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25. Juli 2009, 01:40 Uhr

Ein Schreibtisch in der Wildnis

Jedes Jahr zieht sich der Bestsellerautor T.C. Boyle in eine einsame Hütte in den kalifornischen Bergen zurück. Niemand darf ihn dort oben beim Schreiben stören. Für den stern hat er eine Ausnahme gemacht. Von Hannes Ross

T.C.Boyle, Sierra Nevada, Wassermusik, América, Die Frauen, Schriftsteller, Romane, Bestsellerautor

Haus am See: T. C. Boyle in Ponderosa, einer Berghütten-Siedlung im Gebirge© Thomas Rabsch

Auf diesem Berg irgendwo muss es sein, da oben auf dem Gipfel, versteckt im Dickicht der Zedern, Kiefern und gigantischen Redwood-Bäume, deren Spitzen im hellblauen Himmel verschwinden. Vor meinen Augen verschwimmt die Serpentinenstraße. Die Sonne hängt direkt über dem Kopf wie eine Verhörlampe, verbrennt den Blick, und nur wenn ich meine Augen zusammenkneife, wirken die fußballgroßen Tannenzapfen auf dem Weg nicht wie Geröllbrocken, die man besser umfahren sollte. Jetzt bloß nicht einschlafen.

Die Reise ans Ende der Welt, sie dauert zwölf Flugstunden und dann noch einmal sechs Autofahrtstunden von Los Angeles. So hatte er die Lage seiner Berghütte in der kalifornischen Wildnis beschrieben. "Wenn du kommst, heulen wir mit den Kojoten", hatte er gesagt, und ich hatte darüber gelacht, weil es seine Art ist, die Welt mit schwarzem Humor zu erhellen. Plötzlich endet die asphaltierte Straße. Ein staubiger Sandweg mit Schlaglöchern führt ins urwaldhafte Unterholz. Da heult etwas in der Ferne. Ein abgesoffener Automotor? Oder war das jetzt doch ein Kojote? Vielleicht hatte ich wieder einmal an der falschen Stelle gelacht.

Seit gut 25 Jahren flieht T. C. Boyle, einer der erfolgreichsten Schriftsteller Amerikas, in die Einsamkeit der Sierra Nevada, einem Hochgebirge in Kalifornien. Zum Schreiben. Der 60-Jährige hat zwölf Romane und unzählige Kurzgeschichten in seiner Berghütte verfasst. Bestseller mit einer Gesamtauflage von über vier Millionen. Über Afrika-Entdecker ("Wassermusik"), das Leben illegaler mexikanischer Einwanderer ("América") und über egomanische Genies wie den Architekten Frank Lloyd Wright ("Die Frauen"). Boyle ist ein böser Gott mit gutem Witz, wenn es um sein Universum geht. Er schickt seine Figuren zuverlässig in die Katastrophe, bis sie alles verloren haben, nur nicht ihren Humor. "Nur eine Sache bringt mir Seelenfrieden", sagt T. C. Boyle, "wenn ich auf meinem Berg sitze und schreibe."

Kurzer Ausriss aus der Waldesruh

Doch nach naturgetränktem Seelenfrieden sieht der Mann nicht aus, der sich jetzt die steilen Holzstufen seiner Berghütte runterschleppt. Boyle geht gebeugt wie jemand, dem seine Größe von 1,91 Meter selbst unheimlich ist. Seine langen, dürren Beine stecken in schweren Wanderstiefeln, er trägt Jeans und auf seinem Kopf eine umgedrehte Schirmmütze. Dazu klemmt eine schwarze Sonnenbrille, Typ Stubenfliege, am Kragen seines ausgewaschenen T-Shirts. Boyle sieht aus wie ein 60-jähriger Mann in der Kleidung eines 16-jährigen Teenagers. Abwesend reicht er mir die Hand. Sie fühlt sich an wie eine tote Hasenpfote.

"Ich stecke gerade in den Endzügen meines neuen Romans. Ein Ökodrama um ein Naturschutzgebiet. Es sind noch etwa 20 Seiten. Jetzt hänge ich fest. Gestern war ein guter Tag. Heute ist ein schlechter", grummelt Boyle. Ich sollte etwas Aufmunterndes sagen, aber mir fällt nichts ein, das nicht so blöd klingen würde wie: "Kopf hoch, morgen ist ein neuer Tag!" Ich bücke mich, mehr aus Verlegenheit als aus Interesse, nach dem schwarzen kläffenden Rastazopf-Bündel. Doch Dardar, Boyles ungarischer Hirtenhund, hat schon Kontakt aufgenommen. Ich spüre ein paar nadelspitze Reißzähne in meinem linken Knöchel. Boyle zerrt an der Hundeleine und bittet verlegen um Verzeihung. Dann huscht ein schiefes Lächeln über sein Gesicht. "Sie mag dich, sonst würde sie dich einfach ignorieren."

