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Und morgen bringe ich ihn um!

Egal, ob der Chef ein Spinner ist oder ein Tyrann: Die Sekretärin muss alles ertragen - und das möglichst lächelnd. Eine, die seit 18 Jahren still leidet, hat nun ihre Erlebnisse aufgeschrieben. Ein Vorzimmer-Report über die letzte Bastion der Leibeigenschaft.

Von Ulrike Posche

Die Kunst ist, nicht zu verzweifeln. Nicht heimlich auf dem Klo zu heulen, nicht johanniskrautsüchtig zu werden, nicht in Schreckstarre zu verfallen oder gar bulimisch abzumagern.

So gelassen, wie eine afrikanische Rappenantilope den Madenhacker in ihrem Nacken erträgt, muss eine Sekretärin den Boss ertragen. Egal, ob der Vorgesetzte ein Spinner ist oder ein Tyrann. Ähnlich lässig, wie eine Seeanemone ihre Tentakel um den Clownfisch spielen lässt, muss die Sekretärin den Komiker hinter der ledergepolsterten Tür umtüdeln. Sie muss ihm Schutz geben vor den noch größeren Raubfischen auf der Marmoretage, muss Drucker reparieren, Gangplätze in vollen Fliegern buchen, vorauseilende Terminpläne einholen und ihrem Alphatierchen was zu essen bringen. Kekse, Bonbons, Mandarinen. Geschält natürlich.

Die Kunst einer Sekretärin besteht am Ende darin, die Symbiose mit dem Chef entspannt zu überleben. Am besten noch, ihn selbst entspannt zu überleben. Sogar dann, wenn sie eigentlich nicht einmal Symbiotikerin ist. Also geschaffen dafür, ganz eng mit einem völlig anders gearteten Lebewesen zusammenzuleben.

Eine, die das perfekt beherrscht, setzte sich neulich nach Feierabend hin und schrieb ein Buch über das diskreteste Gewerbe der Welt, über die Geringverdienerinnen auf der Vorstandsetage und über die eitlen Herren mit den Sonderwünschen. Katharina Münk, 42, hat es getan. Sie hat - wenn auch unter Pseudonym - einfach mal aufgeschrieben, wie Chefs so sind. Und sein können. Ihr Buch ist eine Art "Fegefeuer der Eitelkeiten" aus der Vorzimmerperspektive. Eine Top-Secret-Abrechnung mit dem Top-Management. Das nüchterne Fazit der Ostwestfälin Münk: "Je höher man kommt, desto schlimmer werden sie: neurotischer, bornierter, egozentrischer."

Sie muss es wissen. Katharina Münk stecken 18 Berufsjahre und neun Jobs als Sekretärin im Kostüm. Sie kann die Teppichmuster Frankfurter Vorstandsetagen noch im Schlaf malen. Sie hat manchen Top-Akteur Tag für Tag auf die Bühne oder in den Ring geschubst, dorthin, wo er zukunftsweisende Entscheidungen treffen musste. Sie hat den Kaffee reingetragen und den Keksteller von links serviert. So, wie sie es als approbierte "internationale Direktionsassistentin" mit 400 Anschlägen pro Minute und 160 Silben Steno in drei Sprachen gelernt hatte. Sie hat Choleriker, Neurotiker und Egomanen in Nadelstreifen erlebt und erlitten. Einmal richtete einer eine Pistole auf sie, einfach so. Kleiner Vorgesetztenspaß.

Der einzige Kelch, der an ihr vorübergegangen sei, sagt sie, sei die ganz plumpe Chefanmache. Es gebe in dieser Beziehung gerade im Mittelstand viele Kotzbrocken, räumt Frau Münk ein, "weil die da mehr Zeit haben". Nüchtern sind sie schüchtern, weiß die kluge Sekretärin, aber voll sind sie toll.

Der Chef und seine Sekretärin. Glaubt man der Autorin, so handelt es sich bei diesem Dienstverhältnis um eine der letzten Bastionen moderner Leibeigenschaft. Vom ersten Telefonlächeln am Morgen bis zum Servieren eines Käsebrotes am sehr späten Abend verkaufe sich die Sekretärin bis auf die Haut an ihren Chef-Menschen.

Seine Erfolgserlebnisse seien auch ihre. Seine Misserfolge blieben auch an ihr kleben. Sekretärinnen ziehen die Fäden im Hintergrund, sind rechte Hand, linke Hand, Frau für den Tag und manchmal für die Nacht, Coach, Punchingball, Hausdame und Animateur, Therapeutin, Statussymbol und beinharte Wächterin in Personalunion. Im besten Fall kommt sie so nah an die Entscheidungen des Managements heran, dass sie sich als Komplizin fühlen darf. Sekretärinnen übernehmen dabei, wenn es schiefgeht, allenfalls die Verantwortung für die Tippfehler. Chefs nehmen den Hut. "Wir entscheiden nicht mit, über welchen Betrag ein Geschäft abgeschlossen wird", schreibt Münk, "wir entscheiden darüber, in welcher Schriftpunktgröße die Summe im Vertrag stehen wird."

