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Von geilen Tussis und Rammelhasen

Die Geschichten, mit denen sie manches Tabu bricht, schnappt sie meist bei ihrem Friseur im Istanbuler Stadtteil Cihangir auf. Ramize Erer provoziert mit Comics, die den Kampf der Geschlechter in der Türkei aufs Korn nehmen. Jetzt ist ihr neues Buch auch auf Deutsch erschienen. "Chica dü lüks" überrascht mit deftigem Humor.

Von Almut F. Kaspar

Da lümmeln sich dickbusige Weiber in eng anliegenden Bustiers und megaknappen Hotpants ordinär auf Sofas herum, qualmen bis zum Abwinken, trinken und essen, telefonieren und masturbieren. Und führen dabei kreischend-schrille Gespräche, in denen es fast immer um virile Kraftmeier geht. Da machen immergeile Tussis auf Freundinnen und spielen sich - kaum den Rücken gekehrt - knallhart gegeneinander aus. Wobei sie kein gutes Haar an den anderen lassen. Und an den Typen sowieso nicht. Da gaukelt man sich ständig Frauen-Solidarität vor - bis irgendein Kerl dazwischen kommt: Dann wird hysterisch gebrüllt und geheult, dann mutiert Jung-Mutti zum besessenen Sexmonster. Alles ganz normal? Schon. Doch diese kleinen Geschichten spielen nicht in Deutschland, sondern in der Türkei - dem Land, aus dem wir solche Frauen bislang nicht kannten.

Bei der 60. Frankfurter Buchmesse - in diesem Jahr ist die Türkei Gastland - wird man wohl ein für allemal ein Vorurteil vergessen können: dass die Türken ein humorloses Volk seien. Alles andere als das. Satire hat dort eine uralte Tradition und wird gern benutzt, um auf politische, soziale und vor allem gesellschaftliche Schwachpunkte hinzuweisen. Comics sind dabei das bevorzugte Medium der jungen Humor-Avantgarde. In Frankfurt präsentiert sich nun diese Szene mit einer Reihe von witzigen und durchaus provokanten Werken.

Erer thematisiert Ehebruch und Bigamie, Homo- und Bisexualität

Eine von ihnen ist die Cartoonistin Ramize Erer. Die 45-Jährige, die für das Satireblatt "LeMan" und die Tageszeitung "Radikal" arbeitet, gehört zu den wenigen türkischen Comic-Zeichnerinnen, die sich ausnahmslos kritisch mit der Rolle der Frau in ihrem Land auseinandersetzen. Sie bricht Tabus und geißelt mit einer kräftigen Prise Ironie und Zynismus die traditionellen Geschlechterrollen, thematisiert Ehebruch und Bigamie, Homo- und Bisexualität. Und stößt dabei oft an die Grenzen der Toleranz.

Auf der Buchmesse stellt Ramize Erer nun ihr neues Buch "Chica dü lüks" vor. Ihre gestrichelten Geschichten, von Nilgün Cön und Askin-Hayat Dogan ins Deutsche übersetzt, strotzen vor humoriger Bissigkeit und dürften auch bei deutschen Comic-Fans bestens ankommen.

"Ich bin Karikaturistin geworden, um mich zu verändern und zu wachsen", sagte sie einmal in einem Interview. "Ich habe all meine Energien in die Entwicklung meiner Karikaturen gesteckt und mich selbst dabei verändert. Ich zeichnete als erste ein masturbierendes Mädchen. Da war die Hölle los. Ich bekam grobe Schmähbriefe. Langsam begann es mir Spaß zu machen, die Leute mit dem Brechen von Tabus zu provozieren." Als die Mohammed-Karikaturen weltweit für Aufsehen und heftigste Debatten sorgten, nahm sie kurzentschlossen an der internationalen Wanderausstellung "Cartooning for Peace" teil, um ihre Position im Karikaturenstreit klar herauszustellen: Satire braucht Freiheit.

Die wahren Wünsche türkischer Frauen

Ramize Erer wohnt, wenn sie nicht in Paris weilt, im Istanbuler Stadtteil Cihangir. Hier leben pragmatische Großstädter mit zugewanderten Mitbürgern aus dem gesamten Land zusammen. Und hier prallen traditionelle Vorstellungen mit der modernen Realität zusammen. Genau das ist es, was sich die blonde Cartoonistin Ramize Erer mit ihren Karikaturen vorgenommen hat - sie will aufzeigen, dass Tradition und Realität auseinanderdriften und stellt dabei provozierende Fragen nach dem gesellschaftlichen Umgang mit Frauen. Denn sie weiß, dass das Leben und die Wünsche türkischer Frauen hinter der orientalischen Fassade ganz anders aussehen.

In "Chica dü lüks" wird diese widersprüchliche - männliche wie weibliche - Welt gespiegelt. Statt unterwürfige Heimchen mit Kopftuch setzen sich selbstbewusste und kraftstrotzende Weibsbilder in Szene, die sich nehmen, was und wen sie gerade wollen. Männer werden dabei nicht selten zu dösigen Rammelhasen degradiert - ein Klischee, mit dem Ramize Erer ohne Erbarmen spielt.

Die Szenen für ihre scharfschnittigen Cartoons findet sie bei ihrem Stadtteil-Friseur, den sie einmal in der Woche aufsucht. Der Frisiersalon als Treffpunkt für Klatsch- und Tratsch-Süchtige. Warum sollte das in der Türkei anders sein als bei uns? Hier treffen sich Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten und quasseln sich ihre Problemchen, Wünsche und Träume von der Seele. Hier wird gelacht, gelästert, gestritten und sich wieder versöhnt. Das große Thema dort wie hier: der Mann.

Für Millionen türkischer Frauen ist die Cartoonistin Ramize Erer mittlerweile Kult geworden - weil sie ausspricht, was viele Türkinnen denken, sich aber noch nicht trauen, öffentlich dazu zu stehen: zu gesellschaftlicher Gleichberechtigung und Anerkennung. Nur scheinen viele türkische Männer genau das nicht zu verstehen. Doch dafür gibt es Ramize Erer. Sie hält ihnen den Spiegel direkt vor die Nase und sie nehmen es offenbar mit Humor, auch wenn sie alles andere als gut wegkommen. Auf die Frage ob Männer sich vor ihr fürchten, antwortete sie einmal salopp: "Männer mögen diese Frauen, denn sie ähneln Männern. Eine Kollegin sagte mal zu mir: Durch dich weiß ich erst, wie Männer ticken." Da war sie schwer irritiert. Und das will was heißen bei dieser Frau.

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