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"Wir verlängern den Kalten Krieg"

Ostalgie-Partys verklären die DDR-Diktatur. Trotzdem werden ehemalige Stasi-Zuträger weiter öffentlich an den Pranger gestellt. Christhard Läpple hat sich durch hunderte Fälle Inoffizieller Mitarbeiter gewühlt. Im Interview mit stern.de erklärt er, warum er das Verteufeln von IMs für wenig sinnvoll hält.

Von Johannes Gernert

Gerade hat die Birthler-Behörde bekannt gegeben: Der Schauspieldirektor des Heilbronner Theaters sei Inoffizieller Mitarbeiter gewesen. Bei der "Berliner Zeitung" hat deswegen erst vor kurzem ein Redakteur gekündigt. Das IM-Label sorgt auch 19 Jahre nach dem Mauerfall fast automatisch für die Demontage öffentlicher Personen. Sie haben sich für ein äußerst umfassendes ZDF-Rechercheprojekt mit hunderten von IM-Fällen beschäftigt. Hatten Sie während Ihrer Gespräche oft den Eindruck: der müsste seinen Job verlieren?

Es wird einem meistens heiß und kalt zugleich. Natürlich gab es auch dieses Gefühl. Vor allem dann, wenn die Menschen hartnäckig leugnen. Als Gesellschaft verlangen wir natürlich Offenheit. Das Stasi-Unterlagen-Gesetz ist ein Öffnungsgesetz. Und nach knapp 20 Jahren haben wir jetzt folgende Bilanz: Die Akten sind offen, die Menschen die darin stehen, bleiben verschlossen.

Sie haben dennoch versucht, einige von ihnen zu öffnen. Ihr Buch zeigt: IM ist nicht gleich IM. In der öffentlichen Debatte wirkt es aber weiterhin so.

Man hat sich auf ein Ritual geeinigt. Der Vorwurf lautet IM, also Inoffizieller Mitarbeiter. Und dann gibt es dieses Schauspiel von Anklage und Verteidigung, von Vorwurf und Abwehr. Wenn wir ehrlich sind, ödet uns das alle an. Wir kennen es seit Jahren, aber es bringt nichts mehr. Im Gegenteil: Es ist kontraproduktiv. Wir erleben nämlich jetzt, dass viele die DDR immer schöner sehen und sagen, dass sei ein putziger kleiner Staat mit Vollbeschäftigung gewesen, in dem es - abgesehen von ein paar nicht so schönen Ecken - sozial gerecht zuging. Die IM-Debatte wie sie jetzt läuft, bringt diesem Land nichts.

Warum läuft sie so?

Das ist ein langer Weg gewesen bis dahin. Natürlich war nach der Wende die Auflösung der Staatssicherheit wichtig, ein entscheidender Schritt für das Überwinden der DDR-Diktatur. Dabei sind nicht die Hauptamtlichen für die Öffentlichkeit interessant gewesen, sondern die inoffiziellen, die im Freundeskreis, im Kollegenkreis in prominenten Funktionen waren. Der IM ist zum schwarzen Schaf und Sündenbock geworden. Sie waren aber im Grunde nur die Werkzeuge. Auftraggeber war das Ministerium für Staatssicherheit. Auch das allerdings war ein Dienstleister. Eigentlicher Auftraggeber war die SED. Das ist in den vergangenen Jahren vergessen worden. Die SED hat sich dieses System gebaut, weil sie gegenüber dem eigenen Volk so misstrauisch war.

Im Windschatten der angeklagten IMs sind dann einstige Stasi-Offizier und SED-Funktionäre recht unbemerkt in der Bundesrepublik angekommen?

Das ist das Tragische der vergangenen Jahre. Natürlich ist das Schicksal eines Intendanten, eines Trainers, eines Fußballspielers viel interessanter als das eines grauen, unauffälligen Offiziers. Aber diese Prominenten waren an einer Leine, an deren Ende eben dieser Offizier oder Major saß. Meine Erfahrung aus den Recherchen ist, dass viele alte Kader in der neuen Bundesrepublik sehr weich gelandet und teilweise sogar in Führungspositionen wieder aufgetaucht sind.

Sie haben versucht, die Akten zum Sprechen zu bringen, sagen Sie. Gibt es eine Geschichte, die die Komplexität der Stasi-Verstrickungen besonders beispielhaft widerspiegelt?

Auf der menschlichen Ebene gilt das sicher für das Verhältnis zweier Geschwister, wo es schwer fällt, eindeutig Schuld zuzuweisen. Beide hängen aneinander, beide sind in Heimen groß geworden und lieben sich. Die Schwester flüchtet 1962 in den Westen. Schon damals erklärt sich der Bruder gegenüber der Staatssicherheit bereit, sie unter Kontrolle zu halten, was ihm nicht gelingt - sie verlässt die DDR. Als die Schwester in den 80er Jahren an der Seite eines bekannten Journalisten zurückkehrt, ist der Bruder bedenkenlos bereit, sie zu bespitzeln.

