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15. November 2005, 06:33 Uhr

Die dunkle Seite der Kirche

Kapuzenmänner, Geheimbünde, brisante Dokumente: Die deutschen Verlage setzen auf finster-romantische Sakral-Thriller im Stile Dan Browns. Früher wären die Autoren auf dem Scheiterhaufen gelandet - heute kommen sie in die Bestsellerlisten

Rita Monaldi und Francesco Sorti in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien© Peter Rigaud

Es war ein Schauspiel, wie allein die katholische Kirche es zu inszenieren vermag. Hunderttausende Kerzen erhellten das Marienfeld bei Köln, vom Hügel herab segnete der Papst das kilometerweit entfernte Volk. Weihrauch dampfte, der Chor frohlockte, das wolkenförmige Dach überm Altar leuchtete durch die Sommernacht, und via Fernsehen strahlte der Glanz des Herrn vom Weltjugendtag in Millionen Wohnungen.

Im Herbst zeigt sich nun die andere, die dunkle Seite der Kirche; sie zieht die Menschen nicht weniger in ihren Bann: Kapuzenmänner, die durch finstere Gänge schleichen, Kardinäle, die nur dann nicht über Leichen gehen, wenn diese bereits im päpstlichen Keller liegen; fesselnde Geschichten von Kontemplation und Konspiration, Mönchen und Mördern, Kirchenfürsten und Killern.

Gut zwanzig Jahre nach Umberto Ecos "Der Name der Rose" eint der Glaube an die Kirchen-Thriller die deutschen Verlage. Dan Brown, der Messias der sakralen Spannung, hat den Weg bereitet. Von seinem Vatikan-Thriller "Illuminati", Stil: mäßig, Spannung: unerhört, verkauften sich weltweit 17 Millionen Exemplare - vom Nachfolger "Sakrileg" gar 42 Millionen; das Buch fußt auf der sehr kreativen These, Jesus habe mit Maria Magdalena erstens eine Affäre gehabt und zweitens ein Kind. Oh, mein Gott! Der Erzbischof von Genua warnte, das Buch sei "schändlich" und "ein Lügengebäude". Marco Schneiders, Browns Lektor beim Lübbe-Verlag, nimmt's gelassen: "Bessere Werbung können wir uns nicht wünschen."

Daniel Silva, "Die Loge", Piper, 19,90 Euro; Henri Loevenbruck: "Das Jesusfragment", Knaur, 8,95 Euro© Piper

Aus den Bestsellerlisten sind die Bücher noch immer nicht zu verbannen. Jüngst ist ein Führer erschienen, "Dan Browns Thriller-Schauplätze als Reiseziel", beschrieben werden Rom, Paris und London. Nächstes Jahr kommt "Sakrileg" ins Kino; Tom Hanks spielt die Hauptfigur, Professor Robert Langdon, der Leonardo da Vincis Hinweise auf Jesu Triebleben zu entschlüsseln versucht.

Was in diesen Wochen in die Buchläden gelangt, um an den Erfolg anzuknüpfen, ist nicht weniger geschickt gesponnen. Zum Spannendsten gehört "Die Loge", geschrieben von dem Amerikaner Daniel Silva, einst Korrespondent von CNN. Schauplätze sind der Vatikan, München, Venedig, London, Grindelwald und ein Kloster am Gardasee. Die Loge ist die Crux Vera, eine fiktive Organisation, die dem neu gewählten Papst nach dem Leben trachtet. Der will die geheimen Archive des Vatikans zugänglich machen und offenbaren, wie die Kirche und die Nazis zusammenarbeiteten - der alte Topos von Rolf Hochhuths "Stellvertreter".

"Das Jesusfragment" begnügt sich nicht mit Stellvertretern. Es handelt von der letzten Botschaft, die Gottes Sohn höchstselbst den Menschen hinterlassen haben soll, verborgen in einer Reliquie, dem Stein von Iorden. Ein Drehbuchautor und eine Journalistin begeben sich in Paris auf die Suche - und werden dabei verfolgt von der Geheimorganisation Acta Fidei; Hinweise auf die Botschaft sind versteckt in einem Manuskript Albrecht Dürers. Stünde nicht vorn drauf, dass der Franzose Henri Loevenbruck das Buch verfasst hat - man schriebe es Dan Brown zu. So wie man bei mancher Neuerscheinung in diesem Herbst vermutet, ein Moses habe den Verlagen Gesetzestafeln überreicht, überschrieben mit der Zeile: "Wie klonen wir Dan Brown?"

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