Boyle ist jetzt nicht nach Waldesruh. Er will unter Menschen. Er will etwas trinken, etwas Starkes, in der Berg-Lodge, einer Blockhüttenbar, auf deren Dach Bikinimädchen auf Plastikflaggen für Budweiser-Bier lächeln. Die Lodge, sagt er, sei der einzige Treffpunkt weit und breit. Drinnen wartet nur ein Junge mit ausgeschlagenen Vorderzähnen und schwarzen Schlangentattoos auf den Oberarmen hinter der Bar. Boyle bestellt für uns Brandy mit Soda und Eis, die Drinks werden in zwei großen Marmeladengläsern serviert. "Daran merkst du, dass du in der Wildnis bist."

Was suchen Sie hier, Herr Boyle?

Die Einfachheit, die Abwesenheit von Menschen. Ich kann aus der Haustür gehen und bin mitten in einer ursprünglichen, ja fast urzeitlichen Natur. Das ist mein Refugium, wo ich mich wie ein Kind fühlen kann. Ich arbeite auch zu Hause viel, aber hier eben noch mehr. Warum? Weil es so verdammt langweilig ist.

Wie verbringen Sie hier die Tage?

Ich stehe um sechs Uhr auf und setze mich an den Schreibtisch. Das geht bis zum Nachmittag so. Dann gehe ich mit meinem Hund wandern. Meine schönsten Tage hier hatte ich vor drei Jahren. Es war über Neujahr, als ein Schneesturm mich überraschte. Meine Haustür war zugeschneit, und das Dach begann von der Last der wachsenden Schneedecke zu knarren. Dann fiel auch noch der Strom aus, ich konnte nur noch bei Tageslicht schreiben. Als meine Essensvorräte knapp wurden, kämpfte ich mich durch den Schneesturm in die Lodge.

Sie leben eigentlich in Santa Barbara, einem kalifornischen Strandparadies. Dort wohnen Sie in einer Villa, die der amerikanische Star-Architekt Frank Lloyd Wright baute. Ihre Nachbarn sind Hollywoodstars wie Michael Douglas.

Sagen Sie es doch, wie Sie es meinen: T. C. Boyle ist ein wohlhabender Hollywood-Bastard! Nein, aber im Ernst: Ich bin nun mal ein Produkt meiner Gesellschaft. Als Kind habe ich alle TV-Shows mit diesen perfekten Familien gesehen. Nachdem meine Eltern am Alkohol zugrunde gegangen waren, fragte ich mich, was denn bei mir und meiner Familie falsch gelaufen war. Ich bin mir der Schwächen des amerikanischen Traums bewusst. Ich kann ihn kritisieren und bin dennoch ein Teil dieser Kultur. Sicher, ich hätte all das Geld, was ich mir erschrieben habe, an die Obdachlosen geben können. So weit möchte ich dann aber doch nicht gehen. Da bin ich lieber ein komfortabler Kritiker dieser Gesellschaft.

Wie sehr litten Sie unter dem Alkoholismus Ihrer Eltern?

Es gibt ja immer verschiedene Seiten der Wahrheit. Ja, meine Eltern waren Säufer, sie tranken drei Liter Whiskey am Tag und saßen den ganzen Tag teilnahmslos vor dem Fernseher. Das bedeutet aber nicht, dass sie schlechte Eltern waren, die mich schlugen. Sie sorgten sich sehr um mich und meine Schwester. Sie wollten das Beste für uns.

Wenn Sie jetzt Alkohol trinken, sorgen Sie sich nicht, dass die familienbedingte Sucht in Ihnen erwachen könnte?

Ich bewege mich auf einem schmalen Grat, das ist mir bewusst. Ich fing mit 16 an zu trinken. Mit 20 spritzte ich Heroin und schluckte jede Pille, die ich bekommen konnte. Ich war jung, ein Opfer von jugendlicher Arroganz und Unwissenheit, ich fühlte mich unverwundbar. Als meine Eltern beide kurz hintereinander starben, wurde mir klar, dass ich in einem großen Irrtum lebte. Das Wichtigste für mich war allerdings, dass ich etwas entdeckte, in dem ich das erste Mal im Leben gut war. Das Schreiben. Seitdem bin ich davon besessen.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 30/2009

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