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Warum alle verrückt nach "Twilight" sind

Mit "Eclipse - Bis(s) zum Abendrot" kommt der dritte "Twilight"-Film in die Kinos. Fans und Medien drehen durch. Aber warum eigentlich? stern.de über den großen Hype und die realen Zahlen.

Von Sophie Albers

Schreiende Teenager, Millionenumsätze und eine umfassende multimediale Dauerbeschallung begleiten auch den Filmstart des dritten Teils der "Twilight"-Saga, "Eclipse - Bis(s) zum Abendrot". Und dann erst die Zahlen: 100 Millionen Mal hat sich die Romanreihe von Stephenie Meyer verkauft. Mehr als 665 Millionen Dollar haben die ersten drei Filme eingespielt, und der dritte Teil ist in Deutschland gerade erst angelaufen. Zählt man die DVD-Verkäufe hinzu, sollen es mehr als eine Milliarde Dollar sein. Zudem ergehen sich Klatschblätter seit Monaten in Mutmaßungen über eine ganz reale Romanze zwischen den beiden Hauptdarstellern Kristen Stewart und Robert Pattinson. Und wir haben gerade Mal gut die Hälfte geschafft: Zwei Filme kommen noch.

Stehen Sie fassungs- und verständnislos mitten drin im Hype-Theater und wurden von ihrer Teenager-Tochter oder -Nichte gerade gefragt, unter welchem Stein Sie eigentlich leben, lesen Sie bitte weiter. Wer schon drin steckt im "Twilight"-Strudel, nimmt bitte diese Abzweigung.

Der Hype

Es gibt diese Hollywood-Legende, die immer wieder einem anderen Regisseur zugeschrieben wird, und die geht so: Ein berühmter Filmemacher träumt regelmäßig von der perfekten Geschichte. Doch wenn er morgens aufwacht, hat er sie vergessen. Also legt er sich Zettel und Stift neben das Bett und nimmt sich vor, das Geträumte noch in der Nacht aufzuschreiben. Am nächsten Morgen greift er ganz aufgeregt nach dem schlaftrunken bekritzelten Zettel. Und darauf steht: "Junge trifft Mädchen."

Auch "Twilight" bedient sich der Formel, die neben Krieg und Tod seit Jahrtausenden das größte Thema in Kunst und Literatur ist: Liebe. Von Homer über Dante bis Shakespeare ist es auch bis zu Stephenie Meyer vorgedrungen. Die Mormonin mit drei Kindern aus Connecticut, die vor "Twilight" noch nicht mal eine Kurzgeschichte verfasst haben will, hatte - der Legende nach - eines Tages auch einen Traum, und der ging so: Ein durchschnittliches Mädchen und ein wunderschöner Vampir sitzen in einer Blumenwiese und führen ein intensives Gespräch über die Liebe. Am Morgen fuhr Meyer ihre Kinder zum Schwimmunterricht und fing dann mit dem Schreiben an.

Es entstand die spätestens seit "Romeo und Julia" so beliebte Geschichte der unmöglichen Romanze. Nur waren aus den Kindern zweier verstrittener Häuser eben ein Menschenkind namens Bella und ein Vampir namens Edward geworden, die der Blutdurst des bildschönen Monsters an der Erfüllung ihrer Liebe hindert. Als abgemilderter Tybalt wirft sich ab und an Werwolf Jacob zwischen die Liebenden. Und spielen tut das Ganze nicht im sonnigen Verona, sondern im verregneten Kaff Forks im US-Bundesstaat Washington.

1,3 Millionen Bücher an einem Tag

2005, zwei Jahre nach Meyers Traum, wurde "Twilight" - das erste Buch gab der Serie ihren Namen - mit einer Auflage von 75.000 veröffentlicht und landete innerhalb eines Monats auf Platz fünf der Bestsellerliste für Kinderbücher der "New York Times". Die drei Fortsetzungsbände folgten Jahr auf Jahr: "New Moon - " (2006), "Eclipse" (2007), "Breaking Dawn" (2008). "New Moon" blieb elf Wochen lang auf Platz eins der Bestsellerliste. "Breaking Dawn" verkaufte sich allein in den USA am ersten Tag 1,3 Millionen Mal. Rund 100 Millionen der in 37 Sprachen übersetzten Bücher sollen mittlerweile weltweit verkauft worden sein.

