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Die Menschlichkeit von Sex und Gewalt

In "Only God Forgives" muss Ryan Gosling am Ende sogar Körperteile geben. Der Nachfolger von "Drive" ist noch blutiger geworden. Regisseur Nicolas Winding Refn sagt, was Gosling als nächstes erwartet.

Von Lutz Meier

  Nicolas Winding Refn will aus "uralten Grundgeschichten" das Kino der Zukunft machen.

Nicolas Winding Refn will aus "uralten Grundgeschichten" das Kino der Zukunft machen.

  • Lutz Meier

Es ist eine rechtlose, schöne Welt. Ryan Gosling als zweifelnder Rächer findet sich in "Only God Forgives" inmitten hermetischer thailändischer Dekors wieder. Es sind - ähnlich wie im gefeierten "Drive", den er ebenfalls mit Regisseur Nicolas Winding Refn gedreht hat, Räume, denen man nicht entkommen kann. Ebenso wenig wie Goslings Figur Julian dem Gesetz der Rache. Wenn man Nicolas Winding Refn fragt, warum der Film in Thailand spielt in Boxclubs und Bordellen, spricht er von der "irrealen Realität": "Es geht darum, eine Welt zu zeigen, die abgehoben wird, von der, die wir kennen", sagt er. Man müsse seine Filme als Märchen betrachten, ergänzt er, es geht allerdings in "Only God Forgives" fast noch brutaler zu als bei den Brüdern Grimm.

Kristin Scott Thomas als Mafia-Mama

Nicht erst seit "Drive" gilt der dänische Regisseur als Experte für erbarmungslos erzählte Geschichten mit berserkerhaftem Stilwillen. "Only God Forgives" wird interessant durch die Figur des zweifelnden Rächers. Julian (Gosling) soll für seinen toten Bruder Billy Genugtuung üben, dessen Rolle im kriminellen Mafia-Familienimperium der Amerikaner er in Bangkok nun auszufüllen versucht. Die Mutter, brachial gespielt von Kristin Scott Thomas, fliegt aus Amerika ein und verlangt Blutrache. Scott Thomas gab der Regisseur die Aufgabe gab, "eine Mischung aus Lady Macbeth und Donatella Versace" zu spielen, "das ultimative Böse", wie er sagt. Und so fesselt sie als lustvoll kühle Schlampen-Diva, die ihren Sohn Julian im Vergleich mit seinem toten Bruder für einen Schlappschwanz hält. Und zwar buchstäblich: Lang und breit lässt sie sich über die Größe der Geschlechtsteile ihrer Kinder aus.

Der Engel des Todes

Julians Gegenspieler ist der "Todesengel", der seine Mission mit unerbittlicher Ruhe erfüllt. Der Mann heißt Chang und ist als Polizeileutnant kurz vor der Pension allerdings eine recht freischwebende Inkarnation von Recht und dem Gesetz der Rache. Er offenbart Julian, warum sein Bruder sterben musste: Er hatte zuvor eine minderjährige Prostituierte abgeschlachtet, worauf Chang deren Vater das Gesetz der Rache an Billy vollziehen ließ, nicht ohne jenem anschließend einen Arm abzuschlagen.

"Sex und Gewalt sind die Extreme des Menschen"

So vollzieht sich die Geschichte um Mutter und Sohn, Bruder und Bruder, Schuld um Schuld mit der Konsequenz einer griechischen Tragödie. Tatsächlich ließ Refn sich vom antiken Drama inspirieren, wie er sagt. "Die Tragödien erzählen Urgeschichten und spielen alle menschlichen Dramen bis ins Extrem durch." Dramen, die man im alltäglichen Leben in verborgener und abgedämmter Form überall wiederfinde. "Mich treibt es an, diese uralten Grundgeschichten zu nehmen und aus ihnen das Kino der Zukunft zu entwickeln".

Aber welche Rolle spielt das viele Blut? "Sex und Gewalt sind die beiden Extreme des Menschen", sagt Refn. "Ich will ausmessen, wie sie sich beide befruchten". Gewalt ohne Zerstörung sei seine Idee. Es fließt wirklich sehr viel Blut in "Only God Forgives", aber die Musik, das Licht, die konstruierten Räume machen, das auch die brutalsten Gewaltorgien artifiziell bleiben.

"Als nächstes eine romantische Komödie"

Refn hat den Film im diesjährigen Wettbewerb von Cannes präsentiert, die Reaktionen darauf waren extrem unterschiedlich. "Only God Forgives" war schon geplant und geschrieben, als der Regisseur die Gelegenheit zu "Drive" bekam. Der auch dank Ryan Gosling ein weltweiter Erfolg wurde. Der Erfolg habe es nicht einfacher gemacht, seine Filme zu finanzieren sagt der Regisseur. "Ich versuche aber ohnehin, so billig wie möglich zu arbeiten, denn je teurer ein Film ist, desto mehr Druck bin ich ausgesetzt". "Only God Forgives" hat 3,5 Millionen Dollar gekostet - ein Minibudget.

In Cannes gab es Gerüchte, dass Gosling sich mit dem Dänen zerstritten hat, doch Winding Refn dementiert. "Er wird auch bei einem nächsten Film dabei sein." Falls man glauben kann, was der Regisseur ankündigt, dann bricht er aber mit seiner Tradition und dreht eine romantische Komödie "mit ganz viel Dialog", wie er schwört. Er wolle auch hier "bis in die Niederungen gehen". Zuvor ist aber erst noch ein Horrorfilm mit Carey Mulligan dran.

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