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Hitler sticht Stalin

Tyrannen drangsalieren die Welt, jetzt erobern sie auch noch den Spieltisch: Findige Kreative haben "Tyrannen-Quartette" erfunden. Kritiker bezeichnen es als geschmacklos, doch das Geschäft boomt. Es ist makabres Kräftemessen, das dem Trend zum skurrilen Kartenquartett ein weiteres Kapitel hinzufügt.

Von Mark Stöhr

Die Karten sind gemischt, das Spiel kann beginnen. Herrschaftsdauer: 38 Jahre. So lange war der Schah von Persien an der Macht, länger als die meisten Tyrannen. Das müsste reichen. Doch die Gegenseite hat einen noch Altgedienteren auf der Hand, Kaiser Hirohito aus Japan. Der brachte es auf 62 Jahre. Nun also andersherum. Alter bei Machtübernahme: 36. Jetzt herrscht erst einmal Diskussionsbedarf. Wer sticht wen? Der Späteinsteiger den Youngster oder umgekehrt? Umgekehrt. Wer früher damit anfängt, kann im Idealfall länger wüten. Kim Il-Sung, der nordkoreanische Diktator, hat somit keine Chance gegen Zar Nikolaus II., der mit gerade einmal 26 Jahren den russischen Thron bestieg.

Von Volksmord bis Kleptokratie

Willkommen im Kartenhaus des Bösen. 32 Menschenfeinde vom Beginn des letzten Jahrhunderts bis in die jüngere Zeit liefern sich einen makabren Wettstreit im "Tyrannen-Quartett". Wo es früher um Autos, Flugzeuge und schlimmstenfalls Panzer ging, um Hubraum, Tragfläche und Schussweite, ist hier nun die Höhe des zusammengerafften Privatvermögens oder die Zahl der Todesopfer entscheidend. Die einzelnen Kategorien schreiten ein breites Feld der Verwüstung ab. "Völkermörder" bilden eine Viererbande, "Kleptokraten", "religiöse Eiferer", "US-Marionetten", "Faschisten" und "Kommunisten". Pol Pot, Bokassa, Franco und Khomeini sind vertreten und natürlich die Klassiker des organisierten Massenmords, Hitler und Stalin.

"Einige stellten sich von selbst auf, andere haben es nicht unter die ersten 32 geschafft", sagt Jörg Wagner, einer der beiden Erfinder des "Tyrannen-Quartetts", der im eigentlichen Beruf Filmemacher ist. Die Leitkriterien, präzisiert Jürgen Kittel, Wagners Kompagnon und Leiter eines Hamburger Filmfestivals, seien Größenwahn und Allmacht gewesen. Und eine Skrupellosigkeit, die über Leichen geht. Ein sozialistischer Betonkopf wie Erich Honecker etwa terrorisierte zu gemütlich, um beim Casting in die nächste Runde zu kommen. Es ist ein Spiel nicht frei von Zynismus, das die beiden Hamburger unter ihrem Label "Weltquartett" auf den Markt gebracht haben. Der ursprüngliche Plan, die Tyrannen nach Bartfläche und Körpergröße zu kategorisieren, wurde dann aber doch fallen gelassen. Ein solcher Populismus hätte dem historischen Ernst nicht entsprochen. Die Karten verkaufen sich trotzdem gut: Die erste Auflage von 1000 Stück ist schon fast vergriffen.

Der Spaß am infantilen Kräftemessen

Das Quartett erobert die Spieltische zurück. Kinder und Jugendliche, die eigentliche Zielgruppe, vertreiben sich ihre Zeit längst mit portablen Gamekonsolen - jetzt machen Erwachsene den Datenvergleich. Ein bisschen Kokettieren mit den eigenen Kindheitserinnerungen, ein bisschen Kichern über den Spaß am infantilen Kräftemessen, mögen dahinterstecken. Ein sicherer Geschenkerfolg ist es in jedem Fall. Die skurrilsten Terrains werden inzwischen statistisch aufbereitet und in Vierergrüppchen unterteilt: Päpste und ihre Todesursachen, Luxusschlitten und ihr CO2-Ausstoss, Gerichte und ihr Kaloriengehalt, Musiker und ihre Haarlängen. Schon im Frühjahr dieses Jahres hat ein Berliner Verleger ein sehr ähnliches Produkt auf den Markt gebracht, das "Führerquartett". Bösewichte wie Mussolini, Franco und Hitler treten in Vierergruppen gegeneinander an. Die erste Auflage mit 2000 Exemplaren ist bereits ausverkauft. Die Provokation sitzt und sichert den Machern sowohl in Hamburg und Berlin Aufmerksamkeit auf dem umkämpften Markt des Abseitigen - auch durch lautstarken Protest von Kritikern wie dem Berliner Innensenator Ehrhardt Körting, der das Kartenspiel "geschmacklos" findet. Aufmerksamkeit zumindest für eine Zeit. Bis sich jemand noch etwas Fieseres einfallen lässt.

Keine Sekundärquelle für Diplomarbeiten

Eines muss man Jörg Wagner und Jürgen Kittel jedoch zugute halten: Die "Tyrannen" knüpfen mit ihrem Geschichtsexkurs an die Ursprünge des Quartetts an. Ein Franziskanermönch hatte das Spiel im 16. Jahrhundert erfunden, um seinen Schülern mit Lernkarten Jura beizubringen.

Der Sonnenkönig Ludwig XIV., so liest man, lernte auf diese Weise als Kind die Abfolge seiner Ahnen auswendig. Das Tyrannen-Quartett als Unterrichtsmedium zum Thema Totalitarismus? Das ginge wohl zu weit. Wagner winkt ab und will seine Karten auch nicht als mögliche Sekundärquelle für Diplomarbeiten missverstanden sehen. Er empfiehlt stattdessen ein anderes Produkt aus dem Hause Weltquartett: das "Seuchen-Quartett", Teil zwei im Kartenzyklus "Geißeln der Menschheit". Das kommt deutlich wissenschaftlicher daher.

Die schlimmsten Viren und Bakterien, die krank machen und töten, fein säuberlich nach Inkubationszeit, Letalität und jährlicher Infektionsrate aufgelistet. "Die wären schon eher als Karteikarten für Medizinstudenten vorstellbar", sagt Jürgen Kittel. Hypochonder sollten davon die Hände lassen. Und wer "Rotz" bislang für das hielt, was aus der Nase kommt, wird eines Besseren belehrt. Es handelt sich dabei um eine tückische Pferdekrankheit, die auch auf den Menschen übergreifen kann. Sterberate: 90 Prozent. Dann lieber wieder ganz weit zurück, zum guten alten Pferde-Quartett.

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