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Hier gibt's was auf die Nazis!

Regie-Berserker Quentin Tarantino hat seinen neuen Film in Deutschland gedreht. Brad Pitt und jede Menge deutscher Darsteller machen in "Inglourious Basterds" Jagd auf Hitlers Soldaten. Der stern war beim Dreh dabei.

Von Matthias Schmidt

Adolf Hitler ist stinksauer. Nichts hält ihn mehr auf seinem gut gepolsterten Logenplatz. Er springt auf, stemmt die Arme in die Hüften und wettert: "Schluss! Aus! Was ist das für ein Unsinn!" Unten im Kinosaal, bis auf den letzten Platz gefüllt mit hohen Wehrmachts- und SS-Männern und ihren arischen Prachtfrauen, herrscht ebenfalls Entsetzen.

Ein glanzvoller Abend sollte es werden, die Pariser Premiere des Propagandafilms "Stolz der Nation". Doch nun tönt statt der Heldentaten eines jungen Scharfschützen eine kleine Jüdin von der Leinwand, beleidigt die Nazi-Ideologie als "Pferdescheiße" und kündigt dem "Mann mit dem kleinen Schnurrbart" Vergeltung an für die Auslöschung ihrer Familie.

"Unverschämtheit!" und "Licht an!", kann Hitler noch geifern, dann tritt Quentin Tarantino in schwarzem Anzug und buntem T-Shirt hinter ihm aus dem Halbdunkel und ruft "Cut! Wir machen das genauso gut noch einmal, nur noch besser. Und wenn ihr zwischendurch mal 'SiegHeil!' rufen wollt: Nur zu. Bloß nicht alle gleichzeitig, bitte."

Zurückziehen zum Mittagsschlaf

Es ist der 72. Drehtag von "Inglourious Basterds". Später soll es noch ein Feuer geben, eine Massenpanik und den heftigen Einsatz von Maschinengewehren. Doch nun ist erst mal Essenspause, der Regisseur aus den USA zieht sich, wie jeden Tag, zurück zum Mittagsschlaf. Was hier gerade in der weitläufigen Marlene-Dietrich-Halle des Filmstudios Potsdam-Babelsberg geschieht, sorgte bereits weit vor der ersten Klappe für Aufregung. Zuerst wurde nur bekannt, dass Tarantino endlich seinen lang angekündigten Weltkriegsfilm drehen wollte, und zwar in Deutschland und mit Brad Pitt. Und dann kam er. Seit Tarantinos Eintreffen in Berlin Ende Juli vergangenen Jahres stellte ihn die Boulevardpresse unter Dauerbeobachtung.

Paparazzi postierten sich vor den einschlägigen Hotels am Ku'damm und am Potsdamer Platz sowie vor einem renommierten Besetzungsbüro in Berlin-Wilmersdorf, und jeder Besuch des quadratschädeligen 46-Jährigen in Kneipen mit rustikalen Namen wie Ankerklause oder Alt-Berlin wurde sorgfältig dokumentiert. Beim ersten von zwei Massen-Castings, bei denen insgesamt 6000 Statisten vorstellig wurden, waren vor allem junge Männer mit Militärerfahrung oder Amputationen oder - besser noch - beidem gefragt. Was hatte dieser Kerl nur vor mit unserem verlorenen Krieg?

Wer mit den Filmen von Quentin Tarantino ("Reservoir Dogs", "Pulp Fiction", "Kill Bill") vertraut ist, ahnt: Das wird kein ernstes Drama mit Mimen, die ernst blicken und sich der Ernsthaftigkeit ihres Handelns bewusst sind. Tarantino macht kein Kino, sondern Kult: scharfzüngige Dialoge, groteske Gewaltausbrüche und Zitate aus der Popkultur, aus Film, Musik, Comics und Literatur.

Die Nazis werden zu Brei geprügelt

Im August tauchte dann die finale Fassung des Drehbuchs im Internet auf: Da war zu lesen von einem Haufen hochmotivierter jüdisch-amerikanischer Elitekämpfer, die 1941, also lange vor der Invasion der Alliierten, im besetzten Frankreich auf Nazi-Hatz gehen. Unter der Führung von Aldo Raine (Pitt), einem Minenarbeiter aus den Bergen von Tennessee, bringen die "Basterds" nicht einfach die verhassten Deutschen zur Strecke. Nein, sie prügeln sie mit Baseballschlägern zu Brei, sie skalpieren sie, nehmen ihnen Stiefel, Eisernes Kreuz und Goldzähne als Trophäen ab. Und verbreiten unter den Besatzern Angst und Schrecken. Raine: "Unsere Mission ist nicht, Gefangene zu machen, unsere Mission ist Nazis umbringen!"

Parallel dazu wird die Leidensgeschichte eines jüdischen Mädchens erzählt, das in einem Pariser Kino unterschlüpft und, während es ausgewählte Werke der Besatzungsmacht aufführen muss, ebenfalls auf Rache sinnt.