Lesen Sie auf Seite 2, wer sagt, dass Stephenie Meyer nicht schreiben kann

"Stephenie Meyer kann nicht schreiben"

Die Filmrechte an "Twilight" wurden 2007 verkauft, und der erste Film mit Kristen Stewart als Bella, Robert Pattinson als Edward und Taylor Lautner als Jacob kam 2008 in die Kinos. Der Rest ist Erfolgsgeschichte: Die Bücher, die Filme und ihre Darsteller sind Kult. Es hat sich eine ganze "Twilight"-Gemeinde gebildet, zum größten Teil bestehend aus hormonüberfließenden Teenagern, denen die großen Gefühle und auch die Gemeinschaft über die Pubertät helfen. Aber auch Erwachsene erliegen dem Charme der Geschichte, die doch so bekannt ist, aber eben anders erzählt wird. Nur geben es die Wenigsten offen zu.

Denn mit Hochliteratur hat "Twilight" nichts zu tun. Laut dem gefeierten Horrorautor Stephen King nicht mal mit guter Unterhaltungsliteratur: "Der wirkliche Unterschied zwischen ['Harry Potter'-Autorin] J.K. Rowling und Stephenie Meyer ist der, dass Rowling eine großartige Schreiberin ist. Stephenie Meyer kann überhaupt nicht schreiben", empörte er sich im Interview mit "USA Weekend", zollte dafür aber den "Geschichten und dem Rhythmus" von "Twilight" Respekt. Das ziehe die Menschen an. Stephenie Meyer schreibe für eine ganze Generation von Mädchen, indem sie ihnen ermögliche, Liebe und Sex auf eine sichere Art mitzuerleben. "Es ist aufregend, es ist spannend, aber es ist nicht bedrohlich", so King.

Man muss träumen können

"Harry Potter" ist ein gutes Stichwort, weil J.K. Rowlings ebenfalls verfilmte Erfolgsreihe der Jahre 1997 bis 2007 sich zum Vergleich anbietet. Auch hier war der Hype überwältigend. Aber die Zahlen sind dann doch noch andere. Und das ist der Zeitpunkt, um "Twilight" ins rechte Licht zu rücken. Die - zugegeben - sieben "Harry Potter"-Bücher haben sich insgesamt 400 Millionen verkauft, wurden in 67 Sprachen übersetzt, und die letzten vier gehören zu den schnellstverkauften Büchern aller Zeiten. Die Filme - wobei der letzte noch aussteht - gelten als erfolgreichste Filmreihe aller Zeiten - vor "James Bond", "Star Wars" und "Der Herr der Ringe". 5,4 Milliarden Dollar haben die Filme bisher eingespielt, mit einem Durchschnittsergebnis von 903 Millionen Dollar pro Film. Die "Twilight"-Serie belegt in dieser Liste Platz 13, hinter "Ice Age", "Spider-Man" und "Shrek". Bei den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten ist der höchste Einstieg der erste Teil, "Twilight - Bis(s) zum Morgengrauen", auf Platz 124 mit 408,8 Millionen Dollar. Geschlagen von als mittelmäßig bewerteten Erfolgen wie "Troja" (76), "Men in Black" (55) und "2012" (32).

Bei den Büchern sieht es ähnlich aus: Rowling gewinnt haushoch mit mehr als 400 Millionen Exemplaren, aber auch "Der Herr der Ringe", "Peter Rabbit" und "Die Chroniken von Narnia" wurden häufiger verkauft. Wobei "Twilight" definitiv im oberen Mittel steht, aber wohl auch vom Wiederentdecken der Leselust durch "Harry Potter" profitiert hat. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Hype um Meyers Vampir-Welt natürlich dem großen Erfolg geschuldet ist, aber auch einiges an heißer Luft enthält.

Aber die muss man erstmal herstellen, und da muss man das Talent Meyers und diverser PR-Strategen anerkennen, die mit der Liebesgeschichte von Edward und Bella mitten ins Schwarze getroffen haben. Denn das herzzerreißende Sehnen, das sich in der - zumindest auf den ersten Blick - unmöglichen Liebe manifestiert, ist wie gesagt schon Tausende Jahre alt. Nur kommt es eben auf die richtige Mischung an. Und dazu muss man eben träumen können.

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