist ja auch nicht sozusagen in einem Strang ablaufbar", sagt er. Diesem Prinzip blieb er treu, auch in seinem kürzlich erschienenen Horror-Roman "Die Vorzüge der Dunkelheit". Die Botschaft seines Schaffens verrät er nicht. "Darauf soll man selber kommen. Und hin und wieder kommen die Leute auch darauf."

Für seine Bücher und Hörspiele hat Wolf zahlreiche Preise bekommen, und die Literaturkritik feiert ihn regelmäßig, unter anderem wegen seines rhythmischen Spiels mit der Sprache. "Wortmusiker" hat ihn mal einer genannt, Jahrzehnte ist das schon her. Ror Wolf gefiel das, und so möchte er auch heute noch genannt werden. "Ich bitte darum. Das ist mir sehr recht."

Eine Etage voller Werke

Für sein Schaffen hat Wolf ein Archiv angelegt, das die zweite Etage seiner Wohnung einnimmt, hier sind Tonaufnahmen und allerlei Notizen und Niederschriften sorgsam verstaut, in Aktenordnern, Mappen, auf Regalen und in Schränken, auf einem breiten Holztisch stapeln sich Klebestifte für die Collagen. "Organisation muss sein", sagt er.

Vor dem weißen Blatt Papier muss er sich da nicht fürchten. "Ich habe haufenweise Themen", sagt Wolf. Auf sein Archiv greift der Schriftsteller auch zurück, wenn er seine Autobiografie schreibt, an der er, wie er sagt, schon seit längerem arbeitet. Die will er fertigstellen, auch wenn sie noch viel Zeit beansprucht.

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