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Das Erfolgsgeheimnis von "Fifty Shades Of Grey"

Was einst als Fanfiction begann, läuft inzwischen im großen Kino - aber warum und wie genau konnte "Fifty Shades Of Grey" so ein Welterfolg werden? Eine Spurensuche.

Von Andrea Ritter

Mit "Fifty Shades Of Grey" schrieb E.L. James einen Weltbestseller. Angefangen hat das Ganze jedoch als Fanfiction.

Mit "Fifty Shades Of Grey" schrieb E.L. James einen Weltbestseller. Angefangen hat das Ganze jedoch als Fanfiction.

Dieser Artikel erschien bereits im stern Nr. 1 von 2013.

2012 war ihr Jahr. Auf einmal war sie da - und erschütterte die literarische Welt: E. L. James. In weniger als zehn Monaten haben sich die drei Bände ihres Erotik-Schmökers "Shades of Grey" über 75 Millionen Mal verkauft; Geschwindigkeitsrekord, schneller ging noch nie ein Buch um die Welt, nicht einmal "Harry Potter" – und das in einer Zeit, in der man dem bedruckten Papier schon den Grabstein bestellen wollte. Und dann auch noch in diesem Genre! "Hausfrauenporno" ist noch eine der liebevolleren Bezeichnungen für dieses rätselhafte Buch, rätselhaft vor allem für Männer, die sich in Bussen, Bahnen oder Flugzeugen plötzlich einer Armada sexbuchbewehrter Frauen gegenübersehen: Die Erfolgsgeschichte von "Shades of Grey" ist weiblich.

Der Text wurde von einer Frau geschrieben, von Frauen entdeckt, verlegt und bearbeitet; das Buch wird von Frauen gekauft, gelesen und verbreitet. Das ist ein Teil des Phänomens. Die Geschichte dahinter ein anderer. Die Wellen, die das Buch ausgelöst hat, ein dritter. Der Erfolg von "Fifty Shades" ist eine Geschichte um Geld, Sex, Leidenschaft. Eine Geschichte vom Lesen und Schreiben, von Wahrnehmung und Ignoranz; besser als Hollywood, verzwickter als "Verbotene Liebe".

Die Geschichte beginnt im August 2009 in den Tiefen einer emsigen Subkultur: Frauen im World Wide Web.

Von Fanfiction zum Weltbestseller

Am 18. August 2009, einem Dienstag, setzt sich Erika Leonard - so E. L. James' richtiger Name - zu Hause in London vor ihren Computer, surft auf die Seite Fanfiction.net und legt dort einen Account an.

Das Internetforum gehört zu den beliebtesten in der Community der sogenannten Fan-Schreiber: Menschen, die so begeistert von einer Serie, einem Roman oder einem Star sind, dass sie sich unzählige Geschichten dazu ausdenken. Millionen von Menschen. Millionen Geschichten.

Hingebungsvoll werden die verehrten Figuren mit neuen Handlungsfäden umsponnen, mit anderen Protagonisten, Zeiten oder Orten verwoben: Die Fantasien sind so grenzenlos wie das Netz. Die englischsprachige Seite Fanfiction.net beispielsweise verzeichnet über zwei Millionen Nutzerprofile. Unter dem Radar der Öffentlichkeit - zumindest bis "Shades of Grey" auftauchte - produziert im Netz eine unermüdliche Textfabrik Fragmente, Fortsetzungen und Variationen popkultureller Themen: "Star Trek" als schwüle Homo-Romanze auf dem Planeten Vulkan? Ein Klassiker der Fan-Literatur, fast schon ein eigenes Genre. Jane Austens "Stolz und Vorurteil"? Klar, gibt es, auch im Zombie-Style. Ob "Shakespeare in Love", very deep, very dirty, Justin Biebers erstes Mal oder niedliche Intrigen aus der abgründigen Welt von "Mein kleines Pony": Es gibt so ziemlich alles. Allein zum Stichwort "Harry Potter Potter" findet man bei Fanfiction.net mehr als 600.000 Geschichten.

Und dieses Forum ist nur eines von vielen.

Die beiden Hauptdarsteller im "Fifty Shades Of Grey"-Film - Dakota Johnson und Jame Dornan - hatten die undankbare Aufgabe, millionenfachem Kopfkino gerecht werden zu müssen.

Die beiden Hauptdarsteller im "Fifty Shades Of Grey"-Film - Dakota Johnson und Jame Dornan - hatten die undankbare Aufgabe, millionenfachem Kopfkino gerecht werden zu müssen.

Alice im Sex-Wunderland

Erika Leonard, alias E. L. James, ist leidenschaftlicher Fan von "Twilight". Stephenie Meyers Liebesgeschichte um das Highschool-Mädchen Bella Swan und den überirdisch schönen Vampir Edward Cullen inspiriert die Fantasie der glücklich verheirateten Ehefrau und zweifachen Mutter. Bis tief in die Nacht sitzt sie vor ihrem Computer und schreibt. Ihr Pseudonym: "Snowqueens Icedragon". Ihre Geschichte: Eine junge Literaturstudentin namens Bella, 21, unerfahren, unbeholfen, ungeküsst, interviewt für die Uni-Zeitung den überaus attraktiven, reichen und rätselhaften Firmenboss Edward Cullen, 27. Er ist der begehrteste und einsamste Junggeselle Amerikas.

Sie findet ihn magisch. Er findet sie unwiderstehlich. Er hat ein Geheimnis. Sie will es ergründen. Bald schon können die beiden ihre Finger und andere Körperteile kaum noch zurückhalten. Er jedoch sagt: "Ich schlafe nicht mit jemandem. Ich ficke ... hart." Sie findet das "heiß". Er sagt, sie habe keine Ahnung, worauf sie sich einlasse: "Komm, ich zeige dir mein Spielzimmer ..."

Im Netz wird die dreiteilige Serie, die anfangs noch "Master of the Universe" ("MotU") heißt, rasch zum weit verlinkten Geheimtipp: Bella und Edward in der Erwachsenenwelt - und endlich auch richtig im Bett. "Snowqueens Icedragon" schreibt dort weiter, wo Stephenie Meyer aufhört, explizit; die bedrohlich-anziehende Spannung des Vampirs wird zur nicht minder anziehenden Spannung eines sexuell dominanten Traumtypen (So gut aussehend! So kultiviert! Er spielt Bach auf dem Klavier und trinkt Hendrick’s Gin mit Gurke!) - und natürlich hat auch dieser Mann ein paar vampiresk-dunkle Seiten: Das "Spielzimmer", stellt die kulturgeschichtlich interessierte Studentin wacker fest, erinnere sie an die Folterkammern der Spanischen Inquisition. Seile, Ketten, Peitschen. Na denn.

Im normalen Leben wäre ein derart unerfahrenes Mäuschen nun vermutlich rasch ins Taxi gehuscht. Im Roman geht die jungfräuliche Studentin dem Pakt mit ihrem düsteren Verführer beherzt entgegen. Schritt für Schritt folgt sie ihm in sein unbekanntes Reich. Alice im Sex-Wunderland - und die Leser können sie bei dieser abenteuerlichen Expedition begleiten.

Die Fantasie ist mutiger, wilder und weiter als das Leben, es gibt keine Grenzen, keine Scham. Und im Internet muss man Fantasien noch nicht einmal aussprechen: Man kann hinschreiben und durchlesen, was man will. Völlig anonym.

Wo liegen gesellschaftliche Beschränkungen?

Im Netz kursiert - halb im Scherz, halb ernst gemeint - die "Regel 34": Egal, was es auf der Welt gibt, das Netz hält dazu eine Porno-Variante bereit. Wer sich darüber wundert, dass Millionen Frauen eine Sex-Geschichte mit sadomasochistischen Spielereien zu ihrem Lieblingsbuch erklären, braucht sich eigentlich nur im Netz umzusehen: Ein Großteil der Fan-Geschichten ist, milde gesagt, erotisch aufgeladen - die Textfabrik als sexuelle Traumfabrik, von Frauen für Frauen.

Die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Camille Bacon-Smith sieht darin einen "subversiven Akt" - Frauen kommen in den Schreibforen zusammen und erschaffen sich einen Ort, der außerhalb der gesellschaftlich akzeptierten Beschränkungen liegt. Dass es für Frauen an diesem Ort in erster Linie darum zu gehen scheint, sexuelle Fantasien auszutauschen, ist vielleicht ein Indiz dafür, wo diese gesellschaftlichen Beschränkungen liegen.

