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Horror am Fließband

Die Literaturwelt blickt mit einigem Argwohn auf den Mann, der mit seinen Horrorgeschichten Millionen Menschen das Fürchten lehrte und damit Millionen Dollar verdiente. Nun wird Stephen King 60 Jahre alt.

Für ernsthafte Literaten ist Stephen King ein rotes Tuch, ein Horror. Seine Fans aber fiebern jedem neuen Band des US-Schriftstellers entgegen - bis zu drei Neuerscheinungen pro Jahr. 40 Romane, mehr als 100 Kurzgeschichten, ein Sachbuch über das Schreiben von Horrorromanen, dazu mehrere Novellen und Drehbücher flossen schon aus der Feder des Fließbandliteraten, der an diesem Freitag 60 Jahre alt wird. Sie machten den früheren Englischlehrer, der in einfachsten Verhältnissen groß geworden war, zu einem der reichsten oder sogar dem reichsten Autoren unserer Zeit: Jahreseinkommen rund 50 Millionen Dollar.

Vielleicht war es Neid, der einen der schärfsten King-Kritiker, den Yale-Professor Harold Bloom, nach der Vergabe des National Book Awards an seinen Horror-Kollegen so giftig werden ließ: "Dass sie (die Preisverleiher) glauben konnten, in seinen Werken stecke auch nur ein bisschen literarischer Wert, ästhetische Errungenschaft oder erfinderische Intelligenz, bezeugt einfach ihre eigene Dummheit." Dem entgegnete der Sprecher der US-Nationalen Buchstiftung, die Kings Lebenswerk 2003 geehrt hatte: "Wir müssen unsere Vorstellung davon erweitern, was Literatur ist. Wir sollten aufgeschlossen sein, statt uns Gedanken darüber zu machen, was passt und was nicht."

"Boo! How He Starled the Book World"

King selbst beurteilt seine Arbeit weitaus pragmatischer. "Meine Bücher sind das literarische Äquivalent eines Big Mac mit einer großen Portion Pommes", sagte er einmal. Dass der Pop- und Kult-Literat bei aller Bescheidenheit aber auch ein Bahnbrecher ist, zeigte sich 2000, als er mit "Riding the Bullet" (Achterbahn) das erste E-Book 24 Stunden kostenlos im Internet veröffentlichte. Das Experiment wurde mit 400.000 Downloads an nur einem Tag zu einem sensationellen Erfolg. Das Magazin "Time" widmete King begeistert sein Titelblatt: "Boo! How He Starled the Book World" (Buh! Wie er die Verlagswelt aufschreckte).

"Carrie" kam 1974 als sein erstes Buch auf den Markt und wurde mit Sissy Spacek unter der Regie von Brian De Palma verfilmt: Die Geschichte einer von ihren Klassenkameraden gepeinigten Schülerin, die plötzlich telekinetische Fähigkeiten entwickelt und sich grausam rächt. Schon da war die typische King-Mischung da: Die Ängste und Rücksichtslosigkeiten des Alltags vermischen sich mit der Furcht vor den Abgründen der Dunkelheit, Technologie, vor den Geheimdiensten, Regierungen, der Furcht vor dem Unbekannten und vor Bösewichtern jeder Kategorie.

Angstmacher für jedermann

"Die Ängste, die ich entdecke, sind die Ängste aller", meint der Autor. Und fühlt sie nicht nur nach, sondern er kann sie auch grauenerregend beschreiben. "Das letzte Gefecht" etwa handelt von der Bombe, "Talisman" von der Zerstörung der Natur, "Christine" von der Technik, die sich selbstständig macht. Vampirgeschichten wie "Brennen muss Salem", Berichte und Spekulationen über Untote in "Friedhof der Kuscheltiere", das ultimative Monster in "Es" - King hat Angstmacher für jedermann.

Vor einem Jahr erschien "Love", nach Angaben des Verlages Kings bisher persönlichstes Buch. Es erzählt die Geschichte der Witwe eines erfolgreichen Schriftstellers, die nach dem Tod ihres Gatten dessen Nachlass ordnet und dabei auf die Schrecken, bedrohlichen Erinnerungen und Träume aus seiner Kindheit stößt. Erst vor acht Jahren erfüllte sich für King ein weiterer Albtraum. Er wurde beim Spazierengehen auf einer Landstraße im US-Bundesstaat Maine, wo er seit seiner Kindheit mit Unterbrechungen lebt, von einem betrunkenen Autofahrer erfasst und lebensgefährlich verletzt. Eine Lokalzeitung erklärte ihn vorschnell für tot. Nach einem Jahr der Operationen und schmerzhaften Therapien kaufte King das Auto seines Peinigers auf und schlug es am ersten Jahrestag des Unfalls eigenhändig zu Schrott.

Gisela Ostwald/DPA/DPA

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