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Vom Manager zum Krimiautor

Wolfgang Schorlau war IT-Manager, bevor er mit Ende 40 seinen Job aufgab und Schriftsteller wurde. Inzwischen ist er Bestsellerautor und gerade mit dem Stuttgarter Krimipreis ausgezeichnet worden.

Von Kerstin Herrnkind

Wolfgang Schorlau in seiner Stuttgarter Wohnung

Wolfgang Schorlau in seiner Stuttgarter Wohnung

Seine Mutter ahnte Böses. Am Türrahmen der Waschküche gelehnt, beobachtete sie ihren jüngsten Sohn Wolfgang beim Spielen. Der Junge saß auf einer Holztruhe und legte bunte Knöpfe auf den Deckel: einen Hemdknopf für den Kompass, einen Mantelknopf für die Borduhr. Als Steuerknüppel diente ihm eine Wäscheklammer, die in die Mitte kam.

Wolfgang Schorlau war weit weg. Nicht bei seiner Mutter in der Waschküche des alten mit Lehm verputzten Hauses am Ufer der Nahe in Idar-Oberstein. Er saß im Düsenjet und flog nach Afrika. "Ich war ein absolut verträumtes Kind, immer auf Fantasiereise. Meine Mutter hatte große Angst, dass ich lebensuntüchtig werden würde."

Wolfgang Schorlau, 62, sitzt im Wintergarten seiner Stuttgarter Wohnung. Altbau, hohe Decken, leise knarzendes Parkett. In der Ecke, vor der Fensterfront, steht ein Schreibtisch aus dunklem Holz mit gedrechselten Beinen. Gründerzeit, wahrscheinlich. Auf dem Tisch glänzt matt sein schmales Laptop aus Aluminium - ein Apple Air.

Ein echter Spätzünder

Hier also ermittelt Schorlau gemeinsam mit seinem Romanhelden Georg Dengler, einem ehemaligen BKA-Beamten, der sich als Privatdetektiv selbstständig gemacht hat. Schorlaus neuester Roman "Am zwölften Tag", in dem er Dengler auf die skrupellose Fleischindustrie ansetzt, stand wochenlang auf der Bestsellerliste und ist kürzlich mit dem Stuttgarter Krimipreis ausgezeichnet worden.

Dabei ist Schorlau als Autor ein echter Spätzünder. Erst mit Ende 40, vor zwölf Jahren, gab der Programmierer seinen Job als Manager auf, weil er einen Krimi schreiben wollte. Freunde, Bekannte, Kollegen und auch seine Mutter, die so froh gewesen war, dass aus ihrem Träumer, "doch noch etwas Anständiges" geworden war, reagierten entsetzt. "Du spinnst doch", bekam Wolfgang Schorlau damals oft zu hören. Doch dazu später.

Nüchtern, so als rede er über das Schicksal eines Fremden, erzählt Schorlau erst mal weiter von seiner Kindheit. Sein Vater, ein Eisenbahner, starb an einer bösartigen Form der Multiplen Sklerose, als er acht Jahre alt war. "Erstaunlicherweise habe ich kaum eine Erinnerung an ihn." Seine Mutter war mit beiden Jungen überfordert. Und als ihr verträumter Sohn Wolfgang auch noch anfing, die Schule zu schwänzen, steckte seine Mutter ihn mit elf Jahren nach Freiburg in den Waisenhort der Bundesbahn.

"Wir schliefen mit 16 Jungen in einem Saal, hatten eine Erzieherin, die völlig überfordert war, ansonsten waren wir mehr oder minder auf uns selbst gestellt." Schorlau nestelt am Bügel seiner schwarzen Hornbrille, redet weiter im Stakkato. "Keine Schläge, kein Missbrauch." Der Schriftsteller streicht sich das kinnlange Haar hinters Ohr. "Die Jahre gehören nicht zu den besten meines Lebens", sagt er dann in einem Ton, der verrät, dass er nun doch gerne das Thema wechseln würde.

