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"Mit Frauen an der Macht hätten wir mehr Frieden"

Er scherzt, gibt Ratschläge, hält Händchen - und bringt mit einer Frage eine Reporterin zum Erröten. Der stern traf den Dalai Lama in Hamburg.

Von Sarah Stendel

  Der Dalai Lama sieht die Welt mit Humor: Das geistige Oberhaupt der Tibeter war auch beim Pressegespräch in Hamburg zu Scherzen aufgelegt.

Der Dalai Lama sieht die Welt mit Humor: Das geistige Oberhaupt der Tibeter war auch beim Pressegespräch in Hamburg zu Scherzen aufgelegt.

Das Gespräch mit dem Dalai Lama dauert gerade eine halbe Stunde, da bringt das geistige Oberhaupt der Tibeter ungewollt eine Reporterin in Verlegenheit. "Wie nennt man das?", fragt er seinen Übersetzer und deutet auf die Oberweite einer jungen Journalisten-Kollegin, die rot anläuft. Nachdem ihm mit dem englischen Wort auf die Sprünge geholfen wird, folgt der Satz: "Brüste sind nicht zur Dekoration da." Großes Gelächter am Tisch, auch der Dalai Lama gluckst. Es ist der letzte Tag seines Hamburg-Besuchs, und der Buddhist hat sich Zeit für ein Pressegespräch genommen. Gerade geht es um die Frage, ob die Welt mit mehr Frauen in Führungspositionen eine bessere wäre.

"Ich glaube fest daran, dass das existierende Bildungs-Modell nicht genügt. Es basiert zu sehr auf materiellen Dingen und zu wenig auf inneren Werten", sagt der Dalai Lama. "Wir müssen einen Weg finden, auch ohne Religion Werte wie Mitgefühl, Vergebung und Liebe zu erlernen. Und dafür bringen Frauen mehr Potenzial mit sich." Dann führt er eine Studie an, die belegt habe, dass Frauen stärkere emotionale Reaktionen auf das Leid anderer zeigen als Männer. "Schlechte Mütter sind sehr selten, weil sie das Kind neun Monate lang austragen. Biologisch gesehen sind Frauen also sensibler für andere. Ich glaube deshalb, dass wir mehr Frieden haben könnten, wenn mehr Frauen an der Macht wären."

Der Dalai Lama über Smartphones

Es ist eines der vielen Talente des Dalai Lamas, dass er es immer wieder schafft, mit Humor auf das Geschehen um sich herum zu reagieren. In Hamburg sprach der 79-Jährige vier Tage lang über Werte wie Mitgefühl, Toleranz, Vergebung und Gewaltlosigkeit. Bis zu 7000 Zuschauer strömten jeden Tag ins Congress Centrum, um ihn reden zu hören - auf Tibetisch mit Übersetzer oder in gebrochenem Englisch. Doch der Friedensnobelpreisträger überwindet jede Sprachgrenze, sein Lachen ist ansteckend, seine Mimik und Gestik sind eindringlich. Sechs Monate im Jahr ist er auf Reisen, er weiß, wie er die Menschen erreicht.

Seit einigen Jahren ist seine Heiligkeit sogar auf Twitter und Instagram zu finden - allerdings hängt er dafür nicht persönlich am Smartphone. "Ich kenne mich mit dem Internet nicht aus. Aber diese Dinge sind sehr hilfreich und nützlich. Wir sollten jedoch nur die Benutzer der Technik sein – und nicht ihr Sklave. Manche junge Leute verlieren sich darin. Aber Information allein macht noch keine Bildung. Man muss selbst analysieren und mehr nachdenken. Wir dürfen uns nicht auf Technik verlassen."

  stern-Redakteurin Sarah Stendel traf den Dalai Lama in Hamburg.

stern-Redakteurin Sarah Stendel traf den Dalai Lama in Hamburg.

Worüber er trotz seines Alters nicht nachdenkt: sein Ableben. Erst mit 90 wolle er sich Gedanken über eine eventuelle Nachfolge und die Zukunft Tibets machen. "Die Tibetfrage hängt nicht von einer einzigen Person ab. Die tibetische Zivilisation ist sehr alt, 40.000 Jahre alt, und reich an Kultur, Sprache und Schrifttum. Diese sind von großer Bedeutung für die Stiftung von Identität und den tibetischen Buddhismus", ist er sich sicher. Trotzdem hofft er auf Unterstützung aus dem Westen: "Wenn Vertreter der freien Welt in China deutlich über Menschenrechte sprechen, wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer Chinareise getan hat, kann das helfen."

Der Dalai Lama lebt seit seiner Flucht 1959 aus dem von China besetzten Tibet in Indien, wo er eine Exilregierung gegründet hat. 2011 gab er seine Funktion als politischer Regierungschef auf und ist seitdem nur noch als geistiges Oberhaupt tätig. Er wurde im Alter von zwei Jahren als Reinkarnation seines Vorgängers erkannt und zum 14. Dalai Lama berufen.

Die junge Reporterin nimmt er übrigens herzlich bei der Hand, als er ihre Verlegenheit bemerkt. "Ihr dürft mich nicht als etwas Besonderes ansehen, ich bin nur ein Mensch wie wir alle. Sogar Buddha hat eine Mutter - er ist nicht vom Himmel gefallen", sagt er. Dann lacht er wieder sein ansteckendes Lachen.

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