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Der Hass gegen Flüchtlinge auf dem Land

Ein Dorf in Niedersachsen soll 53 Flüchtlinge aufnehmen. Zu viel, finden die Bewohner. Der Film "Willkommen auf Deutsch" zeigt, wie der Hass der deutschen Mittelschicht Asylbewerbern entgegen schlägt.

Von Lisa-Marie Eckardt

  Protest der Bürgerinitiative Appel gegen Aslybewerber

Protest der Bürgerinitiative Appel gegen Aslybewerber

Auf den ersten Blick ist es eine Idylle wie aus dem Bilderbuch: Rote Backsteinhäuser leuchten in der Abendsonne, umgeben von Wald und Wiesen. "Das ist hier das noch beschauliche Dorf Appel", stellt Hartmut Prahm seinen Heimatort vor. Dabei betont er das Wort "noch". Denn hinter den gepflegten Gartenzäunchen brodelt es gewaltig. Die kleine Gemeinde im niedersächsischen Landkreis Harburg soll 53 Asylbewerber aufnehmen. Doch ein Großteil der Dorfbewohner will das nicht akzeptieren und setzt sich zur Wehr. Mit einer Bürgerinitiative wollen Prahm und seine Mitstreiter die Unterbringung der Flüchtlinge in "ihrem" Dorf verhindern.

In Deutschland haben allein im vergangenen Jahr rund 200.000 Menschen einen Antrag auf Asyl gestellt. Doch was passiert, wenn vom Krieg traumatisierte Flüchtlinge auf die gut situierte deutsche Mittelschicht treffen? Dieser Frage sind die Regisseure Carsten Rau und Hauke Wendler ("Wadim") in ihrem Dokumentarfilm "Willkommen auf Deutsch" nachgegangen, der seit 12. März in den Kinos läuft.

Flüchtlinge in der westdeutschen Mittelschicht

"Wir haben festgestellt, dass die Berichterstattung zu diesem Thema oft einseitig ist", sagte Wendler in einem Interview mit der Zeit. "Entweder sie konzentriert sich auf kleine, urbane Räume oder auf ländliche Gegenden im Osten, in denen die NPD besonders stark ist. Dem wollten wir ein Stück Normalität entgegensetzen und uns anschauen, wie mit Flüchtlingen in der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft umgegangen wird."

Ein Jahr lang haben sie in den norddeutschen Orten Appel und Tespe südlich von Hamburg Flüchtlinge, Anwohner und Mitarbeiter der Harburger Kreisverwaltung begleitet. Der Film lässt die Beteiligten mit ihren Ängsten, Vorbehalten und Hoffnungen zu Wort kommen. Auf Kommentare aus dem Off haben die Macher bewusst verzichtet. Der Zuschauer soll sich selbst ein Urteil bilden können.

"Gewisse männliche Bedürfnisse"

Prahms Bürgerinitiative will verhindern, dass die ehemalige Seniorenwohnanlage zu einem Asylbewerberheim umgebaut wird. Ihre Angst, 53 Flüchtlinge könnten einfach zu viel für den kleinen Ort sein, mag zunächst noch nachvollziehbar erscheinen.

Schockierend wirkt dann aber der zum Teil krasse Alltagsrassismus mit dem sie ihre Abwehrhaltung begründen: Die Flüchtlinge würden ein gewisses "Potential" mitbringen, glauben die Unterstützer der Bürgerinitiative Die Dorfbewohner seien besorgt um die eigenen Töchter, da Asylbewerber ja "gewisse männliche Bedürfnisse" hätten.

"Es gibt Tage, an denen haben wir nur Angst"

Hoffnung macht hingegen die ehrenamtliche Hilfe von Ingeborg Neupert, die sich um eine siebenköpfige Familie aus Tschetschenien kümmert. "Was sind das hier für harte Menschen?", fragt sich die 80-Jährige. Sie ist entsetzt darüber, was die Familie nach ihrer Flucht nun in Deutschand durchmachen muss.

"Wir möchten ein Zuhause haben", erklärt die 21-jährige Larisa. Wie es mit ihrer Familie weitergehe, sei völlig offen. "Jeden Morgen stehen wir auf und wissen nicht, was kommt." Sie seien zwar dankbar, in Deutschland Zuflucht gefunden und eine Wohnung bekommen zu haben. Aber "es gibt Tage, an denen haben wir nur Angst". Zu der Angst vor ihrer Abschiebung kommt die Angst vor den Anfeindungen der Nachbarn.

Als die Mutter mit einem Nervenzusammenbruch ins Krankenhaus kommt, übernimmt Larissa die Verantwortung für ihre fünf kleinen Brüder. Dann bekommt sie einen Bescheid, dass sie als einzige aus ihrer Familie nach Polen abgeschoben werden soll.

Asylrecht braucht Reformen

Wie schwer es ist, Menschen aufzunehmen, die innerhalb kürzester Zeit des Landes verwiesen werden können, weiß Fachbereichsleiter Reiner Kaminski. Er kämpft mit allen Mitteln dafür, die zahlreichen Flüchtlinge in seinem Landkreis unterzubringen. Im Film macht er deutlich, "dass unser Ausländerrecht einer umfassenden Reform bedarf".

In Appel versuchen die Bürger mit allen juristischen Mitteln, das das Asylbewerberheim zu verhindern. Am Ende nähern sich Dorfbewohner und Flüchtlinge aber doch zaghaft an - Appel gibt elf von ihnen eine neue Heimat.

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