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12. August 2006, 08:42 Uhr

Und morgen bringe ich ihn um!

Egal, ob der Chef ein Spinner ist oder ein Tyrann: Die Sekretärin muss alles ertragen - und das möglichst lächelnd. Eine, die seit 18 Jahren still leidet, hat nun ihre Erlebnisse aufgeschrieben. Ein Vorzimmer-Report über die letzte Bastion der Leibeigenschaft. Von Ulrike Posche

© Felix Reidenbach

Die Kunst ist, nicht zu verzweifeln. Nicht heimlich auf dem Klo zu heulen, nicht johanniskrautsüchtig zu werden, nicht in Schreckstarre zu verfallen oder gar bulimisch abzumagern.

So gelassen, wie eine afrikanische Rappenantilope den Madenhacker in ihrem Nacken erträgt, muss eine Sekretärin den Boss ertragen. Egal, ob der Vorgesetzte ein Spinner ist oder ein Tyrann. Ähnlich lässig, wie eine Seeanemone ihre Tentakel um den Clownfisch spielen lässt, muss die Sekretärin den Komiker hinter der ledergepolsterten Tür umtüdeln. Sie muss ihm Schutz geben vor den noch größeren Raubfischen auf der Marmoretage, muss Drucker reparieren, Gangplätze in vollen Fliegern buchen, vorauseilende Terminpläne einholen und ihrem Alphatierchen was zu essen bringen. Kekse, Bonbons, Mandarinen. Geschält natürlich.

Die Kunst einer Sekretärin besteht am Ende darin, die Symbiose mit dem Chef entspannt zu überleben. Am besten noch, ihn selbst entspannt zu überleben. Sogar dann, wenn sie eigentlich nicht einmal Symbiotikerin ist. Also geschaffen dafür, ganz eng mit einem völlig anders gearteten Lebewesen zusammenzuleben.

Ex-Daimler-Chef Jürgen Schrempp verliebte sich in seine Assistentin Lydia Deininger© Thomas Geiger

Eine, die das perfekt beherrscht, setzte sich neulich nach Feierabend hin und schrieb ein Buch über das diskreteste Gewerbe der Welt, über die Geringverdienerinnen auf der Vorstandsetage und über die eitlen Herren mit den Sonderwünschen. Katharina Münk, 42, hat es getan. Sie hat - wenn auch unter Pseudonym - einfach mal aufgeschrieben, wie Chefs so sind. Und sein können. Ihr Buch ist eine Art "Fegefeuer der Eitelkeiten" aus der Vorzimmerperspektive. Eine Top-Secret-Abrechnung mit dem Top-Management. Das nüchterne Fazit der Ostwestfälin Münk: "Je höher man kommt, desto schlimmer werden sie: neurotischer, bornierter, egozentrischer."

Sie muss es wissen. Katharina Münk stecken 18 Berufsjahre und neun Jobs als Sekretärin im Kostüm. Sie kann die Teppichmuster Frankfurter Vorstandsetagen noch im Schlaf malen. Sie hat manchen Top-Akteur Tag für Tag auf die Bühne oder in den Ring geschubst, dorthin, wo er zukunftsweisende Entscheidungen treffen musste. Sie hat den Kaffee reingetragen und den Keksteller von links serviert. So, wie sie es als approbierte "internationale Direktionsassistentin" mit 400 Anschlägen pro Minute und 160 Silben Steno in drei Sprachen gelernt hatte. Sie hat Choleriker, Neurotiker und Egomanen in Nadelstreifen erlebt und erlitten. Einmal richtete einer eine Pistole auf sie, einfach so. Kleiner Vorgesetztenspaß.

Der einzige Kelch, der an ihr vorübergegangen sei, sagt sie, sei die ganz plumpe Chefanmache. Es gebe in dieser Beziehung gerade im Mittelstand viele Kotzbrocken, räumt Frau Münk ein, "weil die da mehr Zeit haben". Nüchtern sind sie schüchtern, weiß die kluge Sekretärin, aber voll sind sie toll.

Der Chef und seine Sekretärin. Glaubt man der Autorin, so handelt es sich bei diesem Dienstverhältnis um eine der letzten Bastionen moderner Leibeigenschaft. Vom ersten Telefonlächeln am Morgen bis zum Servieren eines Käsebrotes am sehr späten Abend verkaufe sich die Sekretärin bis auf die Haut an ihren Chef-Menschen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 31/2006

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