Fan-Fiction ist eine Subkultur, in der es Regeln gibt. Man ist nett zueinander, man verspottet keine Fantasien oder Vorlieben, so krude oder naiv sie auch sein mögen. Man muss sich für nichts schämen, man ist anonym, man findet Gleichgesinnte - auch und vor allem für jene Dinge, die man nicht einmal seiner besten Freundin erzählen würde. Was nicht heißt, dass es in den Geschichten immer krass zur Sache gehen muss. Es ist kein Wettbewerb, niemand beurteilt die Texte danach, wie exotisch, ausgefallen oder drastisch die herbeifantasierten Inhalte sind. Ob eine Geschichte beliebt ist, zeigt die Anzahl der Kommentare.

"Master of the Universe" versammelt schnell zigtausend lobende Besprechungen. "Snowqueen Icedragon", von ihren Fans liebevoll "Icy" genannt, avanciert zum Star der Szene, mit einer treuen Gefolgschaft - den "Bunker Babes", die diese spezielle Edward-und-Bella-Variante in den Foren der "Twilight"-Anhänger wie eine Cheerleader-Truppe bejubeln.

Und bald werden auch professionelle Verleger aufmerksam.

Nicht schwarz, nicht weiß - Grey

Eine Geschichte, die im Netz so viele Leserinnen entflammt, wird auch jenseits der virtuellen Welt ihr Publikum finden – so die Kalkulation der Australierin Amanda Hayward, die schon häufig Fan-Literatur veröffentlicht hat und den Text für ihren E-Book-Verlag einkauft. Die Handlung ist weit genug von "Twilight" entfernt; aus rechtlichen Gründen müssen die Figuren jedoch umbenannt werden. Das unschuldige Mädchen bekommt einen stahlharten Namen: Anastasia Steele. Und der zwielichtige Superperformer, dessen "Fifty Shades" - "Fünfzig Facetten" - die Leserinnen elektrisieren, wird Christian Grey genannt. Nicht schwarz, nicht weiß, nicht gut, nicht böse: Der Mann ist eben äußerst vielschichtig.

Tish Beaty, die erste Lektorin von E. L. James, sagt, sie habe den Text "mit Samthandschuhen" bearbeitet und selbst Kleinigkeiten nur in enger Rücksprache mit der Autorin verändert. Offenbar eine gute Entscheidung: Das E-Book wird zum Bestseller - und zum heißen Party-Talk bei den Ladys der New Yorker Upper East Side. So werden auch die Lektoren größerer Häuser aufmerksam. Die Verlagsgruppe Random House ersteigert schließlich für einen siebenstelligen Betrag die Print-Rechte. Und mit dem Erfolg des Buchs kommt die große Verwunderung: Warum lesen das so viele? Was ist an dieser Geschichte so scharf? Und lerne ich dabei etwas über Frauen?

SM-Buch ohne SM-Sex

Wenn der Erfolg eines Produkts unsere Bedürfnisse spiegelt, dann sind die 75 Millionen verkauften Exemplare von "Shades of Grey" schlicht ein Signal dafür, dass Frauen sexuell stimulierendes Material wollen und konsumieren – nicht mehr und nicht weniger.

Allerdings: Da war ja noch etwas anderes. Spielzimmer, Fessel-Sex, Peitschen. 2012 ist auch das Jahr, in dem Millionen Frauen lernten, was ein "Flogger" ist - eine mehrschwänzige Riemenpeitsche nämlich. Wollen Frauen also insgeheim Unterwerfung und dominante Männer? In der Fantasie offenbar ja, gelegentlich. Auch im echten Leben?

Am besten einfach mal nachfragen. So wie Christian Grey, der macht das geradezu vorbildlich: Triebhaft und rücksichtsvoll zugleich, impulsiv und doch ständig um Anastasias Sinnesfreuden bemüht - in ihren Sexspielen geht es darum, Grenzen auszuloten. Er hat Angst vor Nähe, sie hat Angst vor seinen Praktiken, beide bewegen sich aufeinander zu und finden im Überschreiten ihrer Grenzen Ekstase.

Sadomasochistischen Sex gibt es in den Büchern übrigens nicht. Die wirklich fiesen Folterinstrumente aus Christian Greys Sammlung hängen an der Wand wie Hirschgeweihe. Trophäen einer vergangenen Zeit. Der Mann ist bestenfalls ein Ex-Sadist, und auch das nur wider Willen: Er schlägt und bestraft, weil er selbst, seufz, vom Leben geschlagen und bestraft wurde. Bis Anastasia Steele antritt, die Auserwählte, bereit, ihn ins Licht zu führen.

Ihr Glaube an die Liebe überquert die Abgründe seiner geschundenen Seele. Der Kuss der Prinzessin erlöst den Froschkönig. Die Schöne zähmt das Biest. Das Motiv ist uralt: Wahre Liebe rettet, Unschuld heilt das Herz des Verdammten. Und am Ende wird geheiratet. Allerdings: Auch als Ehemann und Vater fällt Christian Grey immer noch zügellos über seine Gattin her und fesselt sie an den Bettpfosten. Sein inneres Biest wird gezähmt, ihres wird freigelassen.

"Die Leute spielen nicht, sie trauen sich nichts"

"Unterwerfung oder erzwungener Sexualverkehr gehören zu den häufigsten erotischen Fantasien bei beiden Geschlechtern", sagt Ann-Marlene Henning, Sexualtherapeutin in Hamburg und Autorin des Buchs "Make Love". Bei Frauen stecke dahinter das Bedürfnis, starkes Begehrtwerden zu spüren. "Frauen wollen gesehen werden, als Frau, als sexuelles Wesen." Einen Widerspruch zu feministischen Idealen oder eine geringe Selbstachtung sieht sie darin nicht: "Das Bett ist das Bett, und das andere ist das andere. Das kann man verhandeln. Und man kann es idealerweise immer wieder neu verhandeln, auch im Bett. Ich muss nicht immer stark sein oder immer schwach."

Doch gerade mit diesen Verhandlungen täten sich Paare oft schwer. Frauen fühlten sich nicht wahrgenommen. Männer seien verunsichert. "Das größte Problem ist, dass die Themen nicht auf den Tisch kommen. Die Leute spielen nicht, sie trauen sich nichts." Ein Buch wie "Shades of Grey" sei da gar nicht so schlecht, könne es doch dazu beitragen, sexuelle Fantasien zu entdecken, Worte dafür zu finden. "Bei SM denken die Leute ja immer gleich an Schweinereien und Gewalt und Schmerzen", sagt Ann-Marlene Henning. "Aber was SM-Praktizierende auf jeden Fall haben, sind klare Absprachen. Die wissen genau, was der andere mag und wo seine Grenzen liegen. Die reden darüber. Und das versuche ich auch bei den Paaren in meiner Praxis anzulegen."

Gleichberechtigung hin oder her - am Ende sei es ja nun mal so: "Eine Frau muss weich sein und etwas reinlassen, ein Mann muss hart sein und etwas einführen. Das gilt aber nur fürs Bett. Der Rest kann dann wieder ganz ausgeglichen und partnerschaftlich sein, wenn beide Geschlechter das verstanden haben."

Aus ihrer Praxis weiß Ann-Marlene Henning auch, dass Frauen "Shades of Grey" zum Masturbieren benutzen. "Das ist sehr positiv! Die Frauen können sich ganz gemütlich mit einer Tasse Tee zurückziehen und betreten eine geheime, versteckte Welt für sich. Sie lesen, und keiner kann sehen, was sie denken oder tun. Und dann können sie mal richtig schön Erregung spüren."

Frauen würden eher durch Worte erregt als durch Bilder, eher durch Texte als durch Filme. "Männer sind visuell, Frauen akustisch", sagt Henning. "Es ist eher unwichtig, ob dieses Verhalten angeboren oder anerzogen ist. Ich stelle bei meiner Arbeit nur fest, dass es diesen Unterschied gibt."

Der Teppich bleibt sauber

Die erotischen Passagen der "Shades" sind im Vergleich zu anderen Texten des Genres nicht besonders detailliert - und vermutlich liegt der Verkaufserfolg darin, dass eine gewisse Schamgrenze der Leserinnen nicht überschritten wird. E. L. James, die gern Jeansjacken und praktisches Schuhwerk trägt, hat mit ihrer Protagonistin Anastasia eine Figur geschaffen, die ihren Leserinnen gleichermaßen fremd wie vertraut ist: Sie ist jung und naiv; sie ist aber auch wagemutig und experimentierfreudig. Sie entwickelt großen Spaß an den seltsamen Dingen, die Mr Grey mit ihr anstellt – und vor allem steht sie in engem Kontakt zu ihrer "inneren Göttin", von der sie in der Manier eines sexuellen Personal Trainers ermuntert wird, sich ihrem Körper und seinen Empfindungen hinzugeben.

