Willkommen in der Familienhölle

8. März 2009, 17:00 Uhr

Grauer Kita-Alltag und schlaflose Babynächte: In Schweden erklomm ein Buch mit dem Namen "Bitterfotze" im Nu die Bestsellerlisten und sorgt für rege Debatten. Jetzt ist das Werk, das kein Feuchtgebiet, sondern die Anklageschrift einer wütenden jungen Frau ist, auch bei uns erschienen. Von Tanja Beuthien

"Bitterfotze", Bestseller, Schweden, Maria Sveland, Gleichberechtigung, Mütter, Emanzipation

Sorgt in Schweden für sozialen Sprengstoff: Autorin Maria Sveland mit ihrem Roman "Bitterfotze"©

Sara ist dreißig, sie ist müde, langweilig und frustriert: Sie ist von einer lebenslustigen, hungrigen, erfolgreichen jungen Frau zur "Bitterfotze" mutiert. "Die Familienhölle hat mir jegliche Energie genommen, ich bin voller emotionaler Schmutzflecke." Denn das "Mutterwerden ist das Bitterfotzenbeschleunigendste überhaupt." Zur Erholung vom grauen Kita-Alltag und schlaflosen Baby-Nächten fliegt Sara für eine Woche Pauschalurlaub auf Teneriffa. Und analysiert, mit Erica Jongs "Angst vorm Fliegen", dem Bestseller der Frauenbewegung im Gepäck, ihre eigene freudlose Beziehung, die Gleichberechtigung und die Rolle der Frau im allgemeinen.

Sara ist die Erfindung von Maria Sveland, einer schwedischen Journalistin, 35, verheiratet, Mutter von zwei Kindern. In Schweden war ihr Roman ein Bestseller, der provokante Titel ihre Selbstverteidigung: "Sowohl 'verbittert' als auch "Fotze" sind beides Wörter, die von Männern genutzt werden, um Frauen und Mädchen zu diffamieren. (...) Ich habe mein Buch also so genannt, damit es niemand anderes tut."

Ihre Kernthese: Die Emanzipation ist an Partnerschaft, Familie und Sozialleben nahezu spurlos vorbei gegangen. Frauen sind immer noch die, die bei Partys klaglos den Tisch abräumen, während ihre Männer selbstverständlich sitzen bleiben und die wirklich interessanten Themen erörtern. Mütter sind diejenigen, die vor Sehnsucht und Schuldgefühlen fast umkommen, wenn sie ihr Kind ein paar Tage allein lassen, während die Väter unbeschwert und sorglos wochenlang beruflich unterwegs sind. Und berufstätige Frauen profitieren zwar von Kita und Betreuungsmöglichkeiten, bleiben aber jederzeit zu Hause, wenn die Kinder krank sind und sorgen weiterhin, wie sie es schon immer getan haben, für Geburtstagsfeste und Familienzusammenhalt. Oder mit Svelands Worten: "Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau mit müden Beinen und Migräne. Und hinter jeder erfolgreichen Frau liegt eine Scheidung."

"Bitterfotze" ist Reaktion auf kranke Gesellschaft

Eine "Bitterfotze" sei eine Frau wie Sara, "die die Schnauze voll hat, die ihren Ärger ernst nimmt und ihn nutzt, um Ungerechtigkeiten konstruktiv entgegenzutreten. Ihr geht es darum, sich zu wehren und nichts mehr einfach so hinzunehmen. Sie ist eine Reaktion auf eine kranke Gesellschaft", sagt Sveland in einem Interview. Ihr Buch ist wütend, manchmal hilflos, aber immer ehrlich.

Einziges Manko: Die etwas rührselige Geschichte von Saras Kindheit zwischen einer gedemütigten Mutter und einem ständig betrunkenen Vater wäre zur psychologischen Unterfütterung gar nicht nötig gewesen. Denn ihre Beobachtungen sind von allgemeiner Gültigkeit: Die Mütter von heute haben sich zwar mühsam das Recht, auf einen eigenen Beruf erstritten, aber sie haben immer noch die moralische Pflicht der sozialen Fürsorge. Sie haben die Möglichkeit zu arbeiten, sind aber gleichzeitig finanziell immer noch schlechter gestellt als ihre Männer. Und in der Regel besteht ihre Emanzipation darin, dass sie zum seelischen Wohlbefinden etwas arbeiten, ansonsten aber Küche, Kinder, Krankheiten wie in den vergangenen Jahrzehnten einfach zusätzlich versorgen.

