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60 Jahre Diogenes

Bei der Frankfurter Buchmesse wird nächste Woche wieder vieles gefeiert. Einen besonders guten Grund hat Diogenes: Der Schweizer Verlag blickt auf 60 erfolgreiche Jahre zurück.

  Bei der Frankfurter Buchmesse wird nächste Woche wieder vieles gefeiert. Einen besonders guten Grund hat Diogenes: Der Schweizer Verlag blickt auf 60 erfolgreiche Jahre zurück

Bei der Frankfurter Buchmesse wird nächste Woche wieder vieles gefeiert. Einen besonders guten Grund hat Diogenes: Der Schweizer Verlag blickt auf 60 erfolgreiche Jahre zurück

Am Anfang war ein Licht. Ein recht kleines zwar, ein Lämpchen nur. Aber daraus wurde einer der hellsten Sterne des Literaturhimmels. Der Schweizer Verlag Diogenes feiert bei der Frankfurter Buchmesse sein 60-jähriges Bestehen.

"Weil noch das Lämpchen glüht". So heißt der Band mit 99 "boshaften Zeichnungen von Ronald Searle", den Diogenes-Gründer Daniel Keel im Oktober 1952 als erstes Buch seines Ein-Mann-Verlages publizierte. In England waren Searle's "shocking" Cartoons bereits ein Renner - vor allem seine rabenschwarzen Geschichten aus der Mädchenschule St. Trinian, in der nach Herzenslust gesoffen, geraucht, intrigiert und gefeiert wurde.

Keel war 21, als ihn bei einem England-Trip die makaber-ironischen Bilder von Searle begeisterten. Zuvor hatte der junge Mann aus dem Ur-Schweizer Kanton Schwyz das Gymnasium geschmissen und eine Buchhändlerlehre absolviert. Nun jobbte er zum Broterwerb als Gehilfe in einer Zürcher Buchhandlung. Doch der umtriebige Keel wollte natürlich viel mehr, wie Daniel Kampa, langjähriges Mitglied der Diogenes-Geschäftsleitung, in einer Jubiläumsschrift berichtet: Mit drei Searle-Bänden in der Tasche bot Keel sich 17 Verlagen in Deutschland als Herausgeber an.

Alle winkten ab. Der starke Tobak aus London schien so gar nicht zum ächzenden und moralinsauren Nachkriegsdeutschland zu passen. Der Schwyzer gab nicht auf, sondern beschloss, selbst einen Verlag zu gründen. Keel borgte sich Geld und überzeugte die ehrwürdige Zürcher Agentur Mohrbooks, ihm die Rechte für einen Searle-Band im deutschsprachigen Markt zu besorgen.

Aus der Zeit stammt ein legendärer Satz der Verlagsgeschichte. Als Keel unvermittelt an die Tür von Mohrbooks klopfte, sagte Agentur-Gründer Lothar Mohrenwitz zu seinem Partner: "Da draußen ist ein Verrückter, gehen Sie mal zu dem, ich versteh das nicht."

Kaum weniger distanziert reagierte Erich Kästner, als Keel ihn um ein Vorwort für sein erstes Buch-Projekt bat. Überzeugen konnte er Friedrich Dürrenmatt. Ein Vorwort aus dessen Feder, so Keel ganz aufrichtig, würde "meinem jungen und zunächst noch zerbrechlichen Unternehmen einen handfesten Namen mitgeben". Das "Lämpchen" verkaufte sich bestens, beflügelt von lobenden Kritiken. Es erlosch nie, denn Keel achtete darauf, dass der Titel immer lieferbar blieb.

Spätestens als 1978 Dürrenmatts Gesamtwerk bei Diogenes herausgegeben wurde, war klar, dass Keel aus einem One-Man-Startup einen der wichtigsten deutschsprachigen Literatur-Verlage geschaffen hatte. Am Anfang "hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal Dürrenmatts 'richtiger' Verleger werden würde", berichtete er später.

Dabei hatte es recht lange gedauert, bis der Verlag schwarze Zahlen schrieb - und Keel auf Anzeigen wie diese verzichten konnte: "Wer nimmt in seinem Wagen gegen Benzinanteil Diogenes zur Frankfurter Buchmesse mit?" Großen Anteil hatten angelsächsische Autoren. Nicht zuletzt Patricia Highsmith und Eric Ambler. Mit ihnen machte Diogenes vor, dass sich Krimis auch dann gut verkaufen, wenn sie mit hohem literarischen Anspruch geschrieben wurden.

Der wohl wichtigste Helfer war Keels Freund aus Kindertagen Rudolf Bettschart. Er hatte in der Schule Matheaufgaben für Keel gelöst, der sich mit Aufsätzen revanchierte. Nachdem Bettschart 1954 die Buchhaltung übernommen hatte, konnte Keel sich ganz auf seine Leidenschaft konzentrieren - die Arbeit mit Autoren.

Am liebsten, so berichtet Kampa, seien dem Verleger "Gespräche mit seinen Autoren von Angesicht zu Angesicht, bei einem langen und guten Abendessen bei sich zu Hause, mit seiner Frau Anna als Gastgeberin" gewesen. Einer der ersten, die mit Diogenes zu Bestsellerautoren - und Erfolgsgaranten für den Verlag - wurden, war ein Deutscher: Vicco von Bülow alias Loriot. Den Durchbruch zum auch finanziellen Welterfolg schafften die Zürcher 1985 mit Patrick Süskinds "Das Parfum".

Bei Diogenes sammle man nicht Bücher, sondern Autoren, erklärte Keel gern. Das gilt immer noch. "Die Verbundenheit mit den Autorinnen und Autoren ist für Diogenes von besonderem Wert", bekräftigte Philipp Keel, der den Verlag nach dem Tod des Gründers im vergangenen Jahr übernahm.

Seinem Bekenntnis zum "Autoren-Sammeln" hatte Keel eine Frage hinzugefügt: "Haben wir die richtigen gesammelt? Ich glaube ja." Wie Recht er hatte, zeigt allein ein Blick auf die Riege der diesjährigen Diogenes-Autoren bei der Frankfurter Buchmesse. Unter ihnen Donna Leon, Ingrid Noll, Martin Suter und Jakob Arjouni.

Neben vielen anderen Schriftstellern vertrauen auch John Irving, Doris Dörrie, Martin Walker, Paulo Coelho und Bernhard Schlink ihre Werke Diogenes an. In mehr als 200 Millionen Exemplaren hat der Verlag bis heute mehr als 4000 Bücher von nahezu 800 Autoren herausgebracht. Für sie alle gilt der Satz von Voltaire, den Keel einst zum Verlagsmotto bestimmte: "Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige."

Thomas Burmeister, DPA/dpa

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