Startseite

Kirchengeschichte als opulentes Popcorn-Kino

Ein Millionenbestseller kommt ins Kino: Sönke Wortmann hat "Die Päpstin" verfilmt. Der opulente Streifen startet nun im Kino und gehört zu den teuersten Produktionen der deutschen Filmgeschichte.

Von Georg Fahrion

Schicksalsergeben kniet die junge Braut vor dem Traualtar. Den dümmlich dreinblickenden Sohn des Schmieds soll sie heiraten - ausgerechnet sie, Johanna von Ingelheim, eine Ausgeburt an Wissensdurst und Scharfsinn, die sich nach nichts mehr verzehrt als dem Studium und dem Dienst an der Menschheit. Doch just in diesem Moment bricht der Normannensturm durch die Kirchentüren, schlägt dem Bischof den Kopf ab, zerschlitzt Mönchsbäuche, massakriert die Gemeinde - und eröffnet so der überlebenden Frau die Möglichkeit, als Mann getarnt ihren Weg fortzusetzen. Er wird sie über das Fuldaer Benediktinerkloster nach Rom und bis auf den Papstthron führen.

Reich an Wendungen ist die Geschichte der Johanna aus Donna W. Cross' Millionenbestseller "Die Päpstin". Mindestens ebenso wendungsreich verlief die Entstehungsgeschichte des Films, den "Sommermärchen"-Regisseur Sönke Wortmann daraus gemacht hat und der am Donnerstag in den Kinos anläuft.

Franka Potente zuerst im Gespräch als Päpstin

Geschlagene sieben Jahre hatte sein Kollege Volker Schlöndorff bereits an dem Projekt geschraubt. Franka Potente stand als Hauptdarstellerin bereit, Teile der Kulissen waren in Bulgarien errichtet worden. Doch nach einem Zwist feuerte die Produktionsfirma Constantin Film Schlöndorff im Sommer 2007 und ersetzte ihn durch Wortmann. Der schrieb ein neues Drehbuch und engagierte Johanna Wokalek ("Der Baader Meinhof Komplex", "Nordwand") für die Rolle der Päpstin. Die Dreharbeiten fanden in Sachsen-Anhalt, der Eifel und Marokko statt.

Derartige Mühen sollen sich lohnen, und so hat Constantin enorme Summen in das Projekt geblasen. Von über 20 Millionen Euro ist die Rede, was "Die Päpstin" zu einer der teuersten deutschen Produktionen überhaupt macht. Das sieht man dem Film an: Die dicken Mauern der Burg Querfurt bei Halle und das Rom-Set im marokkanischen Ouarzazate sind spektakuläre Kulissen. Auch 3000 Kostüme, hunderte Komparsen und Pferde belegen, dass der Regisseur reichlich Zaster in die Hand nehmen durfte.

Wortmann zeigt das 9. Jahrhundert als unappetitliche Zeitspanne: Die Menschen tragen fleckige Lumpen, auf Gesichtern wuchert Ausschlag, unter den Fingernägeln klebt der Schmutz. Schweine suhlen sich in Schlamm, Ratten huschen durch die schäbigen Behausungen. Selbst Rom ist außerhalb der Vatikansmauern ein verfallenes Drecksloch. Optisch ist der Film eine Wucht.

Johanna Wokalek spielt fabelhaft

Auch die Hauptdarstellerin Johanna Wokalek spielt erwartungsgemäß fabelhaft. Ein kurzer Blick genügt ihr, um Verzweiflung oder Glück auszudrücken. Ihr Johannes Anglicus - Johanna von Ingelheims' männliches Alter Ego - gerät allerdings trotz Tonsur und abgebundener Brust so feminin, dass man sich fragt, wie die Frau jahrelang ihrer Demaskierung entgehen kann. John Goodman ("The Big Lebowski") beeindruckt als Papst Sergius durch seine Körperlichkeit und amüsiert mit wohldosierter Komik.

So werden sich wohl nur Literaten daran stören, dass die Charaktere ziemlich eindimensional daherkommen. Johanna treibt ihre unwahrscheinliche Karriere nicht etwa aus Ehrgeiz voran, sie fällt ihr dank ihres Bildungshungers und ihrer Menschenliebe von selbst in den Schoß. Ihr Mentor und heimlicher Geliebter, Graf Gerold (David Wenham, der Faramir aus "Der Herr der Ringe"), ist durch und durch sanft und gut; ihr römischer Gegenspieler Anastasius (Anatole Taubman) hingegen ein einziges Bündel an Intrigantentum und Machtgeilheit.

Zwar zeichnen sich auch die Figuren der Romanvorlage nicht durch besondere Ambivalenz aus, doch hat Wortmann noch weitere Nuancen glatt gebügelt. So ist der Sergius des Buches wohl moralisch integer, aber ein weinerlicher Vielfraß und Säufer. Ansonsten hält sich Wortmann eng an Cross' Story und verzichtet darauf, eigene Akzente zu setzen. Deswegen dauert der Film auch satte zweieinhalb Stunden.

Wie dem auch sei: "Die Päpstin" ist opulentes Popcorn-Kino, unterhaltsam und grandios gefilmt. Wie die jüngsten Besucherzahlen der Branche belegen, lieben Kinogänger derzeit Produktionen, die sie in andere Welten mitnehmen und ihnen ein paar Stunden Auszeit von der Wirtschaftskrise verschaffen. Es wird daher - so viel Wahrsagerei sei gestattet - zumindest für Constantin Film nach Jahren der Wirrungen ein Happy End geben.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools