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"Dem Westen fehlt die Spannung"

Sowohl Indien als auch die westlichen Gesellschaften zerstören die Erotik, behauptet der indische Autor und Psychoanalytiker Sudhir Kakar. Er stellt auf der Buchmesse sein aktuelles Buch "Intime Beziehungen. Erotik und Sexualität in Indien" vor.

Sie haben für Ihr Buch "Intime Beziehungen. Erotik und Sexualität in Indien" Interviews mit Frauen aus Slums in Delhi geführt. Warum diese Gruppe?

Von Frauen der untersten Klassen hört man fast überhaupt nichts, sondern nur von Frauen aus der indischen Mittelklasse. In den Slums habe ich ein sehr trauriges Bild bezüglich deren Sexualität wahrgenommen: Unter diesen Frauen gibt es eine große Sehnsucht nach Intimität, nach Partnerschaft, die oft enttäuscht wird. Grund für diese Situation sind vor allem die wirtschaftliche Not und die Verantwortungslosigkeit der Männer. Das ist vergleichbar mit der afroamerikanischen Unterklasse in den USA: Die Männer wechseln von einer Frau zur anderen und lassen sich von den Frauen aushalten. Sexualität wird von Frauen als eine lästige Angelegenheit empfunden, mit der man schnell fertig werden muss.

Ein Viertel der indischen Gesellschaft lebt in den platzenden indischen Metropolen, die meisten vielköpfigen Familien müssen sich ein bis zwei Räume teilen. Kann es unter diesen Bedingungen überhaupt Sexualität geben?

In manchen Familien wird Platz für die Privatsphäre gemacht, indem Zeichen gegeben werden. Wenn zum Beispiel zwei Familien, also zwei Brüder und ihre Frauen, zusammenleben, dann stellt das Paar auf diskrete Weise seine Schuhe vor die Tür, damit man weiß, dass hier nicht gestört werden darf. Von derartigen Zeichen gibt es viele. In den städtischen Slums sind solche Abmachungen natürlich schwieriger.

Welche Moralvorstellungen gibt es in Indien bezüglich Sexualität?

Die indische Gesellschaft hat eine sehr konservative Moralvorstellung: Das heißt, Sexualität ist vor dem Heiraten streng verboten. Dies gilt eher für Frauen als für Männer. Diese können sexuelle Erfahrungen vor dem Heiraten mit den so genannten Tanten in der Nachbarschaft machen, verheiratete, aber sexuell unglückliche Frauen. In der Mittelklasse wird es geschätzt, wenn man erst mit dem Eintritt in die Ehe sexuelle Erfahrungen macht. Aber ungefähr 25 Prozent der Männer haben schon vorher Erfahrungen gesammelt und zehn Prozent der Frauen. Diese Sittenvorstellungen sind dabei nicht von der Kaste abhängig, sondern ziehen sich durch alle Schichten. Aber Indien ist ein großes Land, und in einigen Teilen ist es freier. So ist auch die städtische Oberklasse ungezwungener. Die jungen Frauen und Männer dürfen sich auch vor der Ehe treffen. Und wenn sie sich treffen, findet natürlich auch Sexualität statt.

Wie wird das Thema Sexualität in Filmen, wie zum Beispiel in den berühmten Bollywoodfilmen behandelt?

Sexualität wird dort langsam freizügiger gezeigt. Bis vor kurzem war nicht einmal ein Kuss erlaubt. Das liegt daran, dass er zur intimen sexuellen Sphäre gehört, die man nicht öffentlich zeigen darf. Auch Ehepaare dürfen sich auf der Straße nicht küssen. Mittlerweile wird es in Filmen jedoch zugelassen. Aber man sieht den Schauspielern an, dass sie sich nicht wohl fühlen, weil sie noch keine Erfahrungen haben. In den neuen Filmen werden auch Tabuthemen wie Ehebruch gezeigt. Es gibt also einen Trend zu einer offeneren Diskussion. Sexualität wird aber nicht direkt gezeigt, obwohl die Filme sehr sexuell sind, wie in zweideutigen Gesprächen oder in den Tanzszenen, die pure Sexualität sind. Da wird kein Hehl daraus gemacht, das ist erlaubt.

Welche Unterschiede gibt es zwischen westlichen Gesellschaften und Indien in Bezug auf Sexualität?

Ich glaube, dass beide Gesellschaften Erotik in unterschiedlicher Weise kaputtmachen. Die westliche Gesellschaft erlaubt alles, da fehlt die Spannung. Aber Erotik braucht Spannung, Geheimnis, Romantik. Das Feuer der Sexualität, die Erotik im Westen, ist verzerrt. In Indien würde ich es eine Art Eis-Moral nennen, eine moralische konservative Kälte, die die Erotik hemmt. Die Erotik hat weder zwischen dem westlichen Feuer noch dem indischem Eis Platz.

Die amerikanische Serie "Baywatch" war 1996 in Indien die populärste Fernsehsendung. Wie sieht es heute mit den westlichen Einflüssen auf Indien aus?