Die Sekretärin besorgt die Außenlichterkette für den Weihnachtsbaum im Vorgarten des Ferienhauses auf Captiva Island. Sie macht der Gattin einen Krampfaderverödungstermin beim besten Venenspezialisten der Stadt und prüft anschließend, ob die Krankenkasse nicht wenigstens die Kosten für den Kompressionsverband übernimmt. Sie macht Zustellbetten im Hotel de Russie in Rom möglich. Sie schickt den Fahrer los, um Schwimmflügel und Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 25 zu besorgen. "So manche Sekretärin würde davon träumen", schreibt Frau Münk, "wenn sie die Organisation des Privatlebens ihres Chefs als angemeldete und separat bezahlte Nebentätigkeit bezahlt bekäme."

Nach einer Studie der Unternehmensberatung Towers Perrin über Sekretärinnengehälter seien die meisten Unternehmen durchaus bereit, auf die Grundvergütung von bis zu 59 000 Euro Jahresgehalt noch etwas draufzulegen. "Goldstaub" nennt die Branche die flotte, verschwiegene, loyale Top-Kraft im Vorzimmer.

Manchmal ist die Frau

hinter dem PC ja auch die einzige Ansprechperson, die so ein einsamer Top-Manager am Tag um sich hat. Eigener Fahrstuhl, kein Kantinenessen, denn "Lunch is for losers" (Mittagessen ist was für Weicheier). Und wenn die anderen Jungs zusammen losfahren, muss er allein zum Chauffeur steigen - der Arme! Jedenfalls verbringt der CEO mit der Frau, die er eingestellt hat, eindeutig mehr Zeit als mit der, die er geheiratet hat. Die Form des Dialogs mit der Zweitfrau ähnelt in seiner Knappheit und Präzision deshalb gelegentlich den Ansagen in einem Kommandobunker.

In der Partnerschaft zwischen Chef und Sekretärin gibt es weder Beziehungsgespräche noch andere überflüssige Worte. Hier verschmölzen Chef und Sekretärin zum "großen Ganzen", glaubt Frau Münk, "sie werden zum Einzeller":

"Post?"
"Überschaubar."
"Seeler geschrieben?"
"Liegt obenauf."
"Sonst noch?"
"Arbeitsgruppe Steuern."
"Ohne mich. Jetzt Seeler."
"Okay. Stelle durch."
"Kaffee!"

Der Boss und seine Vorzimmerdame. Es gibt Fälle, da verstehen sich die beiden blind. Johanna Schrey, zum Beispiel, ist Ende 20, als sie bei der Batteriefirma Afa in Frankfurt anheuert. Weil deren Chef von Kindheit an sehbehindert ist, erstreckt sich ihr Job nach kurzer Zeit auf mehr als das Abtippen von Briefen. Johanna Schrey wird Vorleserin. Sie liest dem Industriellen aus der Zeitung vor, sie liest Geschäftsbriefe, Verträge. So lernt sie, wie die Firma funktioniert. Und sie lernt zu denken, wie Herbert Quandt denkt. Johanna ist 34, als sie von der Schreibkraft zur Gattin des Unternehmers wird.

Ein märchenhafter Aufstieg, das reinste Sekretärinnen-Aschenputtel. Denn während der Verlobungszeit übernimmt Quandt schnell die Bayerischen Motorenwerke. Und 22 Jahre später übernimmt dann Witwe Johanna. Die ehemalige Sekretärin steigt zu einer der reichsten Frauen der Welt auf. Ein Satz, der so nüchtern ist wie der Umstand, den er beschreibt. Denn bis heute lebt und wirkt die 80-jährige BMW-Erbin noch immer so, als stünde sie im Schatten ihres geliebten Chefs: diskret, bescheiden, effektiv. Allein im vergangenen Jahr betrug die Dividende, die ihr der geerbte BMWAnteil einfuhr, knappe 67 Millionen Euro. Doch so lautlos und verschwiegen wie bei den Quandts in Bad Homburg enden die Liebesgeschichten im Sekretariat nur selten.

Als der frühere Daimler-Chef Jürgen Schrempp im Jahr 1995 rotweinselig und - wie es hieß - "lautstark" am Fuße der Spanischen Treppe in Rom von Carabinieri aufgegriffen wurde, da war Lydia Deininger bei ihm, seine Assistentin. Man hätte etwas ahnen können. Und viele haben ja dann auch etwas geahnt. Aus der tüchtigen Sekretärin Deininger wurde jedenfalls ein paar Jahre später die mächtige Gattin Schrempp. Oder wurde in diesem Fall vielmehr aus der mächtigen Sekretärin die tüchtige Gattin?

