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Die Witz-Zentrale

Das Frankfurter Satiremagazin "Titanic" ist eine bundesdeutsche Institution. Komisch, widerständig, anarchisch. Ist es eigentlich lustig, dort zu arbeiten? Manchmal ja. Aber ohne Ernst kein Spaß. Ein Redaktionsbesuch.

Von Oliver Fuchs

Wo ist der Witz? Eben war er doch noch da. Hey, hast du ihn gesehen? Nee, du hattest ihn doch zuletzt. Ein Witz kann doch nicht einfach so verschwinden wie ein Schlüsselbund. Frankfurt, "Titanic"-Redaktion, zwei Tage vor Heftabgabe. Die Lage ist ernst. Um einen runden Tisch sitzen acht Personen und mühen sich an einem Witz ab. Haare werden gerauft, Hände geknetet. Kann doch nicht so schwer sein. Acht gegen einen. Der Witz ist umzingelt. Aber: Er kommt nicht raus.

Es gibt zwei Arten von Witzen, sagt Thomas Gsella, der Chefredakteur. Solche, die ein Schmunzeln hervorrufen. "Jakannmanmachen", nennt Gsella diese Kategorie. Angestrebt wird aber die zweite Variante: "Superdasisses". Ein Witz, der sofort zündet und kratertief einschlägt. Der Redaktion sind in jüngster Zeit viele "Superdasisses"-Witze gelungen. Überhaupt ist die "Titanic", Deutschlands Satireinstitution seit 1979, zurzeit so gut wie seit Langem nicht. Vielleicht liegt es an der Großen Koalition, vielleicht an der weltpolitischen Großwetterlage, vielleicht aber auch an Thomas Gsella, der ein stiller, netter, bedächtiger Chef ist. Sein Vorgänger Martin Sonneborn war Aktionskünstler mit einem Hang zu Krawallsatire und Profilneurose. Gsella ist eher Literat. Er formuliert ge- nau und redigiert hingebungsvoll. Notfalls auch bis 24 Uhr. Da fährt der letzte Zug nach Aschaffenburg. Der bringt ihn heim zu Frau und Kindern.

Jakannmanmachen

Mit seinem Cordanzug und der speckigen Aktentasche wird Gsella im Regionalexpress vermutlich für einen Landarzt gehalten. Nur die funkelnden Scanner-Augen verraten womöglich, dass der Mann hauptberuflich Komik herstellt. "Titanic"- Chef, das ist kein leichter Job. Die "Titanic" ist ja nicht irgendein Print-Produkt, sondern ein Mythos. Gegründet von den Komik- Koryphäen Robert Gernhardt, F. K. Waechter, Peter Knorr, Hans Traxler und Chlodwig Poth mit dem Ziel, den Humor- Betrieb zu revolutionieren. Das Programm: fröhliche Anarchie im Geist der Aufklärung. Vorher lachten die Deutschen vornehmlich über Heinz Erhardt.

Fröhliche Anarchie? Im Moment hat Thomas Gsella Panik im Blick. Zwei Tage noch, dann geht das Heft in Druck, und es ist immer noch keine vernünftige Titelidee da! Zwei Vorschläge gibt es, der erste hat mit Kurt Beck zu tun, SPD-Chef, Bartträger, ein leichtes Ziel: "Köhler verweigert Gnadenschuss: Beck bleibt im Amt." Jakannmanmachen.

Die zweite Idee ist unfertig. "Köhler Präsident aller Deutschen", soll da stehen, über die Bebilderung ist man sich uneins. "Wie wär’s mit einer Katze?" "Hä? Köhler ist doch keine Katze." "Dann eben ein Affe." "Oder ein blöder Hund." "Wie sieht denn bitte ein blöder Hund aus? Im Gegensatz zu einem intelligenten?" Dann lieber Terrorbekämpfer Schäuble. Ist aktueller. Aber mit welcher Titelzeile?

Mythos unkaputtbar

Jedes Heft hat zwar ein Titelbild, aber keine dazugehörige Titelgeschichte. Trotzdem entscheidet der Titel über die Verkaufszahlen. Politiker-Titel gehen in der Regel gut, gezeichnete Titel gehen schlecht, und was gar nicht geht, sind Titel ohne Witz. "Lecker und gesund: Schweinebraten mit Soße", stand auf der September-Ausgabe 2003. Lustig daran sollte sein, dass es absolut nichts zu lachen gab. Zu kompliziert für den "Titanic"-Leser: Es war das am schlechtesten verkaufte Heft aller Zeiten. 1979, im Gründungsjahr der "Titanic", starteten auch die "taz" und die "Grünen". Der "Titanic" geht es heute von allen am besten: Die verkaufte Auflage stabil zwischen 60 000 und 70 000, Mythos unkaputtbar – dank 35 verbotener Ausgaben, 55 Gerichtsverfahren, unzählbarer einstweiliger Verfügungen und Unterlassungserklärungen.

