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13. August 2007, 11:55 Uhr

Die Witz-Zentrale

Das Frankfurter Satiremagazin "Titanic" ist eine bundesdeutsche Institution. Komisch, widerständig, anarchisch. Ist es eigentlich lustig, dort zu arbeiten? Manchmal ja. Aber ohne Ernst kein Spaß. Ein Redaktionsbesuch. Von Oliver Fuchs

Sorgfalt und Hingabe: "Titanic"-Chef Thomas Gsella, 49, bei der Arbeit© Markus Hintzen

Wo ist der Witz? Eben war er doch noch da. Hey, hast du ihn gesehen? Nee, du hattest ihn doch zuletzt. Ein Witz kann doch nicht einfach so verschwinden wie ein Schlüsselbund. Frankfurt, "Titanic"-Redaktion, zwei Tage vor Heftabgabe. Die Lage ist ernst. Um einen runden Tisch sitzen acht Personen und mühen sich an einem Witz ab. Haare werden gerauft, Hände geknetet. Kann doch nicht so schwer sein. Acht gegen einen. Der Witz ist umzingelt. Aber: Er kommt nicht raus.

Es gibt zwei Arten von Witzen, sagt Thomas Gsella, der Chefredakteur. Solche, die ein Schmunzeln hervorrufen. "Jakannmanmachen", nennt Gsella diese Kategorie. Angestrebt wird aber die zweite Variante: "Superdasisses". Ein Witz, der sofort zündet und kratertief einschlägt. Der Redaktion sind in jüngster Zeit viele "Superdasisses"-Witze gelungen. Überhaupt ist die "Titanic", Deutschlands Satireinstitution seit 1979, zurzeit so gut wie seit Langem nicht. Vielleicht liegt es an der Großen Koalition, vielleicht an der weltpolitischen Großwetterlage, vielleicht aber auch an Thomas Gsella, der ein stiller, netter, bedächtiger Chef ist. Sein Vorgänger Martin Sonneborn war Aktionskünstler mit einem Hang zu Krawallsatire und Profilneurose. Gsella ist eher Literat. Er formuliert ge- nau und redigiert hingebungsvoll. Notfalls auch bis 24 Uhr. Da fährt der letzte Zug nach Aschaffenburg. Der bringt ihn heim zu Frau und Kindern.

Jakannmanmachen

Mit seinem Cordanzug und der speckigen Aktentasche wird Gsella im Regionalexpress vermutlich für einen Landarzt gehalten. Nur die funkelnden Scanner-Augen verraten womöglich, dass der Mann hauptberuflich Komik herstellt. "Titanic"- Chef, das ist kein leichter Job. Die "Titanic" ist ja nicht irgendein Print-Produkt, sondern ein Mythos. Gegründet von den Komik- Koryphäen Robert Gernhardt, F. K. Waechter, Peter Knorr, Hans Traxler und Chlodwig Poth mit dem Ziel, den Humor- Betrieb zu revolutionieren. Das Programm: fröhliche Anarchie im Geist der Aufklärung. Vorher lachten die Deutschen vornehmlich über Heinz Erhardt.

Fröhliche Anarchie? Im Moment hat Thomas Gsella Panik im Blick. Zwei Tage noch, dann geht das Heft in Druck, und es ist immer noch keine vernünftige Titelidee da! Zwei Vorschläge gibt es, der erste hat mit Kurt Beck zu tun, SPD-Chef, Bartträger, ein leichtes Ziel: "Köhler verweigert Gnadenschuss: Beck bleibt im Amt." Jakannmanmachen.

Die zweite Idee ist unfertig. "Köhler Präsident aller Deutschen", soll da stehen, über die Bebilderung ist man sich uneins. "Wie wär’s mit einer Katze?" "Hä? Köhler ist doch keine Katze." "Dann eben ein Affe." "Oder ein blöder Hund." "Wie sieht denn bitte ein blöder Hund aus? Im Gegensatz zu einem intelligenten?" Dann lieber Terrorbekämpfer Schäuble. Ist aktueller. Aber mit welcher Titelzeile?

Mythos unkaputtbar

Jedes Heft hat zwar ein Titelbild, aber keine dazugehörige Titelgeschichte. Trotzdem entscheidet der Titel über die Verkaufszahlen. Politiker-Titel gehen in der Regel gut, gezeichnete Titel gehen schlecht, und was gar nicht geht, sind Titel ohne Witz. "Lecker und gesund: Schweinebraten mit Soße", stand auf der September-Ausgabe 2003. Lustig daran sollte sein, dass es absolut nichts zu lachen gab. Zu kompliziert für den "Titanic"-Leser: Es war das am schlechtesten verkaufte Heft aller Zeiten. 1979, im Gründungsjahr der "Titanic", starteten auch die "taz" und die "Grünen". Der "Titanic" geht es heute von allen am besten: Die verkaufte Auflage stabil zwischen 60 000 und 70 000, Mythos unkaputtbar – dank 35 verbotener Ausgaben, 55 Gerichtsverfahren, unzählbarer einstweiliger Verfügungen und Unterlassungserklärungen.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 32/2007

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