Deininger war Jürgen Schrempp über Jahre auf jede Sprosse seiner Karriereleiter nachgeklommen. Sie saß stets in Sichtweite, bis sie irgendwann mit am Tisch des Herrn saß. Dass die "Chief of Staff", wie die Deininger offiziell im Organigramm hieß, so familiär mit dem Daimler-Chrysler-Vorstand war, fanden die Mitarbeiter in den oberen Rängen anfangs noch zum Klatschen. Früher hatte es in der Firma noch einen Kodex gegeben, der untersagte, dass Paare in derselben Abteilung arbeiteten. Doch der war lange außer Kraft. Dass man an Schrempps "Hexle" im Vorzimmer, wie die Deininger inoffiziell genannt wurde, nicht vorbeikam, hat die anderen Raubfische auf der Glasetage irgendwann natürlich richtig verbiestert. "Stürzte er wegen seiner Frau?", fragten die Zeitungen deshalb besorgt, als Schrempp im Jahr 2005 den Hut nehmen musste.

Ja, auch das muss gesagt werden: Topsekretärinnen sind selten Masochistinnen. Vorzimmerdamen haben Macht, und das wissen sie. Sie genießen sie still und meistens gut gekühlt. Eine Sekretärin kann süß tun wie eine Honigschleuder und den Chef zugleich mit einem einzigen Telefonsätzchen vernichten: "Nein, tut mir leid, unser Bernie ist im Urlaub." Sie kann beschützen oder fallen lassen. Sie kann sagen: "Er ist gerade nicht am Platz." Sie kann morgens um zehn aber auch sagen: "Keine Ahnung, wo der Schrödinger schon wieder steckt, hier ist er heute jedenfalls noch nicht aufgetaucht."

Zwei VW-Sekretärinnen haben auf dem Siedepunkt der VW-Affäre offenbar keinen Grund mehr gesehen, länger zu schweigen. Detailreich schilderten sie dem Staatsanwalt in Braunschweig, wie sie ihrem Chef beim Reisenbuchen und beim Organisieren von Rotlichtpartys zur Hand gehen mussten. Der elegant aussehende Ex-Personalvorstand Peter Hartz habe dabei von alldem gewusst, gestanden die Sekretärinnen. Eine von beiden gab sogar an, vorher den Champagner kalt gestellt zu haben, wenn sich Hartz in einer eigens dafür angemieteten Wohnung mit einer Prostituierten hatte treffen wollen. "VW-Sekretärinnen belasten Hartz", hieß das in den Nachrichten.

Es soll Chefs geben, die aus Furcht vor ihrer Sekretärin den Job gewechselt haben. Es soll doppelt besetzte Vorzimmer geben, die der fürchterlichen Meerenge ähneln, die Odysseus passieren musste - links Skylla, rechts Charybdis. Sekretärinnen-Ungeheuer und Vorstandsdrachen, die dem Neuen und seiner Abteilung gleich am ersten Tag bedeuten: "Kaffeekochen geht übrigens gar nicht." Sie würden niemals das Telefonat mit der Freundin beenden, wenn der Chef mit einer Frage aufkreuzt. Vorzimmer dieser Art laufen betriebsintern meist unter der Bezeichnung "Bündnis gegen Arbeit".

Kenner unterscheiden zwei Arten von Sekretärinnen, schreibt Katharina Münk: "Die mit den weißen BHs unter schwarzen Blusen und die mit den schwarzen BHs unter weißen Blusen." Bei Letzteren gilt auch die Faustregel: je kürzer der Rock, umso weniger Arbeit auf dem Tisch. Es gibt Sekretärinnen, die sitzen auf Pezzibällen, Sitzschalen und anderen orthopädischen Untersetzern, die sie in eine kniende Position zwingen. Es gibt Sekretärinnen, die haben gerade mal den Füllerführerschein und sonst nichts. Und es gibt Sekretärinnen, die das Image des Chefs heben. Manche wegen ihrer scharfen Kostüme und ihrer Unerfahrenheit, andere wegen der Kostüme und der Erfahrung.

Gerhard Schröder entschied sich, als er 1998 Kanzler wurde, für die mit der Erfahrung. Elf Jahre lang hatte Marianne Duden einst Helmut Schmidt das Vorzimmer geführt, dann musste sie den Schreibtisch im Kanzleramt für Juliane Weber räumen. Die Weber stellte kleine Elefanten auf, die sie von ihren Dienstreisen mit dem Chef nach Hause gebracht hatte. 16 Jahre lang führten nun alle Wege zu Kanzler Kohl an ihr und ihren Dickhäutern vorbei.

Jene Jahre verbrachte Marianne Duden in einem Bonner Bundeshausbüro. Dann gewann Schröder die Wahl. Und Marianne Duden gewann ihren alten Schreibtisch zurück. Der neue SPD-Kanzler übernahm die Sekretärin des vorigen SPD-Kanzlers - welch schönes Signal! Und wer aus der Schröder-Entourage hätte auch sonst gewusst, wie man sich mit dem Weißen Haus verbinden lässt oder mit dem Kreml? Nach 16 Jahren räumte Juliane Weber ihre Elefanten also wieder ab und übergab den mächtigsten Schreibtisch der Republik zurück an die Vorgängerin.

Marianne Duden, inzwischen 59 Jahre alt, führt noch immer Schröders Sekretariat. Es liegt jetzt Unter den Linden, Hausnummer 50. Wahrscheinlich verbindet sie ihn heute öfter mit dem Kreml als mit dem Weißen Haus. Aber reden würde die Chefsekretärin Duden darüber selbstverständlich niemals.

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