Azubi der Weltrevolution

Wer es genauer wissen will, muss seinen autobiografischen Roman "Rebellen" lesen. "Sechs Wochen lang war Paul im Rechenunterricht verschwunden. Er übte drei Tage, bis er die Unterschrift der Mutter konnte. Dann schrieb er sich selbst Entschuldigungen. Es flog auf. Die Mutter kam mit gesenktem Kopf in die Schule. Paul, Paul, ich muss doch arbeiten, und du machst mir immer nur Sorgen. Am Abend lag er in dem großen Schlafsaal, und Heimweh quälte ihn." Um sich vom Kummer abzulenken, fing Wolfgang Schorlau im Heim an zu schreiben. "Mit einem Kumpel dachte ich mir Westerngeschichten aus, die wir in Schönschrift in Schulhefte schrieben und für drei Pfennig pro Heft und Woche verliehen." Auf den Gedanken, Journalist oder Schriftsteller zu werden, kam Schorlau allerdings nicht: "Ich hatte zwei linke Hände. Ein Handwerk kam nicht infrage, also wurde ich Kaufmann." Mit 15, nach der Volksschule, ging er bei einem Elektrogroßhändler in die Lehre.

Als er im zweiten Ausbildungsjahr war, erhöhte der Freiburger Gemeinderat die Fahrpreise um satte 40 Prozent. Statt in der Berufsschule die Grundsätze kaufmännischer Buchführung zu lernen, verteilte der Azubi mit den Studenten Flugblätter in der Freiburger Innenstadt. "Ich las Marx und wurde Azubi der Weltrevolution. Drei Monate vor der Gesellenprüfung flog ich aus der Lehre." Schorlau grinst, als gebe er einen dreisten Jugendstreich zum Besten. "Meine Mitlehrlinge gingen zum Chef und überredeten ihn, dass ich wenigstens die Prüfung antreten durfte. Ohne sie wäre ich geflogen. Nur mit Ach und Krach schaffte ich die Prüfung."

Danach zog Schorlau nach Westberlin, holte das Begabtenabitur nach. Politisiert durch die 68er, wollte er Soziologie studieren. Doch schon in der ersten Vorlesung - Marx und Engels standen auf dem Lehrplan - überlegte er es sich anders. "'Engels war doch Fabrikantensohn, warum kümmerte er sich um die Arbeiter', wollten die Studenten vom Professor wissen. Da wusste ich, dass ich mir das nicht antun wollte", erzählt Schorlau. "Ich hätte mich zu Tode gelangweilt."

Programmieren statt studieren

Statt Soziologie zu studieren, ließ er sich bei Nixdorf zum Programmierer ausbilden. Auf der Cebit in Hannover traf Wolfgang Schorlau Ende der 80er Jahre den Manager Detlev Karsten Rohwedder. Die Männer wechselten ein paar freundliche Floskeln. Kurz darauf, im Juli 1990, wurde Rohwedder zum Chef der Treuhandanstalt bestellt. Er sollte die volkseigenen DDR-Betriebe privatisieren. Kein Jahr später, Anfang April 1991, wurde er erschossen. Zu dem Anschlag bekannte sich das RAF-Kommando "Ulrich Wessel". "Natürlich war ich geschockt", erzählt Schorlau. "Doch ich hatte keine Ahnung, wie sehr mich dieser Mord Jahre später beschäftigen sollte."

Er lebte damals in Ludwigsburg bei Stuttgart, eine Hochburg der Computerindustrie, und hatte sich mit einer Softwarefima selbstständig gemacht. Zusammen mit einer Kollegin schrieb Schorlau Mitte der 90er Jahre sein erstes Buch, das allerdings mit einem Krimi so viel gemein hatte wie Baldrian und Ecstasy. "Der PC im galvanischen Betrieb", hieß der Leitfaden, der bei einem kleinen Fachbuchverlag herauskam. Auch sein zweites Buch, ein Bildband über Bluesmusiker in Chicago ("Down at Theresa's"), der im Jahr 2000 erschien, war nicht wirklich fürs Massenpublikum gedacht.

In einer durchzechten Nacht brachte ein Bekannter Wolfgang Schorlau auf die Idee für einen Roman. Er erzählte ihm vom Schicksal des Ökonomie-Professors Clemens August Andreae, der 1991 beim Absturz der Lauda Air ums Leben gekommen war. "Rohwedder und Andreae haben sich getroffen", behauptet Schorlau. "Rohwedder wollte die Ostbetriebe erst sanieren, dann privatisieren. Und auch Andreaes Credo lautete: 'Arbeitereigentum ist besser als Unternehmereigentum.'" Schorlau trinkt einen Schluck schwarzen Tee, setzt die weiße Tasse ab. Dann sagt er: "Beide Männer sind innerhalb von sechs Wochen gestorben. Wenn sie überlebt hätten, wäre die Privatisierung der Ostbetriebe vielleicht ganz anders vonstatten gegangen und der Ausverkauf des Ostens verhindert worden."