Unentwegt geht es in dem Buch darum, wie sehr sie ihn will, wie heftig ihr Körper reagiert - und wie sehr er sie begehrt. Sie ist passiv. So passiv wie ein Magnet. Die Erdanziehungskraft ist ein Witz gegen die Wirkung, die sie auf ihren Liebhaber hat. Während ein Porno auch ohne Handlung immer noch ein funktionierender Porno ist, wäre "Shades of Grey" auch ohne Sexszenen immer noch ein funktionierender Liebesroman.

Das Buch sei bei Frauen nur deshalb so beliebt, weil nichts passiere, was den Teppich schmutzig mache, spotten Kritiker - und verbreiten damit genau jene Häme, die es in den Internetforen der Schreiberinnen nicht gibt. Aber sollen sie ruhig reden: Das Buch wird in der realen Welt ebenso hymnisch zelebriert wie im Netz. Und nicht nur das: Auch der Community-Geist ist übergesprungen. Von Anfang an standen die Leserinnen hinter ihrem Buch und ihrer Autorin, wild entschlossen, sich den Spaß nicht verderben zu lassen. Schon gar nicht von Literaturexperten, die an der mangelnden Qualität der Prosa rumnörgeln.

Die Vermarktungskette der Pop-Kultur greift

Andererseits: Wann haben professionelle Kritiker das letzte Mal einen Porno rezensiert? Und dabei sind sie, oh Wunder, auf ein mageres Handlungsgerüst gestoßen. "Shades of Grey" ist Trivialliteratur, mit allen Merkmalen, die das Genre kennzeichnen: affektgetrieben, theatralisch, redundant, in der Populärkultur verankert – "Pulp"-Literatur für Frauen. Statt Action-Heroes und Gewalt gibt es Sex-Heroes, Gefühlsexplosionen und eine spannende Nebenhandlung um Christian Greys dunkle Vergangenheit.

In England kann man das Buch bei "Tesco" an der Supermarktkasse kaufen. Und auch die Vermarktungskette der Popkultur hat längst gegriffen: Die Produktpalette reicht von einer CD-Compilation mit der Musik, die Christian Grey gern spielt, bis zu Merchandise wie Unterwäsche, pink beplüschten Handschellen oder jener Krawatte, die das Cover der amerikanischen Ausgabe ziert. "Shades" ist eine Marke geworden.

Bei ihrer Lesereise durch die USA, wo die gedruckte Ausgabe von "Shades of Grey" zuerst erschien, wurde E. L. James empfangen wie eine Jeanne d'Arc der verzweifelten Hausfrauen. stern- Korrespondentin Ulrike von Bülow, damals bei einer Lesung in der Nähe von New York vor Ort, berichtete: "Unter kristallenen Leuchtern sind hier rund 1000 Frauen zusammengekommen. Laut schnatternd, jeglichen Alters. Großmütterliche Damen im Twinset, junge Hühner mit Federboa und Louis-Vuitton-Tasche, die meisten rücken im Rudel an. Die Moderatorin sagt, E. L. James schreibe Frauenliteratur 2.O. - 'O' wie 'Orgasmus'. Riesenapplaus!! Jetzt kommt die Autorin rein, und die Ladys kreischen wie einst bei den Beatles."

Fragt man Frauen, was ihnen an den Büchern gefällt, bleiben die Antworten vage. "Mitreißend" sei es, "spannend" und "anregend". Viele haben zum ersten Mal einen explizit erotischen Roman gelesen - ohne überhaupt zu ahnen, dass ihnen das gefallen könnte. Für die amerikanische Sexualwissenschaftlerin Logan Levkoff ist die Diskussion um das Buch deshalb das größte Verdienst der "Shades"-Euphorie: Frauen begännen endlich wieder, sich mit ihren sexuellen Wünschen zu beschäftigen. Sie laut auszusprechen. Untereinander, mit ihrem Partner.