Die Gleichberechtigung fängt in der Partnerschaft an, propagiert Sveland. Sie muss eingefordert und erstritten werden. Doch zwischen theoretischem Anspruch und Umsetzung lässt sie ihre Protagonistin Sara bereits das emotionale Dilemma erkennen: "Ich will auch lieben können, ohne mich schuldig zu fühlen, genau wie die Männer. Ja, ich möchte den Kuchen behalten und ihn gleichzeitig aufessen. Ich möchte arbeiten können, reisen, hin und wieder allein und Mutter eines geliebten Kindes sein." Alles kann man nicht haben, hätte Saras Mutter dazu gesagt. Und Maria Svelands kleine Streitschrift ist die Antwort darauf: Der Appell, es trotzdem zu versuchen!

Lesen Sie mehr über Maria Sveland im neuen stern

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KOMMENTARE (10 von 20)
 
Dewerth (09.03.2009, 17:50 Uhr)
Ich kann mir nicht helfen …
… beim Anblick der Autorin fällt mir als Testosteron gesteuerter komplexbeladener Egomane die verblüffende Ähnlichkeit zu Camilla Parker Bowles auf. Das sollte jedoch kein Vorwurf an die gute Camilla sein.
sportartmakler (09.03.2009, 16:29 Uhr)
bitterfotze?
im letzten artikel meinte die dame noch sie hätte niemals mit solch einem öffentl. interesse gerechnet. dürfen emanzen auch heuchlerisch sein?
habe beim letzten artikel meine meinung schon kund getan (@stern:die 2 kommentare hätte ihr auch noch hier rein kopieren können).
dort lautet die überschrift "frauen verlieren ein jahr". weil frauen kinder kriegen verlieren sie wertvolle zeit. andere menschen, frauen würden sagen sie bekommen das größte geschenk ihres lebens und dürfen dabei sein, nicht so eine emanze. für diese frauen ist es unverständlich sein glück nur mit der "muttertätigkeit" zu erlangen. genau dieser gedanke macht unsere gesellschaft aber so kinderfeindlich. wir sind in einem dilemma.
@cybergalactica: welche einstellung bzw. welches kommentar meinst du? dass die meisten männer auf solche emanzen genervt reagieren ist logisch, ignorieren sie doch konsequent die tatsache dass sehr viele männer in gleichberechtigten partnerschaften leben und kein heimchen haben wollen. wie würden sie denn reagieren wenn man eine absolte gleichberechtigte partnerschaft führt und irgend eine dame daherkommt und allen männer wiedereinmal das machotum attestiert?
wie ist denn die lage der damen deiner meinung nach? du willst mir doch nich ernsthaft erzählen dass du hier in dtl nachteile aufgrund deines geschlechts hast?
Sanjoaquin (09.03.2009, 09:32 Uhr)
Blöde Verallgemeinerung
Höchstwahrscheinlich muss man(n) dieses Buch nicht gelesen haben, polarisiert doch der Artikel schon mehr als genug. Drollig ist jedoch der Beginn: "Sie ist müde, langweilig und frustriert." Meinte die Autorin etwa gelangweilt? Das ist nämlich was anderes.
Wenn ich so rund um mich herum in das pralle Leben reinschaue, dann hätte ich keinerlei Probleme ein Buch mit dem Titel "Sauerschwanz" zu verfassen, das jede Menge Männer beschreibt, die mit 40 ausgebrannt sind wie ein Sternenspritzer am heiligen Abend, weil sie Tag und Nacht schuften, um die Rechnungen zu bezahlen, während ihre Angetraute bei Ayurveda, Yoga und Bachblüten ihre Selbstfindung vorantreibt. Und wenn ich weiter rumschaue, dann stelle ich fest, dass im Falle des Weglassens von feministischen und machomässigen Extremen, die Wahrheit in der Mitte liegt. Da gibt es nämlich jede Menge Paare, die erkannt haben, dass sich das Leben in gemeinschaftlichem Streben viel besser meistern lässt. Aber darüber schreibt keiner, das ist nämlich langweilig.
PWB-NZ (08.03.2009, 23:55 Uhr)
exactly ...
@Eisenbaer
.
... Manchmal ist es zum Haare raufen wenn man miterleben muss wie eine scheinbar geistig gesunde junge Frau sich den größten Macho und Idioten in der Gruppe als Partner wählt ...
.
Ganz genau. Und danach wundert sie sich heftig wenn sie feststellt was für einen Heini sie sich da geangelt hat. Dann wird sie zur "Bitterfotze" (was für ein abscheuliches Wort) und ALLE Männer sind plötzlich Arschlöcher.
Cybergalactica (08.03.2009, 21:52 Uhr)
Bitterfotze
Wie verbittert die Einstellung der meisten Kommentaren zu den Frauen heutzutage ist! Kein Wunder, dass mehr oder weniger alle Frauen langsam zu Bitterfotzen mutieren. Erst denken, dann schreiben, und versetzen Sie sich doch mal in die Lage der Damen, und gehen Sie nicht immer von ihrem Testosteron gesteuerten komplexbeladenen Egos aus!