20.000 Mark Startgeld

Eine steile These, wie gemacht für einen Polit-Thriller. Nach Feierabend setzte sich Schorlau an den Schreibtisch, erfand Georg Dengler, den ein mysteriöser Auftrag dazu bringt, sich noch einmal mit dem Schicksal von Rohwedder und Andreae zu beschäftigen. "Doch es war schwer, sich neben der Arbeit auf das Schreiben zu konzentrieren", erzählt Schorlau.

Er tat etwas, das man wohl, auch auf die Gefahr hin, eine abgedroschene Phrase zu verwenden, einen Sprung ins kalte Wasser nennen kann. Mit fast 50 Jahren und 20.000 Mark auf dem Konto zog er sich aus seiner Firma zurück, um Schriftsteller zu werden. "Mein Geschäftspartner sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Aber ich war absolut überzeugt von meiner Geschichte, also habe ich alles auf eine Karte gesetzt."

Über eine Literaturagentin, die er in einem Fernsehbeitrag gesehen hatte, schickte Wolfgang Schorlau sein Exposée an den Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch. Die Verlagsleute fanden den Plot zwar interessant, wollten allerdings erst mal 100 geschriebene Seiten sehen. Der Autor in spe pokerte. "Ich habe den Lektor auf 40 Seiten runtergehandelt." Nachdem er die Seiten abgeliefert hatte, bekam Schorlau den ersehnten Verlagsvertrag.

Es folgten zwei schwere Jahre, denn die Ersparnisse waren schnell aufgebraucht. "Ich lebte auf Pump und am Rande des Existenzminimums, hatte zwölf Freunde, die mir immer wieder unter die Arme griffen, wenn es eng wurde. Manchmal wachte ich nachts schweißgebadet auf."

"Es ist nur eine Geschichte, aber vielleicht war es so"

2003 erschien "Die blaue Liste". Eine Verschwörungsgeschichte, die den Mord an Rohwedder und das Schicksal Andreaes in einem anderen Licht erscheinen lässt. "Wenn Polizei, Justiz und Polizei versagt haben, muss es den Geschichtenerzählern erlaubt sein zu sagen: Es ist nur eine Geschichte, aber vielleicht war es so", heißt es im Nachwort.

Trotz guter Kritiken drohte das Buch ein Flop zu werden. "Ich rief jeden Tag im Verlag an, doch die Leser wollten halt für einen Newcomer keine 20 Euro ausgeben." Erst als der Verlag "Die blaue Liste" als Taschenbuch herausgab, verkaufte sich der Roman besser. Vom Bestseller war der Krimi weit entfernt.

Doch Schorlau konnte sich nichts anderes mehr vorstellen als Schriftsteller zu sein und schrieb schon an seinem zweiten Roman. Wieder suchte er sich ein zeitgeschichtliches Thema: Die Lynchmorde an alliierten Fliegern während des Zweiten Weltkriegs. Es gibt 225 erwiesene Fälle von Piloten, die ihren Abschuss überlebten und von Nazi-Schergen, Polizisten oder der gemeinen Bevölkerung ermordet wurden. Schorlau ließ Dengler einen Erbschaftsstreit ermitteln, in dem diese Lynchmorde eine Rolle spielen, und gewann mit seinem zweiten Krimi "Dunkles Schweigen" 2006 den Deutschen Krimipreis. Es war sein Durchbruch als Autor.

Inzwischen hat Wolfgang Schorlau sieben Dengler-Krimis geschrieben und rund 750.000 Bücher verkauft. Ein neuer ist in Arbeit. Seine Polit-Thriller würden den Lesern "die Augen öffnen", sagte Julia Schröder jüngst in ihrer Laudatio bei der Preisverleihung des Stuttgarter Krimipreises. Schorlaus Mutter, inzwischen über 90, wird das gefreut haben. "Wenn ich in meiner Heimat in Idar-Oberstein lese, sitzt sie immer in der ersten Reihe", schmunzelt der Schriftsteller. "Heute ist sie sehr stolz auf mich und meine Träumereien."

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