Der Bruder scheint dies aber nicht aus Überzeugung zu tun, sondern eher ein bisschen trotzig und womöglich aus einem Pflichtgefühl dem Staat gegenüber heraus.

Das ist für mich auch ein Ergebnis dieser Recherchen. Es hat in der DDR eine Veränderung des persönlichen Gewissens gegeben, mit der wir heute noch zu tun haben. Ich nenne das die Verstaatlichung des Gewissens. Man konnte seine eigene Verantwortung abgeben. Der Staat hat gesagt: "Unser Land ist bedroht. Wir haben Feinde. Es ist gerecht und gerechtfertigt mit allen Mitteln dagegen zu kämpfen." Der Bruder war also bereit zu sagen: "Wenn der Staat mich braucht, mache ich das." Aber er hatte trotzdem Zweifel. Er war nicht bereit, eine Verpflichtungserklärung zu unterschreiben. Ihm war die Brisanz der Sache doch irgendwie klar.

Sind diese Beziehungsgeflechte für einen Menschen aus dem Westen überhaupt nachvollziehbar? Das Argument der Betroffenen ist oft: Ihr versteht das nicht. Die Rede ist von Siegerjustiz.

Das ist ein Abwehrargument. Ich selbst habe diese Recherchen nicht im luftleeren Raum gemacht. Ich lebe seit 28 Jahren mit einer Frau zusammen, die eine DDR-Biografie hat. Wir haben diesen mühsamen Weg der Annäherung im privatesten Bereich schon hinter uns. Natürlich gibt es Dinge, die ich so nicht verstehen kann oder konnte. Aber ich habe sehr viel dazu gelernt. Ich warne davor eine Demutshaltung einzunehmen und zu sagen: Das können wir Wessis gar nicht beurteilen. Was die Ossis vor allem stört ist die Selbstgerechtigkeit. Denn: Wir Westler hätten uns in einer ähnlichen Situation nicht anders verhalten.

Wie verlief die Auseinandersetzung mit Ihrer Frau?

Bei uns ging es sehr lebhaft zu. Wir haben diskutiert und gestritten. Sie war übrigens strikt gegen das Projekt. Man schaut da in die Herzkammern. Verrat geht in die Seele, trifft in die Haarspitzen. Deshalb auch der Titel: "Verrat verjährt nicht". Juristisch gesehen tut er das zwar, nach zwanzig Jahren. Ab 2. Oktober 2010 können die nicht entdeckten Spione aufatmen. Aber das Problem ist, dass Verrat immer auf Vertrauen basiert. Je mehr Vertrauen ich erwerbe, desto besser bin ich im Bespitzeln. Deshalb hält die Enttäuschung der Betroffenen oft ein Leben lang an. Wir haben über 500.000 Menschen gehabt, die für die Staatssicherheit gearbeitet haben. Es ist eine richtig, große politische Kategorie. Und wir haben seit 1993/1994 um die 2,5 Millionen Menschen, die bereits in ihre Akte geschaut haben und mit diesem Thema konfrontiert wurden.

Gleichzeitig scheint die Ostalgie-Welle, die Verklärung, stärker zu werden. In Berlin gibt es eine Stasi-Kneipe, Trabi-Safaris und Ostels.

Die Trabi-Safari etwa ist überhaupt kein Problem. Man erinnert sich an seine Jugend, an schöne Erlebnisse. Der kritische Punkt beginnt da, wo es politisch benutzt und umgesetzt wird. Warum solidarisieren sich viele Ostdeutsche mit angegriffenen IMs? Es gab 1989 noch einen Konsens: Man fand das eigentlich nicht gut.

Der Konsens ist aufgeweicht?

Durch die Form der Aufarbeitung ist der aufgeweicht worden, weil wir eine besondere Situation hatten: Der große Bruder BRD hat nach der Wende an seinen kleinen Bruder DDR Zensuren verteilt. Das hat den kleinen trotzig gemacht.

Zu Recht?

Sicher. Da ist vieles nicht optimal gelaufen. Wir leisten uns einerseits die größte Aufarbeitungsbehörde der Welt - und trotzdem sagen die Opfer, dass sie sich verraten und verkauft fühlen. Die fehlende Fähigkeit, zuzuhören, ist das Hauptproblem. Zu sagen: Jetzt setzen wir uns hin und erzählen uns, wie es wirklich war, was die Gründe waren. Schwarz-weiß macht es einfach, aber es gibt sehr viele Grautöne. Wenn wir die nicht zulassen, verlängern wir den Kalten Krieg.

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