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Die Witze des rosa Pinguins

Gerade ist "Wolke 9" angelaufen, ein Film über Sex im Alter. Jetzt kommt "NoBody's perfect" in die Kinos und zeigt Contergan-geschädigte als Aktmodelle. Anders als in "Wolke 9" hat sich sogar der Regisseur ausgezogen. Er bezeichnet sich selbst als rosafarbenen, rundlichen Pinguin und spart auch sonst nicht an Ironie.

Von Johannes Gernert

Sie stehen und schauen, aber sie starren nicht. Ein wolkiger Sonntagnachmittag, September. Berlin, Potsdamer Platz. Eine Gruppe italienischer Touristen hat die Tafeln mit den großformatigen Fotos entdeckt. Darauf sind nackte Menschen abgebildet. Sie haben zu kurze, verschlungene Arme oder Beine, oder beides. Einer thront auf einem Stuhl wie ein Buddha. Eine lehnt an einem Pferd. Ihre Mütter haben vor über vierzig Jahren ein Schlafmittel namens Contergan genommen. Manche nur eine einzige Pille. Niko von Glasow steht auf dem Porträt, das ihn zeigt. Daneben sein Sohn, blond gelockt. Er deutet auf von Glasows Penis. Die Italiener sehen sich alles in Ruhe an. In dem Fall ist das so beabsichtigt.

Die Aktfotos sind Teil einer Ausstellung, die während eines Filmprojekts entstanden ist. Nachdem er jahrzehntelang wegen seiner kurzen Arme wahlweise angestarrt oder ignoriert worden war, hat der Regisseur Niko von Glasow beschlossen, sich diesen Blicken ganz bewusst zu stellen. Er hat andere Contergangeschädigte gefragt, ob sie sich nackt fotografieren lassen würden. Elf haben zugesagt. In seinem Film "NoBody's perfect" beschreibt von Glasow den Weg ins Fotostudio. Die hellen Scheinwerfer leuchten dort Körper aus, die so auf der Leinwand bisher nicht zu sehen waren.

Warum gerade jetzt? Er weiß es auch nicht

"NoBody's perfect" läuft exakt eine Woche nach Andreas Dresens "Wolke 9" an. Dresen beschäftigt sich mit Liebe und Sex im Alter. Beide Regisseure bringen Themen ins Kino, die den Zuschauern Unbehagen bereiten. Sie tun es direkt und ohne an den entscheidenden Stellen abzublenden. Sie sparen wenig aus und ersparen dem Betrachter nichts. In beiden Fällen entsteht eine Schönheit, die man nicht erwartet hätte.

Ein Zufall, dass zwei Filme mit durchaus ähnlichem Ansatz fast zeitgleich erscheinen? Nein, sagt von Glasow im Gespräch mit stern.de. Eher eine kulturelles Bewegung. Das passiere durchaus häufiger, dass sich Strömungen ihren Weg zusammen ins Scheinwerferlicht bahnten (siehe Kasten). Warum gerade jetzt? Er wisse es auch nicht. Vielleicht ist es die längst überfällige Reaktion auf den viel zu perfekt polierten Sex der Hollywood-Dramen und Hochglanz-Magazine, auf die Omnipräsenz am Computer zurechtbearbeiteter Überkörper.

"Eine verdammte Scheiße"

Viel mehr als Dresen noch arbeitet von Glasow dabei mit Humor, einer nicht immer ganz feinen Selbstironie. Als er einen alten Schulfreund besucht, der wegen des Contergans im Rollstuhl sitzt, sprechen sie über ihre Situation. Eine erhebliche Belastung, sagt der Freund, ein Anwalt. Eben nicht, erwidert von Glasow: "Das ist keine erhebliche Belastung, es ist eine verdammte Scheiße." Er weigert sich, sein Leben in politisch korrekte Formulierungen zu fassen. Und als er mit einem seiner Aktmodelle, einer Frau aus Großbritannien, darüber redet, dass ihr Sohn bald als Soldat nach Afghanistan geht, sagt er: "Vielleicht verliert er seine Beine. Dann könntest du ihm was beibringen." Solche Bemerkungen bringen nicht immer das, was man im Englischen "comic relief" nennt. Oft allerdings macht das Lachen die Sache tatsächlich etwas leichter. Es hat auch etwas Komisches, wenn der hochintelligente Astrophysiker im Rollstuhl durch die Disko fährt und versucht, Frauen an Busen und Hintern zu grapschen, bis ein Kumpel ihn einfach nach draußen schiebt. Wie er das überhaupt gekonnt habe, mit den kurzen Armen, fragt von Glasow den Freund, der den "Schmutzfink" schließlich aus dem Club gebracht hat, während der diese Geschichte erzählt. Als er sich beim Physiker selbst erkundigt, warum er das gemacht habe, ist es dann plötzlich gar nicht mehr so komisch. Ein etwas vergeblicher Versuch, sagt der, und sieht sehr traurig aus. Von Glasow lässt das Lachen zu, auch wenn es irgendwann aus einem Abgrund zurückschallt.

90 Minuten Schmerztherapie

Der Film solle ihm helfen mit seinem Schmerz umzugehen, sagt der Regisseur. Darin unterscheiden sich "NoBody's perfect" und "Wolke 9" - einmal ganz abgesehen davon, dass das eine ein Spielfilm ist und das andere eine Dokumentation. Dresen schaut mit freundlichem Blick auf "diese Alten", die in unserer Gesellschaft zum "anderen" gestempelt sind. Dagegen betrachtet von Glasow nicht von außen, sondern von innen.

Er ist selbst Contergangeschädigter. Er weiß, was es bedeutet, von der Toilette zu fallen. Immer noch sucht er nach einem Verhältnis zu sich selbst, zu seinem Körper. Er sagt nicht so entschieden, wie eine seiner Protagonistinnen: "Ich bin nicht 'kurze Arme'". Stattdessen tritt er als Unsicherer auf in dieser knapp 90 Minuten langen Schmerztherapie-Sitzung. Er fragt, aber er erzählt auch von sich, zweifelt. Und er lacht, und witzelt, immer wieder. Selbst als er es nicht schafft, sein Aktporträt der Firma Grünenthal als Geschenk zu übergeben, die Contergan jahrelang hergestellt hatte - auch als die fatale Wirkung bekannt war. Es ist nicht immer ein fröhliches Lachen. Aber meist ein befreiendes. Er sei auch ganz zuversichtlich, sagt von Glasow, dass die Therapie bei ihm anschlägt.

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