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3. Oktober 2008, 10:55 Uhr

"Wir verlängern den Kalten Krieg"

Ostalgie-Partys verklären die DDR-Diktatur. Trotzdem werden ehemalige Stasi-Zuträger weiter öffentlich an den Pranger gestellt. Christhard Läpple hat sich durch hunderte Fälle Inoffizieller Mitarbeiter gewühlt. Im Interview mit stern.de erklärt er, warum er das Verteufeln von IMs für wenig sinnvoll hält. Von Johannes Gernert

Die Selbstschussanlagen der DDR sind längst ausgeschaltet - die Aufarbeitung dauert an© Nigel Treblin, DDP

Gerade hat die Birthler-Behörde bekannt gegeben: Der Schauspieldirektor des Heilbronner Theaters sei Inoffizieller Mitarbeiter gewesen. Bei der "Berliner Zeitung" hat deswegen erst vor kurzem ein Redakteur gekündigt. Das IM-Label sorgt auch 19 Jahre nach dem Mauerfall fast automatisch für die Demontage öffentlicher Personen. Sie haben sich für ein äußerst umfassendes ZDF-Rechercheprojekt mit hunderten von IM-Fällen beschäftigt. Hatten Sie während Ihrer Gespräche oft den Eindruck: der müsste seinen Job verlieren?

Es wird einem meistens heiß und kalt zugleich. Natürlich gab es auch dieses Gefühl. Vor allem dann, wenn die Menschen hartnäckig leugnen. Als Gesellschaft verlangen wir natürlich Offenheit. Das Stasi-Unterlagen-Gesetz ist ein Öffnungsgesetz. Und nach knapp 20 Jahren haben wir jetzt folgende Bilanz: Die Akten sind offen, die Menschen die darin stehen, bleiben verschlossen.

Sie haben dennoch versucht, einige von ihnen zu öffnen. Ihr Buch zeigt: IM ist nicht gleich IM. In der öffentlichen Debatte wirkt es aber weiterhin so.

Man hat sich auf ein Ritual geeinigt. Der Vorwurf lautet IM, also Inoffizieller Mitarbeiter. Und dann gibt es dieses Schauspiel von Anklage und Verteidigung, von Vorwurf und Abwehr. Wenn wir ehrlich sind, ödet uns das alle an. Wir kennen es seit Jahren, aber es bringt nichts mehr. Im Gegenteil: Es ist kontraproduktiv. Wir erleben nämlich jetzt, dass viele die DDR immer schöner sehen und sagen, dass sei ein putziger kleiner Staat mit Vollbeschäftigung gewesen, in dem es - abgesehen von ein paar nicht so schönen Ecken - sozial gerecht zuging. Die IM-Debatte wie sie jetzt läuft, bringt diesem Land nichts.

Warum läuft sie so?

Das ist ein langer Weg gewesen bis dahin. Natürlich war nach der Wende die Auflösung der Staatssicherheit wichtig, ein entscheidender Schritt für das Überwinden der DDR-Diktatur. Dabei sind nicht die Hauptamtlichen für die Öffentlichkeit interessant gewesen, sondern die inoffiziellen, die im Freundeskreis, im Kollegenkreis in prominenten Funktionen waren. Der IM ist zum schwarzen Schaf und Sündenbock geworden. Sie waren aber im Grunde nur die Werkzeuge. Auftraggeber war das Ministerium für Staatssicherheit. Auch das allerdings war ein Dienstleister. Eigentlicher Auftraggeber war die SED. Das ist in den vergangenen Jahren vergessen worden. Die SED hat sich dieses System gebaut, weil sie gegenüber dem eigenen Volk so misstrauisch war.

Im Windschatten der angeklagten IMs sind dann einstige Stasi-Offizier und SED-Funktionäre recht unbemerkt in der Bundesrepublik angekommen?

Das ist das Tragische der vergangenen Jahre. Natürlich ist das Schicksal eines Intendanten, eines Trainers, eines Fußballspielers viel interessanter als das eines grauen, unauffälligen Offiziers. Aber diese Prominenten waren an einer Leine, an deren Ende eben dieser Offizier oder Major saß. Meine Erfahrung aus den Recherchen ist, dass viele alte Kader in der neuen Bundesrepublik sehr weich gelandet und teilweise sogar in Führungspositionen wieder aufgetaucht sind.

Sie haben versucht, die Akten zum Sprechen zu bringen, sagen Sie. Gibt es eine Geschichte, die die Komplexität der Stasi-Verstrickungen besonders beispielhaft widerspiegelt?

Auf der menschlichen Ebene gilt das sicher für das Verhältnis zweier Geschwister, wo es schwer fällt, eindeutig Schuld zuzuweisen. Beide hängen aneinander, beide sind in Heimen groß geworden und lieben sich. Die Schwester flüchtet 1962 in den Westen. Schon damals erklärt sich der Bruder gegenüber der Staatssicherheit bereit, sie unter Kontrolle zu halten, was ihm nicht gelingt - sie verlässt die DDR. Als die Schwester in den 80er Jahren an der Seite eines bekannten Journalisten zurückkehrt, ist der Bruder bedenkenlos bereit, sie zu bespitzeln.

IM-Schicksale: der geschickte Aufsteiger Die folgenden Kurz-Biografien sind mit Hilfe des Buchs "Verrat verjährt nicht" nacherzählt, alle Namen wurden bereits dort geändert.

Georg Brühl ist Direktor des Stadtmuseums in Weimar, ein ehrgeiziger Typ. Stasi-Offiziere schätzen ihn als "clever und einfallsreich" ein. 1985 wird er zum Inoffiziellen Mitarbeiter. Eines Tages stellt sich ein Fernsehjournalist aus der BRD bei ihm vor und interessiert sich für eine Ausstellung, die Brühl organisiert hat. Die beiden haben fortan öfter miteinander zu tun und werden Freunde. Der Museumsdirektor verschafft dem Fernsehmann vom ZDF exklusive Kontakte in die geschlossene DDR-Gesellschaft hinein. Als der Staat eine Demonstration Jugendlicher von Polizisten niederschlagen lässt, gelangen Bilder davon ins Westfernsehen. Über seinen Fernsehfreund findet Brühl heraus, wer sie gedreht hat. Der zuständige Korrespondent wird "einbestellt". Zahlreiche ähnliche Informationen erhält der effiziente IM auf diesem Weg. Als es nach der Wende eng für ihn wird und er wegen "Systemnähe" seinen Job verlieren soll, stellt ihm der Westfreund vom Fernsehen einen "Persilschein" aus - allerdings zu spät. Erst Mitte der Neunziger erfährt der ZDF-Mann von der Spionage. Es sei die vielleicht größte Enttäuschung seines Lebens gewesen, sagt er heute.

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