Ist ein Witz dann gut, wenn er einen Prozess nach sich zieht? Thomas Gsella denkt nach und schüttelt den Kopf. Nein, man habe es nie darauf angelegt. Eine Rechtsanwältin prüft jedes Heft, und wenn die anmahnt, irgendwo ein "Arschloch" durch "Idiot" zu ersetzen, wird das umgehend erledigt. Die Redaktionsräume sehen so ähnlich aus wie das "Titanic"-Layout. Antiquiert, schäbig, vollgerümpelt. Im Flur schlägt der Fußboden hohe Wellen, hinten im Grafikraum stehen zwischen Kleiderständern Kartons mit Aufschriften wie "Flossen/ Schlafanzüge/Geweihe" oder "Sex". Hier sitzt Art-Director Thomas Hintner, ein gemütlicher Unterfranke, dessen Geduld oft stark beansprucht wird. Eben hat er wieder auf ausdrücklichen Wunsch der Kollegen Vorschläge für eine kleine Layout-Reform unterbreitet. Ein neues Logo entworfen für die Rubrik "Briefe an die Leser", die Schrifttype der "Humorkritik" modernisiert – aber am Ende beschlossen "die feinen Herren Autoren da vorne", wie Hintner sie nennt, dass doch alles bitte schön beim Alten bleiben soll. Hintner kocht vor Wut.

Witze am Laufband, geht das?

Die feinen Herren Autoren da vorne, das sind die Redakteure Oliver Nagel, Stefan Gärtner und Mark-Stefan Tietze. Die Redaktions-Intellektuellen, die stundenlang das "FAZ"-Feuilleton sowie jedes andere verfügbare Medium online und offline lesen. Tietze studiert sogar Werbebroschüren von Pizzabringdiensten. Witzrohstoff findet sich an den unmöglichsten Orten! Das ist mal eine klar gegliederte Redaktion: Im vorderen Bürotrakt sitzt der Geist und betreibt Medienreflexion, oft mit desillusionierten, mitunter auch zynischen Ergebnissen. Hinten vertraut man eher auf die Kraft der Intuition, auf Zartheit und Feingefühl. Gegenüber von Art-Director Hintner sitzt der Zeichner Stephan Rürup, ein Alt-78er mit Latzhose und einem Kinnbart, der in drei Zöpfe mündet. Berufsmäßig in einem Büro Witze erfinden, von 9 bis 17 Uhr, geht das überhaupt? Es geht. Harte Drogen sind dazu nicht zwingend notwendig. In der Redaktionsküche stehen vier Kaffeemaschinen sowie zwei Kästen "Licher Premium Pilsner". Und die Sache mit der Anwesenheitspflicht wird nicht allzu streng gehandhabt. "Arbeitsbeginn ist um 11 Uhr", sagt Chef Gsella.

"Um 12 Uhr sind dann alle da." Um 13 Uhr geht die Redaktion meist geschlossen zum Mittagessen, in eine verlotterte Kneipe names "Doctor Flotte". Man kann wählen zwischen Schnitzel und Schnitzel. Zum Nachtisch eine Tasse Bohnenkaffee, dann wird weiterkonferiert. Der Praktikant meldet sich zu Wort. Das Heft sei zu wenig sexistisch in letzter Zeit. Zustimmendes Gemurmel. Gut wäre etwas Frauenverachtendes und zugleich Ossifeindliches, darüber herrscht Konsens. Gsella schweigt und macht sich Notizen. Und sonst? Irgendwas zum Fall Seehofer? Vielleicht eine Telefonaktion, CSU-Abgeordnete anrufen, ihnen Affären andichten? Aber wir haben doch keinen, der Bayerisch kann. Stimmt auch wieder. Vorschlag abgeschmettert. Und was ist mit dem Titel? Wieder werden Haare gerauft, Hände geknetet.

Witzblockade, dann Superdasisses

Tietze, dessen Magisterarbeit den Titel "Komische Kommunikation – Ein theoretischer Entwurf " trug, macht weitschweifige Erläuterungen zum Bau von Witzen. Keiner hört zu. "Ach, warum muss es denn immer so, äh, gehaltvoll sein?", ächzt Rürup. Die Intuitions- Fraktion ist sichtlich genervt von der Intellekt-Fraktion. Also nee, mit Theorie komme man jetzt nicht weiter. Der Mythos "Titanic", die historischen Leistungen, die legendären Titelbilder – all das scheint jetzt schwer auf der Redaktion zu lasten. So schwer, dass sich eine Witzblockade einstellt. Nichts geht mehr. Zwei, drei, vier Minuten Stille. Gsella macht sich Notizen. Dann schaut er auf und sagt: "Ein Foto von bin Laden. Hoffnung in Deutschland: Kann er Schäuble stoppen?" Superdasisses.

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