dentix07 (08.03.2009, 21:32 Uhr)
Ernstgemeint!
Eine ganz provokante Frage: Kann es sein, daß die Frau eben doch biologisch, genetisch auf Hüterin und Sammlerin programmiert ist, die Anforderung als berufstätige Karrierefrau an ihren natürlichen Programmen und Bedürfnissen vorbeigeht und deshalb zur „Bitterfotze“ führt????
Daß nämlich die Forderung der „Gleichberechtigung“ (was schon mal garnicht automatisch „Gleichverpflichtung“ heißt), zwar rational, ideologisch, politisch wunderbar sind, aber dennoch an einer natürlichen Ausrichtung vorbei gehen???
Zur Beachtung: Dies ist eine ernstgemeinte Fragestellung! Ich habe keine Antwort! Die Frage ist legitim, auch wenn sie dem politisch-ideologischen Mainstream nicht paßt!
Ich denke, wir müssten ersteinmal wirklich klären, inwieweit Männer UND Frauen tatsächlich frei sind von, oder gebunden sind an, biologische(n) und genetische(n) Programierungen.
Eventuell ist ja gerade die „Emanzipation“ (wohl meistens als „GleichVerpflichtung“ denn als GleichBerechtigung verstanden) die einen lang gewachsenen und über lange Zeiträume wohl, aufgrund wirtschaftlicher und entwicklungsbedingter Situationen, berechtigten Zustand in kürzester Zeit glaubt „überwinden“ zu müssen; und damit Frauen UND Männern Gewalt antut?
spirwes (08.03.2009, 21:30 Uhr)
Persönlichkeitsstörung
Zitat: Die passiv-aggressive, auch negativistische Persönlichkeitsstörung, ist gekennzeichnet durch ein tiefgreifendes Muster negativistischer Einstellungen und passiven Widerstandes gegenüber Anregungen und Leistungsanforderungen, die von anderen Menschen kommen. Sie fällt insbesondere durch passive Widerstände gegenüber Anforderungen im sozialen und beruflichen Bereich auf und durch die häufig ungerechtfertigte Annahme, missverstanden, ungerecht behandelt oder übermäßig in die Pflicht genommen zu werden.
Necros (08.03.2009, 20:31 Uhr)
Selbstbestimmung
Ich frage mich die ganze Zeit, welche unwiderstehliche Autorität diese armen Frauen in ihr grausames Schicksal zwingt. Wer pflanzt brutal nervige Kinder in ihren Schoß, wer verheiratet sie mit verständnislosen, egoistischen Männern und verdammt sie zu einem Leben in Knechtschaft und Entbehrung? Vielleicht sollte das Buch besser von Frauen handeln, die mit Partnersuche, Lebensplanung und dem Erstreiten von Privilegien im privaten Bereich überfordert sind. Niemals waren die (Gestaltungs-)Möglichkeiten für Frauen größer als in dieser Zeit, seid schlau und macht was draus, statt alles in den Sand zu setzen und dann mit Jammerbüchern zu nerven. P.S. an den Stern-Autoren: Seit wann ist "verbittert" irgendwie geschlechterspezifisch? Das wäre mir neu.
Preston (08.03.2009, 20:06 Uhr)
verbittert...
- sind hier eher die Kommentaroren, die haßerfüllt und hämisch über "Emanzen" hetzen.
Dabei würden die meisten von ihnen vermutlich als zahnlose Alkoholiker auf irgendeiner Parkbank sitzen, hätten ihre Mütter damals praktisch nicht ihr Leben für sie aufgegeben.
(Ich bin ein Kind der 60-er - und ich weiß, daß meine Mutter es tat. Sie hatte noch nicht mal die Chance auf beides, Beruf und Kinder - und wenn sie sie gehabt hätte, glaube ich nicht, daß mein Vater auf SEINE verzichtet hätte.)
Denn das ist doch der wahre Hintergrund dieser Beschimpfungs-Orgien:
wenn Kinder da sind, kann nur EINER Karriere machen - und das sind immer noch die Männer.
Frauen können zwar berufstätig sein - aber Karriere machen können sie nur, wenn der Mann sich zurücknimmt.
Und darauf kann man (wenn man hier die Kommentare liest) noch 100 Jahre warten.
bonzer (08.03.2009, 19:47 Uhr)
wie
schon gesagt wurde: beim lesen des titels war klar, was kommen musste. wie haben das bloss unsere mütter gemacht - all ihr leben lang. was für ein selbstgerechtes gejaule dieser verpamperten frauen. für mich ein weiterer grund, unbedingt die hände von diesen "emanzipierten" frauen zu lassen. der geschlechterkampf geht leider weiter - mit ungewissem ausgang.
btw: ich kann nicht weiterschreiben, da mich dies dermassen aufregt, dass ich .....
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