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Eine schrecklich kaputte Familie

Um der kleinen Olive ihren Traum zu erfüllen, quetschen sich fünf schräge Gestalten in einen klapprigen VW-Bus. Die Komödie "Little Miss Sunshine", in den Staaten ein Überraschungserfolg, entlarvt Schönheitsideale und wirbt erfrischend anders für die Familie.

Von Kathrin Buchner

Grandpa (Alan Arkin) ist wegen seiner Heroinsucht aus dem Altersheim geflogen und spricht nur über Sex. Der schwule Onkel Frank (Steve Carell) hat gerade einen Selbstmordversuch aus Liebeskummer überlebt, fürchtet um seine Reputation als Proust-Experte und braucht Rundumbetreuung. Bruder Dwayne (Paul Dano) liest Nietzsche und schweigt seit einem Jahr, um sich auf eine Karriere als Pilot vorzubereiten. Vater Richard (Greg Kinnear) ist daueraufgekratzt-positiv und sein ganzes Denken kreist um seinen neunstufigen Motivationsplan, den er vergeblich versucht, an den Mann zu bringen. Mutter Sheryl (Toni Collette) raucht eine Zigarette nach der anderen und tischt zum Abendessen Kentucky-Fried-Chicken und Plastikgeschirr auf.

In dieser Verlierersippe aus schrägen Individualisten wächst die siebenjährige Olive (Abigail Breslin) auf. Sie trägt eine Brille mit dicken Gläsern, ist pummelig und tanzt zu Musikvideos vor dem Fernseher. Ihr sehnlichster Wunsch: Schönheitskönigin zu werden. Als sie erfährt, dass sie zum "Little Miss Sunshine"-Wettbewerb zugelassen ist, schreit sie das ganze Haus zusammen. Wenigstens bei Olive hat das väterliche Motivationsprogramm gewirkt und sie mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein und Siegeswillen versehen. Familie Hoover, notorisch knapp bei Kasse, bleibt nichts anderes übrig, als sich gemeinsam in den klapprigen VW-Bus zu zwängen und den Weg von New Mexico nach Kalifornien anzutreten.

Leiche im Kofferraum

Doch der Familienausflug ist keine Ausflugsfahrt mit Picknickkorb, sondern entwickelt sich zum Horrortrip mit Autopannen, Pornoheften und einer Leiche im Kofferraum. Aus der verhängnisvollen Begegnung mit einem Polizisten kommen sie nur dank des peinlichen Sexheftchens von Opa ungeschoren davon. Skurrile Situationskomik, brillanter Wortwitz und die großartigen Schauspieler machen solche Situationen zu absoluten Lachern, ohne die Protagonisten der Lächerlichkeit preiszugeben.

Weder klemmende Hupen, noch kurzzeitige Lebenskrisen der Insassen, ja nicht einmal der Tod des Grandpas kann die Höllenfahrt stoppen. Die durch und durch egozentrischen Individualisten bringen es nicht übers Herz, dem siebenjährigen Sonnenscheinchen ihren Lebenstraum zu zerstören. Die kaputte Gangschaltung zu reparieren, würde zu lange dauern und so wird jeder Start zur sportlichen Herausforderung - nur mit Anschieben geht's weiter. Nicht dass der klapprige VW-Bus mit seinen schrägen Insassen auffällig genug wäre, irgendwann lässt sich die Hupe nicht mehr abstellen, und der Hooversche Familienclan bewegt sich zwar langsam, aber unüberhörbar voran.

VW-Bus wird zu rollende Therapie-Couch

Zwangsläufig auf engem Raum vereint, wird der Roadtripp vorbei an schroffen Felsformationen und öden Wüstenlandschaften zur Therapiestunde, der VW-Bus mutiert zur rollenden Couch, und schweißt die Familie zusammen. Das zauberhafte Spielfilm-Debüt des Werbefilmerpaars Valerie Faris und Jonathan Dayton, entlarvt nicht nur gängige Schönheitsideale, sondern plädiert herzerfrischend für ein modernes Familienbild, in dem jeder seine Schrullen ausleben darf und respektiert wird.

Trotz der kathartischen Reise ist nicht der Weg das Ziel - die größte Herausforderung steht den Hoovers nach ihrer Ankunft in Kalifornien noch bevor: Olive mit der Biene-Maja-Figur ohne bleibenden seelischen Schaden durch den Wettstreit mit all den spindeldürren Barbie-Kopien zu lavieren. Wie das gelingt, ist drehbuchtechnisch ein absoluter Glücksgriff und soll nicht verraten werden. Nur so viel sei gesagt: "Little Miss Sunshine" hat beim renommierten Sundance Film Festival frenetischen Applaus bekommen und sich in Amerika zum Überraschungserfolg entwickelt. Einen Oscar hätte der skurrile Roadtrip jenseits von Hollywood allemal verdient.

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