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"Netzeitung" kurz vorm Koma

Mit seinen aggressiven Geschäftsgebaren mischt der britische Finanzinvestor David Montgomery die Medienbranche auf. Nach der "Berliner Zeitung" könnte nun auch die "Netzeitung" seine rigiden Sparmaßnahmen kennenlernen. Wie der Medienmogul für den Kürzungskurs im Online-Geschäft seine Marionetten tanzen lässt.

Von Peter Luley

Es rauscht gewaltig im Blätterwald: Weil kürzlich die neuesten Spar- und Renditevorstellungen bei der "Berliner Zeitung" die Runde machten, denen zufolge die Redaktion des Hauptstadtblattes von 130 Mitgliedern auf 90 verkleinert werden soll, wird auf den Medienseiten wieder einmal besorgt das Heuschreckentum in der Zeitungsbranche angeprangert. Schließlich gehört das einstige Ost-Blatt, das in den Nachwendejahren einmal den Anspruch verfolgte, zur "deutschen 'Washington Post'" zu werden, seit Herbst 2005 zur "Mecom Group" des britischen Investors David Montgomery - und der gilt trotz zahlreicher gegenteiliger Beteuerungen als Paradebeispiel eines ausschließlich an kurzfristigem Profit interessierten Finanzjongleurs. Zudem hat er in Josef Depenbrock, der in Personalunion unter anderem als Chefredakteur und Geschäftsführer der "Berliner Zeitung" amtiert, einen Deutschland-Statthalter, der sich als williger Exekutor seiner Vorgaben präsentiert.

Am Mittwoch nun verlor die Redaktion, die in einem beispiellosen Prozess gegen die Ämterballung Depenbrocks geklagt hatte, vor Gericht gegen ihren Chef: Dieser darf weiter beide Funktionen ausüben, befand der Richter, die Redaktion habe kein Vetorecht bei der Bestellung des Chefredakteurs. Nun scheint Depenbrock, ein erprobter Boulevardmann, der zuvor bei der (inzwischen ebenfalls zu Montgomerys Mecom-Group gehörenden) "Hamburger Morgenpost" Erfahrungen in Sachen Streichen und Abwickeln sammelte, völlig freie Bahn für seinen Kürzungskurs zu haben. Entsprechend markig fielen seine Kommentare nach dem Sieg am Arbeitsgericht aus ("Wir sind keine Wohlfühltruppe"), und entsprechend relaxt konnte er sich am Mittwochnachmittag auf einer Betriebsversammlung der Belegschaft stellen und neue Ressortzusammenlegungen ankündigen.

Das Zeitungsimperium des David Montgomery

Über all den Spekulationen um die Zukunft der "Berliner Zeitung" ist freilich ein anderes Objekt des Verlags ein wenig aus dem Blickfeld geraten: die "Netzeitung". Die im Jahr 2000 gegründete einzige deutsche Publikation, die ausschließlich im Internet erscheint, hat schon viele Eigentümerwechsel hinter sich: Gestartet von der skandinavischen Gesellschaft Spray Network, wurde sie bereits im Herbst desselben Jahres von Lycos Europe übernommen. 2002 ging sie an die Fachverlagsgruppe BertelsmannSpringer. Ex-stern-Chefredakteur Michael Maier und Ralf-Dieter Brunowsky wurden 2003 die vierten Besitzer, bevor 2005 das norwegische Verlagshaus Orkla Media übernahm.

Seit Juni 2007 ist die "Netzeitung" nun Teil von Montgomerys Zeitungsholding, zu der neben der "Berliner Zeitung" und der Hamburger "Mopo" auch der "Berliner Kurier" und das Stadtmagazin "tip" gehören. Bisher galt der Erwerb des Online-Objekts, das zurzeit etwa neun Millionen Klicks im Monat erreicht und vor allem für seine tägliche Medienkolumne "Altpapier" Anerkennung genießt, als Beleg für die von Montgomery verkündete "Online first"-Strategie. Letztere sollte in der Zusammenlegung eines Teils der Print-Redaktion der "Berliner Zeitung" mit der "Netzeitungs"-Mannschaft zu einem gemeinsamen Newsroom gipfeln.

Wenn ein Medium "ins Koma" fällt

Doch im Zuge der Sparmaßnahmen, mit denen Montgomery seine wegen fallender Kurse an der britischen Börse erzürnten Aktionäre besänftigen will, wurde der für dieses Wochenende geplante Umzug abgesagt und zunächst auf Eis gelegt. Online habe zurzeit eben doch keine Priorität mehr, verkündete Depenbrock. Seither sorgen sich die 15 festangestellten Redaktionsmitglieder der "Netzeitung" um ihre Zukunft. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Depenbrock auf der Betriebsversammlung zusagte, das Objekt werde nicht eingestellt, es handle sich schließlich um eine "starke Marke". Offenbar ist der Ruf des langjährigen Chefredakteurs des Anlegermagazins "Cash" bereits so ruiniert, dass man ihm alles zutraut: Wenn hausintern die Optionen für die Zukunft der Plattform diskutiert werden, fallen Begriffe wie "Ins-Koma-Legen" und "Abschießen".

Ungewissheit am Berliner Alexanderplatz

Tatsächlich dürfte das Bemühen um eigene Blickwinkel und unkonventionelle Herangehensweisen, das die kürzlich relaunchte "Netzeitung" trotz knapper Mittel bisher auszeichnete, keine weiteren Kürzungen verkraften. Matthias Breitinger, der Betriebsratsvorsitzende der "Netzeitung", wird noch deutlicher: "Herr Depenbrock spricht zwar von einer 'starken Marke', aber sie ist auch nur so stark, wie die Redaktion, die sie macht. Bei weiteren Stellenstreichungen wird die 'Netzeitung' mit dem Produkt, das Montgomery vor einem Jahr gekauft hat, nichts mehr zu tun haben. Das gilt erst recht, wenn es im schlimmsten Fall darauf hinauslaufen sollte, dass hier alle rausgeworfen werden und dann nur noch zwei Studenten einen dpa-Feed überwachen, der da einfließt."

Die Stimmung in der kleinen Redaktion im Verlagshaus am Berliner Alexanderplatz ist der ungewissen Lage entsprechend finster: "Wir sitzen hier auf glühenden Kohlen und warten, dass eine Ansage kommt", sagt Breitinger; "das Arbeiten unter solchen Umständen ist natürlich nicht so motivierend. Die Sportredaktion müsste jetzt eigentlich die Olympischen Spiele planen. Aber man weiß gar nicht so richtig, ob und was man da planen soll."

So, wie sich die Situation derzeit gestaltet, steht zu befürchten, dass die Redakteure im August Zeit haben, selbst vermehrt Sport zu treiben. Passende Bekleidung hätten sie: Letzte Weihnachten hatte die Geschäftsführung ihrer Belegschaft T-Shirts mit programmatischer Aufschrift geschenkt. Die wäre allerdings nach heutigem Kenntnisstand nur noch für Zyniker geeignet: "Go online!" lautete damals noch das von Montgomery ausgegebene Motto.

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