In Baywatch sind die Szenen fast pornographisch. Das hat aber keine Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Partnerschaftsvorstellungen in Indien. Auch heute bevorzugen immer noch circa 80 Prozent der jungen Leute arrangierten Ehen statt Liebesehen. Grund ist, dass in Indien das Hauptprinzip der Familie nicht die Mann-Frau-Bindung ist, sondern, dass Eltern und Söhne als Großfamilie zusammenleben. Die Mann-Frau-Bindung ist oft störend, weil sie als sexuelle Bindung gesehen wird: Der Mann kann dann vielleicht kein guter Bruder, kein guter Sohn mehr sein. Liebe wird darum als ein störendes Element gesehen. Ein weiterer Grund ist, dass sich jeder sicher sein kann, durch arrangierte Ehen einen Partner zu finden, egal, wie man aussieht. Das nimmt viel Angst. Drittens werden innerhalb der Erziehung bereits die Kinder auf die arrangierte Ehe getrimmt: Von der Schule bis zur Universität gibt es eine Geschlechtertrennung. Bis sie heiraten, wird der hormonelle Druck so stark, dass sie sich fast sicher in den Partner verlieben, da sie keine Vergleiche haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Liebe erst nach der Ehe kommt, ist hoch.

Was hat es zu bedeuten, wenn Männer in Indien in der Öffentlichkeit Händchen halten?

Das ist in Indien ein Zeichen von Freundschaft, Zuneigung, das aber nie homosexuell ausgelegt wird. Zwischen den Geschlechtern darf das jedoch nicht gezeigt werden. Ein Inder würde wiederum fragen, warum sich in Europa Männer und Frauen an den Händen halten. In Indien ist auch die körperliche Distanz zwischen den Gesprächspartnern kleiner. Während des Gesprächs den Arm des anderen zu streicheln, ist gängiger. Das Händchenhalten ist eine Entwicklung davon.

Sie haben ein weiteres Buch geschrieben: „Kamasutra oder die Kunst des Begehrens“. Hat Kamasutra heute noch eine Bedeutung in Indien?

(Lacht) Leider nicht! Kamasutra gehört zu einer Kultur, die lange vergangen ist. Aber es existiert noch immer im kulturellen Gedächtnis. Die Tradition des Kamasutra zeigt, dass der freie Umgang mit Sexualität kein westliches Produkt ist, vor dem man Angst haben muss, sondern dass die sexuelle Freiheit in der eigenen Kultur vorhanden ist und wiederbelebt werden kann, ohne verdächtig zu werden, alles Westliche zu importieren. Im Kamasutra hat die Frau auch eine viel gleichberechtigtere Stellung. Die vier wichtigsten Umarmungen werden zum Beispiel von der Frau initiiert. Dort steht auch: Wenn der Mann die Frau sexuell nicht befriedigt, soll sie ihn verlassen. In einem Kapitel steht auch, wie eine Frau ihren Mann los wird: Wenn er Witze macht, soll die Frau nicht darüber lachen.

Warum hat das Kamasutra seine Gültigkeit verloren?

Das sind jetzt vor allem Spekulationen von meiner Seite: In Indien stand die erotische Tradition des Kamasutras und die asketische Tradition der absoluten Kontrolle der Sexualität oft im Konflikt. Die erotische Tradition war vom 3. bis zum 12. Jahrhundert sehr dominant, danach wurde die asketische Tradition führend. In den letzten 200 Jahren ist diese auch durch den Einfluss der britischen Kolonialisten und deren viktorianische Prüderie stärker geworden. Beide zusammen hatten großen Einfluss auf die Gesellschaft. Ich glaube, dass in den letzten 30 bis 40 Jahren die asketische Tradition wieder zurückgegangen ist und eine Tendenz zu mehr Sexualität da ist. Diese wird vor allem durch die Globalisierung ausgelöst. Die jungen Leute gehen in den Westen und sehen dort die Offenheit, die ihre Kultur einst hatte. Sie fragen sich, warum man das Asketische hochhalten soll, und nicht die andere Tradition?

In welcher gesellschaftlichen Situation ist das Kamasutra in Indien vor 2000 Jahren entstanden?

Das Kamasutra ist in einer Phase der Urbanisierung durch die wachsenden Handelsrouten mit Rom und China entstanden. Dadurch kam Geld in die kleinen Städte, und durch den Wohlstand hatten die Menschen mehr Freizeit und damit mehr Zeit für Erotik. Das betraf hauptsächlich Klassen wie Händler oder Menschen, die am Hof gelebt haben, wo man Zeit hatte, über Sexualität und dichterische Künste nachzudenken.

Was kann man vom Kamasutra lernen?

Vom Kamasutra kann man lernen, dass Erotik und Sexualität nicht das Gleiche sind. Sexualität ist Natur und Erotik ist Kultur: Sexualität braucht Kultur. Vom Kamasutra kann man lernen, wie man Sexualität in Erotik verwandeln kann, zum Beispiel durch Verzicht. Und im Kamasutra steckt die Idee, dass Sexualität und Erotik viel mehr Lebensbereiche brauchen. Zum Beispiel gibt es ein Kapitel, wie man sich nach dem Geschlechtsakt verhalten soll: Es wird empfohlen, nach oben auf das Dach zu gehen, den Mond anzuschauen, der Mann soll der Frau die verschiedenen Sternbilder zeigen. Der Geschlechtsakt ist nicht mit der Ejakulation fertig. Die Idee ist, dass Erotik eine viel längere, viel ausgedehntere Sache im Leben ist als die Sexualität.

Das Gespräch führte Lisa Schreiber (Auszug aus einem Interview im Heft "Kulturaustausch - Made in India. Lernen von Indien")

Am 6.10.2006 um 11.00 Uhr ist der Autor bei ARTE auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast und spricht über Sexualität, Tabus und Erotik in Indien. Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Institut für Auslandsbeziehungen.

Jeden Abend um 20.00 Uhr: Mit ARTE Kultur zur Buchmesse und nach Indien

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