Dass das Buch jedoch noch weitaus mehr als nur den Redefluss stimuliert, macht sich an ganz anderen Stellen bemerkbar. Zum Beispiel in Bremen.

Größere Offenheit für Sex-Spielzeug

An der Weser sitzt die "Fun Factory", ein Hersteller für anspruchsvoll designtes Sexspielzeug, und die vermeldet kurz nach Erscheinen von "Shades of Grey" in den USA eine 300-prozentige Umsatzsteigerung beim Verkauf seiner "Smartballs", jener Vaginalkugeln, die sich Anastasia Steele auf Geheiß ihres Lovers einverleibt - "O...!" Die Produktion musste vorübergehend Sonderschichten einlegen. Die Kugeln würden eigentlich zum Trainieren der Beckenbodenmuskulatur eingesetzt, erklärt Kristy Stahlberg von Fun Factory. "Der stimulierende Aspekt funktioniert nicht bei jeder Frau, ist aber durch das Buch enorm gehypt worden."

Über zwei Millionen Produkte stellt Fun Factory pro Jahr her, mehrheitlich Vibratoren. Die Bestseller: "Delight", ein Vibrator in Schwanenhalsform, und ein Ministabvibrator namens "Ocean". Letzterer sei praktisch, weil er gut in die Handtasche passe, sagt Kristy Stahlberg. "Außerdem ist das ein Toy, das viele Paare benutzen, weil die Jungs vor dem keine Angst haben." Generell zeige sich eine größere Offenheit für den Einsatz von Sexspielzeug, Experimentierfreude mache sich breit. "Unsere Hauptklientel sind eigentlich Frauen und Pärchen zwischen 25 und 50 Jahren. Inzwischen merken wir, dass sich die Altersstruktur komplettiert, von 19 bis 79 Jahre. Es gibt Paare, die gezielt nach Spielzeugen fragen, die im Buch verwendet werden. Oder Männer, die etwas für ihre Frauen besorgen, weil sie das Buch mochten. Die Lektüre hat eine inspirierende Wirkung."

Bei Herstellern, die auf SM-Zubehör spezialisiert sind, hat der Erfolg des Buchs keine größere Nachfrage ausgelöst. "Unsere Kunden lesen, wenn überhaupt, ganz andere Sachen", sagt Marco Simmat vom Versandhandel SM-Toy in Berlin. Anja Koschemann von "Selfdelve", die in Dresden unter anderem handgefertigte Dildos in Obst- oder Gemüseform produziert, hat aufgrund von "Fifty Shades" einen Apfelknebel entwickelt: Grün und aus Silikon, prima zum Reinbeißen. "Das ist unsere Antwort auf die gesteigerte Nachfrage im Dominanzbereich", sagt Koschemann. "Er kommt bei Leuten gut an, die das nur einmal ausprobieren wollen und nicht gleich das ganz harte Programm fahren."

Die Zeiten, in denen Dildo und Vibrator als ädriger Phallus daherkamen, sind lange vorbei. Raffinierte Technik, ausgefallenes Design - Sexspielzeug wird zum Livestyle-Objekt. "It"-Accessoires für die "It"-Bag.

Im April dieses Jahres wurde E. L. James vom „Time-Magazine“ zu einer der 100 einflussreichsten Personen ernannt – und tatsächlich hat sie eine Menge bewegt. Etwa in der Verlagsbranche, die erkannt hat, wie groß der Markt für erotische Frauenliteratur tatsächlich ist. Es herrscht Goldgräberstimmung, kaum ein Publikumsverlag, der nicht irgendeine Sex-Reihe ins Sortiment gehoben hat; Buchhändlerinnen dekorieren ihre Schaufenster mit Vibratoren. "Shades of Grey" ist aber auch das erste Buch, das aus dem Internet kam und in der realen Welt Millionen verdient hat. Amerikanische Medien berichten von einem Bondage-Boom an den Universitäten; Frauen diskutieren heiße Stellenprosa im Lesezirkel, es gibt Schreibseminare für erotische Literatur.

Ein lustiger Twist, wenn man bedenkt, dass die aktuelle Sex-Manie eigentlich auf einem Vampirbuch basiert, dessen Autorin übertriebene Keuschheit und Prüderie vorgeworfen wurde.

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