Nach dem gerade gestarteten "Unbeugsam - Defiance" mit Daniel Craig als Partisanenführer in den weißrussischen Wäldern ist "Basterds" bereits der zweite Spielfilm, der sich, wenn auchsehr anders, innerhalb kurzer Zeit mit dem jüdischen Widerstand beschäftigt. Die Opfer schlagen zurück, mit aller Brutalität.

Deutsche Besetzung

Auch über die Vergabe der wichtigsten Rollen sickerte mehr und mehr durch. Tarantino verblüffte am Ende durch eine sehr germanische Besetzungsliste. Diane Kruger spielt eine Filmdiva und Doppelagentin mit dem wunderbaren Namen Bridget von Hammersmark, Til Schweiger einen psychotischen Unteroffizier. Dazu kommen August Diehl, Gedeon Burkhard, Christian Berkel, Ludger Pistor, Jana Pallaske, Sylvester Groth und Martin Wuttke als Hitler. Den Scharfschützen im fiktiven Propagandafilm "Stolz der Nation" verkörpert Daniel Brühl.

Im Babelsberger Büro von Produktionsdesigner David Wasco, einem entspannten 60-Jährigen in Wanderschuhen, der schon seit den Zeiten von "Reservoir Dogs" und "Pulp Fiction" zu Tarantinos kreativen Wegbegleitern gehört, hängen farbige Zeichnungen und Fotos der Drehorte an den Wänden, auf mehreren Tischen stapeln sich Architekturmodelle aus Papier. Mit der Aussprache der deutschen "Locations" hat Wasco noch seine liebe Not, doch einige Versuche später hört man klarer: Gedreht wurde viel im Studio, aber auch in der Nähe von Sebnitz und Bad Schandau in der Sächsischen Schweiz, in Görlitz und im brandenburgischen Nauen, in Fort Hahneberg, einer Artilleriefestung von 1888 in Berlin-Spandau. Für Hitlers Arbeitszimmer nutzte man die ehemalige Nebenstelle der US-Botschaft in Berlin-Zehlendorf.

Wasco beschäftigt in Babelsberg ein ganzes Heer von wissenschaftlichen Beratern, Grafikern und Gestaltern für Uniformen, Kostüme oder Inneneinrichtung. Zur Premiere des fiktiven "Stolz der Nation" wurde extra ein Programmheft gedruckt sowie Filmplakate und Poster, detailversessen bis in die Logos und Stempel der NSDAP.

Tarantinos Welt

Das Drehbuch von "Inglourious Basterds" kümmert sich allerdings herzlich wenig um militärische und historische Korrektheit. Wasco: "Wir arbeiten so genau wir können, aber am Ende bleibt es doch immer eine Quentin-Welt."

Und die ist eben sehr speziell. Wenn Tarantinos Bastarde dann von August an durch unsere Kinos metzeln - die Weltpremiere ist Mitte Mai auf dem Filmfestival von Cannes -, wird mit Sicherheit die Frage laut werden: Darf Popkultur das? Mit einem Budget von rund 70 Millionen Dollar zu Unterhaltungszwecken die Geschichte klittern, wenn auch im Sinne der Opfer? Was werden wohl Guido Knopp oder Frank Schirrmacher dazu sagen?

Lawrence Bender, der zusammen mit dem Studio Babelsberg den Film produziert, muss darüber nicht lange nachdenken: "Ich frage mich schon, wie wohl die Deutschen auf den Film reagieren werden, einen Punk-Rock-Heavy Metal-Kriegsfilm, wie man ihn noch nie gesehen hat." Er lehnt sich zurück und fährt sich durchs Haar. "Mein Instinkt sagt mir aber: Sie werden ihn lieben. Manchmal braucht es eben einen Ausländer, um die eigene Geschichte mit anderen Augen zu sehen."

Tarantino ist inzwischen wieder wach, löffelt schnell einen Vanillejoghurt und eilt zurück an den Set. Im Nebenraum, wo noch eines der riesigen Hakenkreuzbanner gebügelt wird, wartet bereits ein Dutzend präparierter Kinosessel auf seinen Auftritt: besprenkelt mit Kunstblut und voller Einschusslöcher.

Tarantino aber hat momentan nur Augen für den Führer. In der nächsten Szene, einer improvisierten Slapsticknummer, die nicht im Originaldrehbuch steht, tritt Hitler aus seiner Loge, mustert seinen schwer bewaffneten Leibwächter und raunzt: "Kaugummi!?" Der verdutzte Aufpasser wühlt in der Hosentasche und reicht dem Führer seine Packung. Hitler kaut langsam und genussvoll und schlägt dem Mann anerkennend auf die Schulter. Tarantino fällt vor Lachen fast vom Regiestuhl. Und lässt die Szene viermal wiederholen.

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