Alexander Solschenizyn hat nicht nur Autoren in seiner russischen Heimat inspiriert. Im Gespräch mit stern.de erzählt Erfolgsschriftsteller Tom Rob Smith, dass er erst "Archipel Gulag" lesen musste, bevor er seinen Bestseller "Kind 44" schreiben konnte, einen Roman über einen Serienmörder im stalinistischen Russland.

Tom Rob Smith: "Von Solschenizyn habe ich gelernt, dass das pure Böse des 20. Jahrhunderts nicht einem einzigen Land zuzuordnen ist. Es kann überall auftauchen."© Karlheinz Schindler, DPA
Sie waren überaus wichtig. Wahrscheinlich war "Archipel Gulag" das wichtigste Buch überhaupt, das ich in dieser Zeit gelesen habe. Menschen, denen ich davon vorschwärme, sagen mir, dass sie abgeschreckt seien vom Umfang und dem düsteren Inhalt des Buches, von diesem vagen Gefühl, sich mit einem furchtbaren Teil der Geschichte beschäftigen zu müssen. Aber für mich ist gerade die Pointiertheit das Besondere von Solschenizyns Werk. Er schafft es, aus den Absurditäten dieser Zeit noch Witz zu schlagen. Überall leuchtet dieser große humanitäre Geist Solschenizyns hindurch, das war eine wirkliche Inspiration für mich.
Da gibt es diese Zeit, in der Millionen und Abermillionen Menschen im Gulag verschwinden und eine ganze Gesellschaft umgebaut wird. Und gleichzeitig versucht das System zu verschleiern, was es da gerade macht. Solschenizyn beschreibt zum Beispiel, dass auf den Lastwagen, die zum Transport der Gefangenen dienten, außen Abbildungen von Obst und Gemüse zu sehen waren. Er hatte ein sehr gutes Auge für solche Widersprüche.
Dazu habe ich, ehrlich gesagt, die Menschen, denen ich begegnet bin, nicht befragt. Aber ganz generell schien es mir so, dass diese Zeit in Russland nicht wirklich diskutiert wird. Sie findet in Gesprächen nicht wirklich statt.
Als ich auf die Geschichte des Serienmörders Andrei Chikatilo, dem Ripper von Rostov stieß, lag der besondere Reiz für mich darin, über eine Ermittlung in einer kommunistischen Gesellschaft zu lesen. Ich habe meinen Roman bewusst in eine Zeit verlegt, in der die Gegensätze noch deutlicher zu Tage treten. So konnte ich die Geschichte von einem Menschen erzählen, der mordet, dies aber in einem Staat tut, der ein noch viel größerer Mörder ist. Die größere Gefahr geht in diesem Fall von dem Staat aus, nicht von dem Kriminellen.
Er schreibt in einem Vorwort zu "Archipel Gulag", dass das pure Böse des 20. Jahrhunderts nicht einem einzigen Land zuzuordnen ist. Es kann überall auftauchen. Ich wollte mit meinem Buch dem Leser nicht sagen: "Schau auf dieses Russland und was dort passiert ist". Ich wollte, dass er sich fragt: Was hätte ich in einer solchen Situation getan? Diese moralische Frage ist jederzeit relevant, egal, wie weit weg einem die Geschichte vorkommen mag.
Ich habe sie nie wirklich aus der Hand gelegt. Bei meiner Lesereise in den USA habe ich in Seattle in einem Antiquariat eine Erstausgabe der drei Bände von "Archipel Gulag" gefunden. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Ich habe diese dicken Wälzer quer durch Amerika geschleppt und immer wieder zur Hand genommen. Und ich glaube, damit werde ich nie aufhören. Dazu sind sie einfach zu gut.
Smiths Bestseller Tom Rob Smith, "Kind 44", Dumont Buchverlag, Januar 2008, 512 Seiten, 19,90 Euro
Solschenizyns Jahrhundertwerk Alexander Solschenizyn, Archipel Gulag, Rowohlt Taschenbuch, 11. Auflage Juni 2003, 577 Seiten
Zur Person Tom Rob Smith wurde 1979 als Sohn einer schwedischen Mutter und eines englischen Vaters in London geboren, wo er auch heute noch lebt. Bislang ist er vor allem als Drehbuchautor in Erscheinung getreten. In seinem Roman "Kind 44" erzählt Smith die Geschichte eines Serienmörders im stalinistischen Russland der 50er Jahre. Das Buch wurde seit seinem Erscheinen in über 20 Sprachen übersetzt und ist inzwischen ein internationaler Bestseller. Star-Regisseur Ridley Scott hat sich bereits die Filmrechte gesichert.